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Yellow Cake - Die Lüge von der sauberen Energie

 

 

Uranerz? Nein Danke!

„Yellow Cake“ ist ein Film über die Geschichte und Gegenwart des Uranerzbergbaus, der hoffentlich keine absehbare Halbwertszeit besitzt und so unter die Haut zu gehen vermag, um es defätistisch zu sagen, wie sein Sujet, der namensgebende gelbe Kuchen, das reine Uran, denn, wie es Regisseur Joachim Tschirner seinen im Film viel beschäftigten Erzähler Hans-Eckardt Wenzel sinngemäß schon selbst sagen lässt: Filme über die verheerenden Folgen des Uranerzbergbaus werden deshalb kaum gedreht, weil sie vom unsichtbaren Skandal handeln. „Yellow Cake“ nun versucht möglichst viel von diesem Unsichtbaren sichtbar zu machen, und darin besteht seine Leistung, der Unspektakularität seines Gegenstandes zum Trotz.

Schon in früheren Filmen hatte sich der ehemalige DEFA-Regisseur mit einem der gern unterschlagenen Topoi der DDR beschäftigt, dem Großuranprojekt WISMUT. Auch „Yellow Cake“ zeigt die Geschichte des gigantischen thüringisch-sächsischen Uranerzbergbaus, der bis zum Jahr 1990 220.000 Tonnen Uran für die Sowjetunion förderte, rein rechnerisch reichte das aus für den Bau von 32.000 Hiroshimabomben. Für jede einzelne Tonne musste das 10.000fache an Gestein aus der Erde geholt, verarbeitet und irgendwo gelagert werden. Die „Entsorgung“ dieser radioaktiv verseuchten Halden zurück in den Erdboden - ein derzeit angelaufenes Langzeitprojekt ist damit beschäftigt – kostet allein zurzeit 600 Millionen an deutschen Steuergeldern.  

Weil hier Zahlen offenbar besser erschlagen als Bilder, wimmelt es im Film davon, bedeutsam vom Erzähler geraunt, sodass es günstig ist, ein Presseheft zu haben, um sich bei ihren Aufzählungen nicht zu vertun. Unter den neueren umweltkritischen und menschenfreundlichen Dokumentarfilmen (z.B. „Unser täglich Brot“, „Working Man’s Death“) ist „Yellow Cake“ einer der wortreichsten. Sicherlich kann man schlecht DDR-Fernsehaufnahmen von glücklichen und dabei unsichtbar verseuchten Helden der Arbeit in der DDR der achtziger Jahre unkommentiert stehen lassen, aber wenn Tschirner dann später zur Belegung der These der Langzeitgefährdung einen(!) ehemaligen Kumpel zum Arzt begleitet, der ihm auf dem Röntgenbild seinen schon entfernten Lungenkrebs zeigt, und nebenbei geäußert wird, dass wohl vom Rest der Kollegen nicht mehr viele am Leben sind, dann erscheint die Beweisführung der Anklage ausgerechnet an diesem zentralen Punkt doch wieder etwas lax.

Ein offenbar ähnliches Problem der Unzeigbarkeit im Namibia der Gegenwart: der boomende Wirtschaftszweig Uranindustrie führt Menschen in Arbeit und zu Brot und Anerkennung, denen sonst nicht viele Möglichkeiten geblieben wären. Selbstbewusste, gesund wirkende hübsche Namibierinnen manövrieren nahezu haushohe Kipplader mit Urangestein durch die Halden. Auf die Frage, ob sie denn weiß, wie gefährlich es ist, sich permanent einer derartigen Strahlenbelastung auszusetzen, antwortet eine Frau, dass sie sich damit nicht sehr viel auseinandergesetzt hat. Anscheinend ist sie auch ganz dankbar dafür, dass die Firmenleitung gezielt die Gefahren für die Gesundheit der Arbeiter verharmlost, denn was sollte sie mit einem kritischen Bewusstsein aber ohne diesen Job tun? Eine Lehre dieses Films: Erfolgreiche Uranerzgewinnung benötigt außer dem richtigen Standort mindestens zwei Voraussetzungen: erstens Armut und Arbeitslosigkeit in der ansässigen Bevölkerung, und zweitens eine gezielte Desinformation der Arbeiter. Eine Eingangsthese im Film, wonach eine solche Firmenpolitik der Verschleierung nur in totalitären Systemen möglich sei, die Transparenz in einer Demokratie, wie im Fall WISMUT nach der deutschen Wiedervereinigung, ein sofortiges Ende dieser verantwortungslosen Bewirtschaftung erzwingen würde, widerlegt der Film sehr bald, wenn er zeigt, dass auch in Australien oder schon seit den fünfziger Jahren in Kanada das Geschäft mit dem Uran blüht, ohne bis heute größeren Widerspruch erfahren zu haben. Uranium City heißt gar die schöne Stadt in Kanada, die, wie einst die Goldgräberstädte um die Goldminen, an den Uran-Minen entstand, als die saubere Energie der Zukunft und die Energie der Abschreckung den gleichen verheißungsvollen Namen trugen.

Um zu bemerken, dass Demokratie, Lüge, rücksichtslose Gefährdung von Menschengesundheit und eine zeitlich unabsehbare Verseuchung der Welt durchaus zusammen gehen können, solange es den Interessen der Atomkonzerne dient, dazu brauchen wir nur die täglichen Nachrichten zu sehen. Die Fortsetzung der Laufzeiten von Atomkraftwerken, das hilflose Hin- und Herschieben von Atommüll sind zwei im Bewusstsein der Öffentlichkeit angekommene Ausprägungen einer verantwortungslosen Energiewirtschaft und der mit ihr kungelnden Regierungspolitik. Dass auch der Uranerzbergbau ein Faktor der unseligen Kette namens Kernenergie ist, dass auch er weltweite Proteste verdient, dafür will der Film „Yellow Cake“ ein Bewusstsein schaffen. Wünschen wir ihm, wie eingangs erwähnt, trotz seiner etwas bedächtigen und altmodischen Wortlastigkeit eine hohe Halbwertzeit.

Andreas Thomas

Dieser Text ist zuerst erschienen in: www.filmgazette.de

 

 

Yellow Cake - Die Lüge von der sauberen Energie
OT: Yellow Cake - Die Lüge von der sauberen Energie
Deutschland 2010 - 108 min.
Regie: Joachim Tschirner - Drehbuch: Joachim Tschirner - Produktion: Joachim Tschirner - Kamera: Robert Laatz, Jana Marsik - Schnitt: Joachim Tschirner, Burghard Drachsel - Musik: Fred Krüger - Verleih: Um Welt Film - FSK: ohne Altersbeschränkung -
Kinostart (D): 16.12.2010

 

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