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Zulu

 

 

Nicht mehr als HBO light bietet Jérôme Salles Südafrikathriller "Zulu".

Es dauert erstaunlich lange, eine gute Viertelstunde, bis sich in "Zulu", einem aufwändig produzierten französischen Arthausfilm über Südafrika, die Politik zu Wort meldet. "Ich würde Gerechtigkeit vorziehen", meint dann eine wütende Frau (die außerdem, scheints, an Krebs erkrankt ist und eine Chemotherapie über sich ergehen lassen muss; und zwar nur, weil der Film seiner eigenen Geschichte nicht über den Weg traut und sie bei jeder Gelgenheit mit Zusatzdramatik aufmöbeln will). Der Polizist Ali Sokhela (ein hoffnungslos unterforderter Forest Whitaker), der in "Zulu" den Mord an zwei Mädchen aufzuklären hat und bei der Gelegenheit allerlei Machenschaften zutage fördert, zitiert als Antwort lieber Nelson Mandela und redet der Versöhnung das Wort. Dass Ali diese frommen Sprüche nicht durchhalten wird, wissen wir schon seit dem Prolog, der ihm fein säuberlich einen inneren Dämon eingepflanzt hat.

Genau, wie wir schon seit dessen erstem Auftritt wissen, dass Alis Kollege Brian Epkeen (Orlando Bloom in einer durchaus Fremdscham-tauglichen Performance) seinem Lotterleben zum Trotz nicht nur ein guter Cop, sondern auch ein toller Typ ist. Interesse an den Figuren (oder den Schauspielernů), ihrer Art zu sprechen, sich aufeinander (nicht) einzulassen, zeigt "Zulu" kein bisschen. Und es überrascht dann auch nicht, dass die politischen Ambitionen sich auf das Wiederdurcharbeiten einer altbekannten Geschichte der Gewalt beschränken: Es gibt immer irgendein Verdrängtes, dessen wabernd überinszenierte Rückkehr alleine aus einem unterdurchschnittlichen Thriller keinen politisch brisanten Film macht.

Die Ermittlung selbst hält einen, weil halbwegs flink erzählt, gerade eben bei der Stange. Man fühlt sich wie in einer überlangen Episode einer neueren amerikanischen Krimiserie; einer überambitionierten Krimiserie noch dazu, die meint, auf klassische Spannungskonstruktionen verzichten zu können (und deshalb schon früh entscheidende Informationen vorweg nimmt), weil es eigentlich um "soziale Panoramen" oder gar irgendwelche sozioökonomische Strukturzusammenhänge gehen sollte. Die allerdings weitgehend durch Abwesenheit glänzen, höchstens sehr allgemein in der Figurenpsychologie aufgehoben werden: Zerrüttete Innerlichkeit als Spiegel einer zerrütteten Gesellschaft - das funktioniert zumindest dann nicht, wenn gleichzeitig trotzdem erzählt werden soll, wie Orlando Bloom sein ohnehin nur leicht aus der Bahn geratenes Leben langsam wieder, nach bürgerlichen Maßstäben, auf die Reihe bekommt. Die Whitaker-Figur ist theoretisch interessanter, hat aber zu viel Gravitas für dieses Leichtgewicht von einem Film; Alis Szenen fühlen sich unterinszeniert und wie zu früh abgebrochen an, was vor allem im Finale unangenehm auffällt, wo plötzlich mythische (Western-)Register aufgerufen werden sollen, die mit dem vorhergehenden Film kein bisschen kompatibel sind.

Das Problem ist teilweise struktureller Natur: Fernsehserien können zumindest rudimentäres Vorwissen über die Figuren, auch über die Struktur der Erzählung voraussetzen; das schafft Freiheiten im Kleinen, für Details der Figurenzeichnung, für Alltagsgeplauder. "Zulu" muss, gerade weil der Film mehr sein will als nur ein weiterer Polizeifilm, alles fein säuberlich auserzählen: Wenn beim gemeinsamen Abendessen unter Kollegen darauf hingewiesen wird, dass Ali niemals eine weibliche Begleitung zu solchen Veranstaltungen mitbringt, kann man sicher sein, dass schon ein paar Minuten später das nicht ganz durchnormierte Liebesleben des Dienstältesten thematisiert wird. Besonders ungelenk wirkt dieser letztlich doch selbstauferlegte Zwang, alle Handlungen und Gefühle korrekt zu motivieren, in Momenten, in denen zufällig des Weges kommende Kollegen gerade rechtzeitig neue Plotinformationen streuen; regelrecht ärgerlich wird er, wenn andere Nebenfiguren in fadenscheinigen dramaturgischen Manövern abgemurkst werden, nur um für alle Beteiligten die emotionalen Einsätze zu erhöhen.

Auch in stilistischer Hinsicht ist "Zulu" HBO light: Effektbewusst greift der Regisseur Jérôme Salle die visuellen Attraktionen Südafrika ab, schon in der ersten Minute taucht eine großspurige Helikopteraufnahme Kapstadts auf, die townships sehen aus wie Gangsta-Rap-Musikvideos entnommen (irgendwie Diorama-artig, in Posen erstarrte Gruppenbilder), wie sich das Leben an solchen Orten organisieren könnte, erfährt man im Film kein bisschen; immerhin hat Salle die Actionszenen recht ordentlich hinbekommen, er zerhackt die Bewegungen nicht, sondern zieht einen mit kontinuierlichen tracking shots und flächiger Musikuntermalung in die Szene.

Ansonsten kann man sich, um die knapp zwei Stunden einigermaßen interessiert zu überstehen, an Nebenfiguren klammern: Orlando Blooms Filmexfrau hat nur wenige, dafür aber sehr eindringliche Momente; auch eine Stripperin, die sich zu einem angedeuteten love interest Whitakers entwickelt, ruft in ihren paar Filmminuten mehr echte Emotionen auf, als Bloom über die gesamte Laufzeit. Ein dritter Polizist (Conrad Kemp) hat ein interessantes, unverbrauchtes Gesicht und bringt, in den wenigen Szenen, die ihm vergönnt sind, in diesen falsch abgeklärten Film erfrischende Naivität ein. Das Erzählkino, merkt man in diesen paar Minuten, ist eine so großartige, reichhaltige poetische Form, dass man sie auch mit dem unbeholfensten Drehbuch und der unpersönlichsten Inszenierung nicht ganz klein bekommt. Was den Verrat, den ein Film wie "Zulu" an dieser Form begeht, andererseits nicht leichter wiegen lässt. Im Gegenteil.

Lukas Foerster

Dieser Text ist zuerst erschienen im: www.perlentaucher.de

 

 

Zulu

Frankreich 2013 - 110 Minuten - Start(D): 08.05.2014 - Regie: Jérôme Salle - Drehbuch: Caryl Ferey, Julien Rappeneau, Jérôme Salle - Produktion: Richard Grandpierre - Kamera: Denis Rouden - Schnitt: Stan Collet - Musik: Alexandre Desplat - Darsteller: Orlando Bloom, Forest Whitaker, Tanya van Graan, Natasha Loring, Sven Ruygrok, Conrad Kemp, Roxanne Prentice, Adrian Galley, Tinarie van Wyk Loots, Kelsey Egan, Dean Slater, Richard Lothianzur

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