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Yuki & Nina

 

 

 

Im sehr viel kleineren Rahmen [als Malicks "The Tree of LIfe"- der fz-Redakteur] versöhnen Nobuhiro Suwa und Hippolyte Girardot in ihrem Film "Yuki & Nina" die Welt der Kinder und Erwachsenen in der Form der filmischen Wirklichkeit.

Frontal im Bild: Mutter und Tochter. Sie stehen, sie reden, sie bewegen sich schräg nach links auf die Kamera zu, bis nah, sehr nah heran, so nah, dass die Mutter nach links weg aus dem Rahmen des Bildes verschwindet. Für einen Moment, einen entscheidenden Moment, füllt so groß nur die Tochter, Yuki, das Bild. Dann entlässt diese Einstellung auch sie Richtung Off. Es ist nicht verkehrt, diese Szene emblematisch zu nehmen. "Yuki & Nina", der Film, für den der japanische Meisterregisseur Nobuhiro Suwa und der französische Schauspieler Hippolyte Girardot gemeinsam verantwortlich zeichnen, ist eine einzige Solidaritätserklärung mit seinen beiden Heldinnen im Grundschulalter, Nina und Yuki (Arielle Moutel und Noe Sampy).

Auf ihrer Höhe bewegt sich die Kamera, ihre Perspektive nimmt ihr stellvertretender Blick wieder und wieder ein. Etwa wenn Yuki im Hochbett liegt und man im Hintergrund durch die geöffnete Tür den Streit ihrer Eltern so hört, wie sie ihn hört: Man weiß nicht ganz genau, worum es geht; dass sie streiten, dass das für Yuki schwer zu ertragen ist, ist aber klar. Yukis Eltern sind dabei, sich zu trennen. Die Mutter (Tsuyu Shimizu) will zurück nach Japan und möchte, dass Yuki mitkommt. Der Vater (Hippolyte Girardot) ist mal verständnisvoll, mal besoffen und insgesamt etwas aus dem Ruder. Aber um ihn geht es nicht und nicht um die Mutter.

Yuki und Nina, die Freundinnen, unternehmen einen letzten Versuch, die Trennung zu verhindern. Nina kennt sich in der Angelegenheit übrigens aus, auch ihre Eltern leben nicht mehr zusammen. Gemeinsam basteln sie einen Brief mit allerlei Worten und Schmuck und Bric-a-Brac, der Zauberkraft haben soll. Als Yukis Mutter ihn dann bekommt, wird sie von Weinkrämpfen geschüttelt. Ganz so hat Yuki sich das dann auch wieder nicht vorgestellt. Gerade das ist ein wichtiger Punkt, der an der Frage der Trennung der Eltern zum harten Fels wird, an dem sich die Sphären scheiden: Die Kinder und die Erwachsenen leben in zwei sehr verschiedenen Welten. Es gibt nur Fragmente einer gemeinsamen Sprache, sehr unterschiedlich werden die Probleme in den eigenen Verständniskreis hinein prozessiert.

In aller Einfachheit wird das von Suwas hier erstmals völlig unprätentiösen und doch im Vergleich mit den Vorgängerfilmen nicht weniger präzisen und einleuchtenden Einstellungen ausbuchstabiert. Er kann einzelne Bilder und Bewegungsfolgen so rahmen, dass die Welt der einen neben der Welt der anderen steht und der Kampf um eine Begegnungs- und Überschneidungsfläche ebenfalls sichtbar wird. Im Stadtraum Paris wie in den Innenansichten, in Yukis Loft und der beengteren Wohnung von Nina.

Bis der gordische Knoten der Raum-, Blick-, Perspektiv- und Aufteilungsfragen durchschlagen wird. Yuki und Nina reißen aus. Fahren, eine tolle Zugfahrt am Wald lang, aufs Land. Bauen sich erst ein Zelt im Haus von Ninas Vater, nehmen nochmal reißaus und gelangen in einen Wald wie aus einem Märchen. Was dann geschieht, darf man nicht im Detail erzählen, zu bezaubernd ist es in seiner schlagartigen Überzeugungskraft. Den ganz anderen Raum, der eröffnet wird, filmt Suwa, als wäre gar nichts dabei. Der Schnitt auf Yuki ganz klein am Waldrand ist ein Meisterstück - und die ganze Sequenz erinnert ein wenig an Hayao Miyazakis Anime "Chihiros Reise ins Zauberland".

Am Ende wird der Gang in den Wald ein Übergangsritus gewesen sein, in dem die unabweisbare Realität in Gestalt ganz realistisch genommener Imagination ihren Auftritt hat. Gleich darauf wechselt der Film ins anders realistische Register, mit sehr verwackelten Videocam-Bildern aus der neuen Welt: Yuki ist nun am anderen Ort, lebt mit ihrer Mutter in Japan, hat eine neue Freundin gefunden, schickt Videobotschaften an Nina und bekommt welche von ihr. Kein großes Drama. Und eine letzte Geste der totalen Solidarität mit der Erlebniswelt des Kindes. Der Film gibt, weil er es kann, der zuvor (wie) von der Einbildung Yukis heraufbeschworenen Szene nachträglich - sanft und freundlich bekräftigend - den Stempel ungeträumter Wirklichkeit. Eigentlich muss man es anders sagen: Er lässt sich von seiner Protagonistin die eigenen Bilder heraufimaginieren. Ihre Fantasie wird die seine, ist dieser Film, der die beide befremdende Unähnlichkeit von Kinder- und Erwachsenenwelt mit Hilfe der faszinierenden Bruchlosigkeit der eigenen Registerwechsel in sich aufhebt und also in den Grenzen des Möglichen sogar versöhnt.

Ekkehard Knörer

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in: www.perlentaucher.de

 

Yuki & Nina
Frankreich / Japan 2009 - Regie: Nobuhiro Suwa, Hippolyte Girardot - Darsteller: Noë Sampy, Arielle Moutel, Tsuyu Shimizu, Hippolyte Girardot, Marilyne Canto - FSK: ohne Altersbeschränkung - Fassung: franz. O.m.d.U. - Länge: 92 min. - Start: 16.6.2011

 

 

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