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TDR The Devil's Rejects

 

Ein ganz besonderer Saft

 

Rob Zombies Film "The Devil's Rejects" ist nur das jüngste Beispiel: Der 70er-Jahre-Splatterfilm, einst Thema für Spätvorstellungen und Spezialisten, zieht in die großen Kinos ein.

 

Mit Tobe Hoopers "Texas Chain Saw Massacre" und dem Horrorfilm verhält es sich wie mit dem ersten Sex-Pistols-Konzert und Punkrock: Wohl jeder, der den Film 1974 gesehen hatte, wollte danach seinen eigenen Splatterstreifen drehen. Hoopers Pionierstück des US-Independent-Kinos, das schließlich sogar in der Sammlung des New Yorker Museums of Modern Art landete, hinterließ tiefe Spuren in der Filmgeschichte: Er verlieh dem Begriff Horror eine ganz neue Qualität und veränderte Leben. Auch das von Rob Zombie.

 

Zombie hat mit "The Devil's Rejects" nun schon zum zweiten Mal nach "Das Haus der 1000 Leichen" sein eigenes Kettensägenmassaker verfilmt: eine Hommage an die billigen, schmutzigen und sadistischen Splatterfilme der 70er Jahre. Die waren damals Minderheitenkost, doch nach zwei Jahrzehnten sauberer Teenie-Slasherfilme und Horrorplots aus dem Baukasten hat auch das Massenpublikum Gefallen gefunden an harten Stoffen ohne doppelten Ironieboden: splitternde Knochen, blutige Fleischlappen, stumpfe Fleischerhaken. Splatter ist im Multiplexkino angekommen.

 

Die Handlung von "The Devil's Rejects" ist schnell erzählt. Der Film beschreibt in immer neuen, abscheulicheren Varianten, wie drei Psychopathen auf der Flucht hilflose Männer und Frauen quälen und töten. Die selbstzweckhaften Sadismen des Films sind bloße, wenn auch sehr effektvolle Schockeffekte. Gleichzeitig ist es Zombie jedoch gelungen, das tumbe, reaktionäre Provinzamerika, das der US-Intelligenzia an der Ostküste seit langem suspekt ist, äußerst originell zu inszenieren.

 

Schon ästhetisch spielt der Film mit einem ominösen Anderen, das im Horrorfilm stets die Bedrohung darstellt. Die Grobkörnigkeit des Super-16mm-Filmmaterials verleiht "The Devil's Rejects" eine fiebrige Direktheit, wie sie Steven Soderbergh mit seinem Drogenthriller "Traffic" als Stilmittel etablierte. Die Rohheit der Bilder konstituiert ein "Außen", das von aufgeklärten Amerikanern unverhohlen misstrauisch beäugt wird: der amerikanische Süden. Genauer: Texas.

 

Zombie inszeniert eine klassische Südstaaten-Typologie: der Texaner als degenerierter, kulturloser Redneck mit Hang zu asozialen Praktiken von Inzest bis Kannibalismus. In den liberalen Medien gilt das politische Potenzial dieser "unsichtbaren Unterklasse" nicht erst seit der letzten Präsidentschaftswahl als Bedrohung des zivilisierten Amerika. In "The Devil's Rejects" brechen diese sozial und ökonomisch Minderbemittelten nun in einem Akt drastischer Selbstermächtigung auch mit den letzten bürgerlichen Werten.

 

Mehr noch als bei "Das Haus der 1000 Leichen" bedient sich Zombie diesmal bei einer Form von Americana, in der Serienmörder wie Charles Manson und der antimoderne Southern Rock von Lynyrd Skynyrd friedlich koexistieren. Mit Mansons "Family" und ihrem Mord an Roman Polanskis Frau Sharon Tate wandelte sich das Ideal einer friedlichen Hippie-Gegenbewegung in einen gesellschaftlichen Albtraum. Dennoch ist Mansons Ruf umstritten: Was dem einen ein gefährlicher Irrer, ist dem anderen ein Volksheld.

 

Tatsächlich erinnert "The Devil's Rejects" streckenweise an eine Outlaw-Ballade. Die Rollenverteilung bleibt bewusst ambivalent. Dem psychopathischen Dreiergespann steht ein rachsüchtiger Kleinstadtsheriff gegenüber. So sind die ausgewaschenen Filmbilder doppelt kodiert: als Stigma der gesellschaftlich Ausgeschlossenen wie auch als Hommage an den blutigen 70er-Jahre-Splatterfilm.

 

Eben dieser hat in den vergangenen Jahren sukzessive den Mainstream erobert. "The Devil's Rejects" steht in einer Reihe jüngerer Horrorfilme, die die blutige Zeichensprache des Splatterfilms massenkompatibel gemacht haben. Neben den Remakes von Genreklassikern wie "Dawn of the Dead" oder "Texas Chain Saw Massacre" sorgten in den vergangenen Jahren Filme wie "Wrong Turn" oder "Saw" für eine Renaissance des Splatter. Mit "Saw 2" und Remakes von "The Fog" und "The Hills Have Eyes" stehen die Fortsetzungen dieses Trends schon in den Startlöchern.

 

An Filmen wie "The Devil's Rejects" lässt sich ein schleichender Paradigmenwechsel feststellen. Grafische Gewaltdarstellungen sind in Hollywood gerade auch durch den kommerziellen Erfolg von Ballerspielen wie "Doom" oder "Resident Evil" nichts Ungewöhnliches mehr. Die synchrone Vermarktung von Film und zugehörigem Spiel führt dazu, dass Videogames spielfilmartige Sequenzen enthalten und Filme bei Zeiten an aufgeblasene Ego-Shooter erinnern.

 

Rob Zombies Film hat neben deftigen Schauwerten auch popkulturelle Qualitäten, die den Vorwurf der bloßen Gewaltverherrlichung entkräften. "The Devil's Rejects" schöpft aus kulturellen Beständen, in denen Underground- und Massenphänomene zu seltener Überlagerung kommen. "The Devil's Rejects" muss daher zunächst als ein Film über private Obsessionen verstanden werden. Mit denen allerdings ist Rob Zombie gar nicht mehr so allein.

 

Andreas Busche

 

Diese Kritik ist zuerst erschienen in: Financial Times Deutschland

 

TDR - The Devil's Rejects

USA / Deutschland 2005 - Originaltitel: The Devil's Rejects - Regie: Rob Zombie - Darsteller: Sid Haig, Bill Moseley, Sheri Moon Zombie, Matthew McGrory, William Forsythe - FSK: keine Jugendfreigabe, nicht feiertagsfrei - Länge: 109 min. - Start: 1.12.2005

 

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