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You & I

 

 

Machtspielchen in der Uckermark

Früher, als Rudolf Thome noch Filme drehte, da brachen seine Figuren regelmäßig von Berlin-Chalottenburg aus auf zu Landpartien in die Uckermark, um dort mit Jesus Christus Spaghetti mit Butter und Parmesan zu essen, verwirrende Kussforschung zu betreiben oder Liebesbeziehungen neu auszuhandeln. Das ist nun schon etwas länger her - und so blieb die Sehnsucht nach der magischen Hügellandschaft mit ihrem Licht, ihren Mohnfeldern und Seen zuletzt etwas ungestillt. Die Lust auf Thome-Filme auch. Aber das nur am Rande. In Nils Bökamps "You & I" ist die Landschaft da, aber der phantastisch-leichte und spielerische Thome-Flair fehlt entschieden. Stattdessen wird eine etwas papierne Geschichte etwas umständlich und hölzern ausgebreitet.

Jonas und Philipp haben sich einst in London kennengelernt, als sie bei der gleichen Agentur, aber in unterschiedlichen Abteilungen arbeiteten. In London haben sie zusammen gewohnt, sind beste Freunde geworden. Dass Philipp schwul ist, interessiert nicht weiter. Jedenfalls nicht Hetero Jonas, der seine Affären hat, dem wütende Frauen den Anrufbeantworter volljammern, weil er trotz des besten Sex nicht zurückruft, sondern sich damit begnügt, sich als ambitionierter Fotograf den Kontakt zu einer kleinen Galerie vermitteln zu lassen. Kurzum: Jonas ist etwas zu laut, zu selbstgefällig und zudem auch noch Stehpinkler, wie der Film unmissverständlich klarstellt.

Zur Vorbereitung einer Ausstellung hat Jonas Philipp zu einer Landpartie durch die Uckermark eingeladen. Eine Landschaft, die nach UNO-Maßstäben als unbesiedelt gelten muss, die aber einiges an Überraschungen bereit hält, wenn man nur lange genug herumfährt. Philipp hat gerade Probleme mit den Ansprüchen seines Vaters, ihn ins Immobiliengeschäft einsteigen zu sehen. Dafür ist Philipp nicht der Typ. Findet auch Jonas, der etwas gespart hat und Philipp ein Zimmer in seiner Berliner Wohnung anbietet: "We're safe! Tu es nicht für dich, sondern für mich!" Beste Freunde eben! So geht es weiter: Bisschen quatschen, bisschen fahren, bisschen fotografieren. Aber nicht die Landschaft, sondern eher Philipps Körper beim Nacktbaden.

Es könnte immer so weitergehen. Bis Boris zusteigt, ein Tramper aus Polen, der den Film dreisprachig werden lässt. Jonas spielt seinen nächsten Trumpf aus: Das Schloss eines befreundeten Professors, mit Küche und Weinkeller, steht zur freien Verfügung gegen ein wenig Gartenarbeit. Bei der Verteilung der Zimmer zieht Jonas erstmals den Kürzeren. Aber Boris und Philipp verstehen sich auch sonst sehr gut. Steht Boris eher auf Frauen oder Männer? Keine Antwort. Doch allein durch Boris' Präsenz gelangt Dynamik in die Trio-Konstellation: Es kommt zu Machtspielchen und kleinen rebellischen Aktionen.

Aus dem Reiseleiter Jonas, der alles im Griff zu haben schien, wird jetzt ein Einzelgänger im Ruderboot. Am Schluss ist klar: Jonas brauchte Boris. Fürs Coming out und für seine Kunst. Brauchte. Past Tense. Kurz bevor Jonas den Kampf um Philipp entschieden aufnimmt, setzt er sich zum Pinkeln hin. Was will uns Nils Bökamp damit sagen? Keine Ahnung. Aber man kann "You & I" auch als latent unangenehme Darstellung eines Klassenkampfes verstehen, bei dem der Katalysator einer Klärung der Verhältnisse unbarmherzig aus dem Spiel gekickt wird. Was bleibt, sind Tränen. Tränen der Wut. Und die sommerlich-pastorale Uckermark, davon komplett unbeeindruckt.

Benotung des Films: (6/10)

Ulrich Kriest

Dieser Text ist zuerst erschienen in der: www.filmgazette.de

 

 

You & I
Deutschland 2014 - 79 min. - Regie: Nils Bökamp - Drehbuch: Nils Bökamp - Produktion: Björn Koll - Kamera: Alexander Fuchs - Schnitt: Alexander Fuchs - Musik: Ilja Köster - Verleih: Salzgeber - FSK: ohne Altersbeschränkung - Besetzung: George Taylor, Eric Klotzsch, Michal Grabowski - Kinostart (D): 17.09.2015

 

 

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