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Zeiten des Aufruhrs

Nicht die Träume sind schuld

 

Sam Mendes' Dekonstruktion des amerikanischen Subjekts und seines Lebensraums: Die Richard Yates-Verfilmung "Zeiten des Aufruhrs"

 

"Wir brauchen etwas anderes" - mit dieser Erklärung eröffnet April Wheeler, Gattin von Frank, Mutter zweier Kinder und Hausfrau in einem schmucken Anwesen in der "Revolutionary Road" einer namenlosen Vorstadt von New York, den befreundeten Nachbarn Shep und Milly jenen wichtigen Plan, den die Wheelers ein paar Tage zuvor gefasst haben. April und Frank werden mit den Kindern nach Europa auswandern, genauer gesagt nach Paris. Dort wollten sie eigentlich schon immer hin. Shep und Milly reagieren verständnislos: "Aber wozu?" "Wir werden nicht jünger, wir wollen nicht, dass das Leben einfach vorbei geht." Haus und Auto werden verkauft, April wird arbeiten, Frank erstmal vom Ersparten leben, und "herausfinden, was er wirklich tun will." Als der Abend vorbei ist und die Paare wieder allein, sieht man zwei verschiedene Welten: Die Wheelers, getragen von der Euphorie ihres unmittelbar bevorstehenden Aufbruchs, machen sich über die Fassungslosigkeit und das Spießertum der anderen lustig, während diese sich vergewissern, dass der Plan doch "ein wenig unreif" sei. Wobei Milly im Bett eine Träne verdrückt, und man nicht ganz sicher sein kann, ob vor lauter Glück einen reiferen Gatten zu haben, oder erschüttert durch die Erkenntnis, dass ihr Shep zu solchem Elan niemals fähig wäre.

 

Zu diesem Zeitpunkt, im Film ist etwa eine halbe Stunde vergangen, könnte man "Zeiten des Aufruhrs" auch als eine Parodie des Amerika der Vorstädte, der Langeweile ihres Alltags und der Phantasielosigkeit ihrer Werte ansehen. Gewiss ist der Film das auch, und damit setzt Regisseur Sam Mendes fort, was er mit "American Beauty" vor einer Dekade überaus erfolgreich begann: Die Dekonstruktion des amerikanischen Subjekts und seines Lebensraums. Aber mehr als dieses doch primär satirisch überzeichnete Debüt, sorgt Mendes' neuer Film von Anfang an dafür, dass man ihn ganz ernst nimmt. Bei der Heimfahrt nach einer missglückten Theaterpremiere der Amateurschauspielerin April kommt es zu einem schlimmen Streit zwischen ihr und Frank, der, man spürt das gleich, nicht der erste ist und nicht der letzte sein wird, und der darin gipfelt, dass Frank April fast weinerlich, voller Selbstmitleid vorwirft, er verdiene das alles nicht, "dieses Scheißleben … Du hast mich hier rausgebracht."

 

Früh sind die Dinge somit klar: Die Ehe der Wheelers ist kaputt, ihre Jugend-Träume verblasst, die Vorstadt öde, was bleibt, ist das Mittelklasseleben, das alle führen, aus Arbeit, Gier, Eitelkeit und den legalen Drogen Alkohol und Fernsehen, Konsum und Sex.

 

"Zeiten des Aufruhrs", Richard Yates' 1961 erschienener, erst mit großer Verspätung 2002 ins Deutsche übersetzter Roman spielt zwischen Frühling und Herbst 1955. Mendes hat ihn elegant und bewundernswert verfilmt - als völlig gegenwärtigen Film, der von Menschen, Problemen und existentiellen Fragen handelt, in denen jeder sich selbst wiedererkennen kann. Ein Lehrbeispiel für jede Literaturverfilmung: Was im Text innerer Monolog oder Gedanke ist, wird im Film nicht in Dialog verwandelt, sondern in Ausdruck und Geste der Darsteller, in eine Bewegung, ein Innehalten, ein kurzes Atmen der keineswegs aufdringlichen Kamera von Richard Deakins oder einen kommentierenden, distanzierenden oder umgekehrt Kontakt unvermittelt herstellenden Schnitt. Mendes hat bis in Nebenrollen hervorragende Darsteller: Vor allem Kate Winslet zeigt als April, dass sie die unterschätzteste Schauspielerin ihrer Generation ist - sie trägt den Film durch schiere Präsenz und Energie, obwohl dessen Perspektive zunächst die des Gatten ist, bevor er sich - anders als Yates' Roman - mehr und mehr und schließlich ganz April zuwendet.

 

Jeden Morgen nimmt Frank den gleichen Zug, graugekleidet in einer graugekleideten Menge, fährt in den 15 Stock jener Firma, in der schon sein Vater arbeitete, und nimmt seinen Platz im Großraumbüro ein. Er ist unglücklich wie April. Die Affäre mit einer Sekretärin gibt ihm jene einfache Bestätigung, die er bei seiner Frau nicht bekommen kann. Am Abend seines 30. Geburtstags gewinnt ihn April für ihre Idee, den Paris-Traum ihrer Jugend wahr zu machen. "Warum nicht? Wer hat die Regeln gemacht?" Wer wünschte sich keine Partner, die einen in den eigenen Träumen bestärken, nicht der eigenen Trägheit? April glaubt wirklich an Frank, mehr als er selbst. Doch bald gewinnt wieder die Trägheit die Oberhand. Franks Chef macht ihm ein Angebot, das er kaum ablehnen kann, und April wird schwanger… Es geht dabei immer um die Frage nach der Bedeutung von Freiheit und Selbstbestimmung, und dies ist einer der seltenen US-Filme, der einmal zeigt, dass eine Abtreibung nicht eine böse oder schlechte Tat sein muss, sondern auch ein Akt der Befreiung sein kann.

 

So spitzt sich während eines Sommers dieses Melodram ohne Melo ganz lakonisch zu; der Traum dieser Amerikaner von Paris wird zum Symbol eines weit tieferen, weit grundsätzlicheren Konflikts: Zwischen dem Leben, das man führt und dem, das man führen will. Nichts daran ist veraltet, alles daran aktuell. Mendes' Film ist vor allem eine überaus hellsichtige und berührende, mitunter bittere Betrachtung über Entfremdung, Hoffnungslosigkeit und Angst vor der Freiheit. Ein Angriff auf das vermeintlich "normale Leben", auf blindes Sicherheitsdenken und unsere ganz alltägliche Feigheit.

Ausgetragen wird vieles hier beiläufig, in Form kleiner Alltagsbeobachtungen. Und immer wieder in den schnell eskalierenden, mit Wucht gespielten Streitereien des Ehepaares - dies ist auch eine abgründige Studie der westlichen Ehe, manchmal an "Wer hat Angst vor Virginia Woolf?" oder Bergmans "Szenen einer Ehe" erinnernd, dann wieder an Satiren von Woody Allen und die Suburbia-Filme von Todd Solondz ("Happiness", "Storytelling") und Todd Field ("Little Children"). Bloß dekorativ und merkwürdig veraltet wirkt demgegenüber Todd Haynes "Dem Himmel so fern".

 

Es ist der Mann Frank, der im Dilemma der Wheelers die Feigheit repräsentiert, der der Verführungskraft des Kapitalismus und des Konsums am Ende nachgibt, der die Wahrheit zwar nicht vergisst, aber besser im Lügen wird. Und es ist April, die hier die Wahrheiten ausspricht: "Wer nichts probiert, kann nicht scheitern." Es ist auch die Frau, die, wieder einmal, am Ende dafür bestraft wird. Der Film steht da auf ihrer Seite, macht deutlich, dass sie trotzdem recht hat, und die Freiheit den Versuch wert ist, auch wenn man ihn teuer bezahlen muss. Als ob es darum ginge, das Träumen zu lassen. Sam Mendes erzählt genau das Gegenteil: Nicht die Träume sind schuld am Unglück, sondern dass wir sie aufgeben.

 

Rüdiger Suchsland

 

Dieser Text ist in dieser Fassung nur erschienen in der: filmzentrale

 

 

Zeiten des Aufruhrs

REVOLUTIONARY ROAD

USA/GB 2008 - Regie: Sam Mendes. Buch: Justin Haythe. Kamera: Roger Deakins. Produktionsdesign: Kristi Zea. Nach dem Roman von Richard Yates. Mit: Leonardo DiCaprio, Kate Winslet, Michael Shannon, Kathryn Hahn, David Harbour, Kathy Bates. Universal, 119 Minuten.

 

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