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X-Men: Zukunft ist Vergangenheit


In "X-Men: Zukunft ist Vergangenheit" gelingt es Bryan Singer wenigstens zeitweise, das narrative Hintergrundrumoren in audiovisuellen Attraktionen still zu stellen.

Ein "Superhero Movie Problem" gestand sich vor Kurzem der amerikanische Filmkritiker und Filmemacher Matt Zoller Seitz ein: Die Superheldenfilme, die seit einigen Jahren das Kinogeschehen zumindest in ökonomischer Hinsicht dominieren, sind, stellt Seitz klar, nur selten katastrophal schlecht, meist sogar leidlich unterhaltsam, doch sie ähneln sich spätestens dann, wenn die Actionszenen beginnen, wie ein Ei dem anderen: "Things crashing into other things". Solange nur Seitz und einige andere professionelle Mießmacher ein superhero movie problem haben, solange selbst generell lauwarm aufgenommene Filme wie jüngst "The Amazing Spider-Man 2" innerhalb weniger Wochen weltweit gut 600 Millionen Dollar einspielen, wird sich an der Diagnose wenig ändern. "Things crashing" ist eine von nur noch wenigen Formeln, die den Studios derzeit halbwegs planbare Gewinne einbringt.

Tatsächlich fühlen sich die Filme mit jeden Jahr stromlinienförmiger an; die kleineren oder größeren Widerhaken, die noch bis vor Kurzem Regisseure wie Christopher Nolan, Ang Lee oder vor allem Sam Raimi in das Genre einschmuggeln durften, gehören der Vergangenheit an (höchstens Zack Snyders Megalomanie gilt es im Auge zu behalten …). Dominiert wird das Genre von der Blockbusterfabrik der Marvel Studios ("The Avengers", "Iron Man" etc). Deren "cinematic universe" kann man als Geschäftsmodell bewundern, vielleicht noch als intermediales Erzählexperiment interessant finden - aber als fantastisches Kino? Irgendwie hat das ganze Projekt, und in der Folge das ganze Genre etwas gehemmt Buchhalterisches: Jedes Studio werkelt, nach Marvel-Vorbild, an seinem cinematic universe herum, das sich immer weiter verästeln kann, immer neue Spin-offs, prequels, reboots hervorbringt… (Ist es ein Zufall, dass Sex und Tod, die beiden Haupttriebkräfte so vieler älterer Genrefilme, in fast allen Superheldenuniversen fast komplett abgeschafft worden sind? Die Filme haben, so scheint es, Angst vor allem, was mit den Unheimlicheren unter den Gefühlen zu tun hat.)

Statt dessen: narrative Ausdifferenzierung. Besonders barock verzweigt hat sich die "X-Men"-Serie. "Zukunft der Vergangenheit" (im Original weit weniger plump: "Days of Future Past") ist der bereits siebte Film der Reihe - und ob man ihn nun als ein prequel zu "X-Men 3" (2006) oder als ein sequel zu zu "X-Men Origines: Wolverine" (2009) beziehungsweise "X-Men: First Class" (2011) begreifen soll, mögen andere entscheiden. Irgendwie passt diese Selbstverkomplizierung zu einer Filmserie, die es von Anfang an besonders ernst genommen hat mit dem Superhelden-, beziehungsweise in diesem Fall tatsächlich: Übermenschentum. Sowohl das Heldenteam um Wolverine und Professor X, als auch deren Widersacher sind nicht einfach Individuen, die mit dem Außergewöhnlichen in sich selbst konfrontiert werden, sondern Produkte einer evolutionären Selektion, bilden also eine eigenen Population aus, die sich zum Rest der Menschheit nicht in einen persönlichen, sondern in einen politischen Gegensatz setzt. Was auch heißt, dass immer gleich das große Ganze auf dem Spiel steht, dass für die intimeren Momente des Superheldentums wenig Raum bleibt.

Sein Beginn nimmt für den neuen Film nun gerade deshalb ein, weil es sich dem schwerfällig Bedeutungshubrigen, das einige ältere "X-Men"-Filme aufgrund dieser Anlage mit sich herumschleppen, entzieht: In einem hemdsärmeligen narrativen Manöver wird die gerade erst (mit durchaus Holocaust-affinen Bildern, btw) eingeführte apokalyptische Welt des Jahres 2039 schon wieder links liegen gelassen. Die Helden springen zurück in die Siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts, um die in den Vorgängerfilmen mühsam aufgebaute Geschichte umschreiben, oder wenigstens geflissentlich ignorieren zu können. Hauptzweck der Übung scheint zu sein, Jennifer Lawrence zu bändigen, die, mal mit einem aufregenden blauen Ganzkörperanzug drapiert, mal als Gestaltwandlerin die Weltgeschichte manipulierend, allerlei Unfug treibt und wohl in der anfänglich schiefen, nun zu begradigenden timeline eine weltumspannende Katastrophe ausgelöst hat. Neben der Hauptattraktion der Serie Wolverine (Hugh Jackman mit wieder einmal prächtig geschwollenen Halsadern) sind auch jüngere Versionen von Magneto (Michael Fassbender) und Professor X (James McAvoy) mit dabei.

Das hört sich kompliziert an, und ist in Wahrheit, wenn man tiefer eintauchen würde in die Mythologie, vermutlich sogar noch komplizierter. Regisseur Bryan Singer, selbst ein Superheldenspezialist, versteht sich jedoch darauf, das komplexe narrative Hintergrundrumoren in audiovisuellen Attraktionen still zu stellen - und diese Attraktionen wiederum so zu orchestrieren, dass das "things crashing" selten (aber dann auch wieder nicht nie) Überhand nimmt. Tatsächlich gibt es nur zwei ausgedehnte Actionszenen, eine zu Beginn, eine im Finale. Dazwischen bleibt Platz für einige schöne, spielerische Passagen - unter anderem: ein grandioser Auftritt des Neuankömmlings Quicksilver (Evan Peters) in einer balettartig inszenierten Superzeitlupensequenz -, für liebevoll ausgestalteten Seventies-Glamour, und für einige zeithistorische Abstecher: Vietnam wird zum breeding ground für Mutanten, die Kennedyermordung wird neu kontextualisiert, und ein ziemlich grandioses Richard-Nixon-Double haben die Produzenten gleich auch noch auftreiben können.

Viel Betrieb also, der allerdings auch nicht verschleiern kann, dass am Ende nicht mehr gewonnen ist als die Bedingungen der Möglichkeit einer weiteren Fortsetzung. Alles in allem ist "X-Men: Zukunft ist Vergangenheit" vermutlich einer der besseren Superheldenfilme. Ästhetische Risiken bleiben fürs Genre allerdings weiterhin außer Reichweite. Noch einmal Matt Zoller Seitz: "The sand's all smooth now. Flat. So we keep walking in the same direction."

Lukas Foerster

Dieser Text ist zuerst erschienen im www.perlentaucher.de

 

 


X-Men: Zukunft ist Vergangenheit
OT: X-Men: Days of Future Past
USA 2014 - 132 min. - Regie: Bryan Singer - Drehbuch: Simon Kinberg, Bryan Singer, Matthew Vaughn - Produktion: Richard Donner, Simon Kinberg, Lauren Shuler Donner, Bryan Singer, Matthew Vaughn - Kamera: Newton Thomas Sigel - Schnitt: John Ottman - Musik: John Ottman - Verleih: 20th Century Fox - FSK: ab 12 Jahren - Besetzung: Jennifer Lawrence, Nicholas Hoult, Hugh Jackman, Anna Paquin, Ellen Page, Peter Dinklage, Michael Fassbender, Halle Berry, James McAvoy, James Marsden, Evan Peters, Ian McKellen, Patrick Stewart, Booboo Stewart, Shawn Ashmore - Kinostart (D): 22.05.2014

 

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