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Die Zeit der Frauen

 

 

Mit "Die Zeit der Frauen" gelingt es Leena Yadav, die visuellen Attraktionen des Sexfilms mit entzückender Selbstverständlichkeit in den Dienst der Aufklärung zu stellen.

Zunächst tritt einem "Die Zeit der Frauen" als ein Katalog an Gewaltverhältnissen, Unterdrückungs- und Verblendungszusammenhängen entgegen: Janaki (Lehar Khan) wird gegen ihren Willen dazu genötigt, Gulab (Riddhi Sen) zu heiraten. Gulabs Mutter, die Witwe Rani (Tannishtha Chatterjee), setzt die Hochzeit durch, obwohl sie zum einen um die Unreife und den fragwürdigen Lebenswandel ihres Sohnes weiß - und obwohl sie zum anderen ihrer eigenen Mutter den Vorwurf macht, sie selbst einst in ähnlicher Manier in eine unglückliche Ehe gezwungen zu haben. Ranis beste Freundin Lajjo (Radhika Apte) wiederum gilt bei den Nachbarn als unfruchtbar und wird von ihrem Mann, der ihr weniger die - vermeintliche - biologische Tatsache, als das Geschwätz der Anderen zum Vorwurf macht, wieder und wieder brutal zusammengeschlagen.

Tatsächlich gemäß dem Originaltitel parched - unfruchtbar, ausgetrocknet - ist freilich nicht, da lässt Leena Yadavs Film keinen Zweifel, ein einzelner Frauen-, sondern der gesamte Gesellschaftskörper. Inklusive der Männer, die von der überlieferten Geschlechterordnung kaum weniger streng versklavt werden, die den Frauen nichts voraus haben als - das allerdings schon, und wenig ist das selbstverständlich nicht - ihre körperliche Integrität. Diese Männer, inbesondere die jungen, hängen meist beschäftigungslos im Freien ab, mit Vorliebe trinkend und pöbelnd. Wenn sie abends doch nach Hause kommen, verflüchtigt sich aus den halbdunklen Räumen, die ansonsten den untereinander zumindest einigermaßen solidarischen Frauen gehören, sofort jeglicher Anflug von Intimität. Das indische Dorf, in dem der Film spielt, und das auf gleichfalls staubtrockener Erde erbaut ist, steht bei all dem ein für ganz Indien - mindestens. Denn "Die Zeit der Frauen" ist zwar in erster Linie ein Produkt der indischen Filmindustrie, hat aber internationale (Arthaus-)Ambitionen, zum Teil auch internationales Personal: Die Kamera führt, ohne falsche Zurückhaltung, Russell Carpenter, der einst "Titanic" fotografierte.

Ein Film ist das, in dem schon die Titelmetapher ausgreift, wuchert, ausufert; und alles andere ebenfalls: die auf manchmal ein wenig penetranten, energisch in Bewegung gesetzten, knallbunten, randvoll gepackten - hier ein Flattertuch, da ein Funkenregen - Bilder Carpenters; die multiplen, ineinander verstrickten Leidensgeschichten der Frauen; die mannigfaltigen Ausprägungen des Patriarchats. Aber glücklicherweise wuchern in der Welt von "Die Zeit der Frauen" auch die Hoffnungen, die kleinen wie die größeren: Rani hat ein Mobiltelefon, das sie mit der Welt und vielleicht sogar mit Shah Rukh Khan höchstpersönlich verbindet; Janaki hat eine Jugendliebe, die nicht locker lässt; Lajjo kann vielleicht doch schwanger werden; außerdem gibt es eine Schneiderwerkstatt in der Nachbarschaft, die Arbeitsplätze und ökonomische Unabhängigkeit für Frauen verspricht; und vor allem gibt es Bijli (Surveen Chawla).

Bijli ist eine Tänzerin und Prostituierte, in einem Zelt nahe des Dorfs zieht sie ihre Show ab und treibt die Männer in den Wahnsinn, zwischendurch brettert sie gemeinsam mit Rani, Lajjo und Janaki auf einem dreirädrigen Motorrad, an dem bunte Engelsflügel montiert sind, über die Steppe. Dort angekommen, brüllen die vier ihre Wut in die Nacht hinein: Warum sind selbst die Schimpfwörter gegen uns Frauen verschworen? Warum heißt es Motherfucker, und nicht etwa Fatherfucker, Unclefucker, Sonfucker?

Zurück im Zelt singt Bijli von den Erdbeben, die sie im Bett auszulösen vermag; aber die Erschütterungen, die sie der Gesellschaft, die sie gleichzeitig ausstößt und anhimmelt, zufügt, beschränken sich nicht aufs Sexuelle. Oder genauer: Der Sex, ihr Sex, die Sexualität der Frauen ist genau das, was alle Verhältnisse ins Wanken bringt. Was all die kleinen, partikularen Hoffnungen zusammenfließen läßt und was letztlich auch den Hang zum Schematismus, zum bloßen Katalogisieren sozialer Mißstände weitgehend transzendiert, der hinter den wuchernden Oberfläche von "Parched" zunächst noch recht deutlich erkennbar bleibt.

Yadav verschreibt ihre dritte Regiearbeit ganz der entfesselten Sinnlichkeit ihrer Figuren (und ihrer beherzten Darstellerinnen - besonders toll ist Radhika Apte, ihr aufmüpfiges, neugieriges, trotziges Lächeln, das ihre Lippen selbst noch nach den schlimmsten Demütigungen umspielt). Die Frauen brechen aus der Unterdrückung aus, weil sie lernen, alles in ihrer Umgebung in ein Verhältnis zu ihren eigenen Körpern zu setzen. Selbst an Ranis Handy ist irgendwann die Stimme des imaginäre Shah Rukh Khan weniger interessant als das ganz reale Glück, das ein mit sachkundigen Handgriffen zweckentfremdeter Vibrationsalarm bescheren kann.

Der Sex überwuchert spätestens in der zweiten Hälfte alles andere; und sprengt sogar die textuellen Grenzen des Films: Eine besonders freizügige Szene verbreitete sich schon vor der Veröffentlichung online und scheint in einigen Gegenden Indiens als Pornografie verkauft zu werden. Das der Szene selbst, oder gar "Die Zeit der Frauen" als Ganzem zum Vorwurf zu machen, hieße Yadavs Leistung gründlich misszuverstehen. "Die Zeit der Frauen" ist ein Film, der den Verstrickungen von Sexualität mit sozialen und - weniger deutlich artikuliert - ökonomischen Realitäten nicht ausweicht, sondern sich ihnen mit offenem Visier stellt. Und der deshalb nicht nur die dramaturgischen Kunstgriffe des Bollywoodkinos, sondern auch die visuellen Attraktionen des Sexfilms mit entzückender Selbstverständlichkeit in den Dienst der Aufklärung stellt.

Lukas Foerster

 

Dieser Text ist zuerst erschienen im: www.perlentaucher.de

 

 

Die Zeit der Frauen
(Parched) - Indien 2015 - 116 Min. - FSK: ab 12 Jahre - Kinostart(D): 27.10.2016 - Regie: Leena Yadav - Drehbuch: Supratik Sen, Leena Yadav - Produktion: Aseem Bajaj, Ajay Devgn, Rohan Jagdale, Gulab Singh Tanwar, Leena Yadav - Kamera: Russell Carpenter - Schnitt: Kevin Tent - Musik: Hitesh Sonik - Darsteller: Radhika Apte, Sayani Gupta, Tannishtha Chatterjee, Adil Hussain, Surveen Chawla, Sumeet Vyas - Verleih: MFA

 

 

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