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Worst Case Scenario

 

Von deutschem Boden darf nie wieder Comedy ausgehen, findet die Produzentin Ingrid. Auch nicht in Polen. Dort, wo einst um die Ecke Kriegsverbrechen begangen wurden und vielleicht sogar „Die Blechtrommel“ gedreht wurde, ziemt es sich nicht, wenn erwachsene Männer in einer Autoren-Komödie ihre Fürze abfackeln. Auch von einer Komödie kann man verlangen, dass sie etwas Grundsätzliches zum deutsch-polnischen Verhältnis, zu seiner Geschichte und Gegenwart zu sagen hat. Schließlich könne der Faschismus unversehens, wie man so sagt, „aus einer Chipstüte“ hervorkriechen.

Ingrid zieht von dannen – und das Filmteam steht unvermittelt ohne Produktion da. „Worst Case Scenario“ oder große Chance? Schließlich ist das enthusiastische Team um Regisseur Gregor fast vollständig vor Ort und die Fußball-Europameisterschaft 2012, dokumentarischer Hintergrund der Komödie, findet auch nur gerade jetzt in Polen und der Ukraine statt. Wer weiß schon, was in vier Jahren ist? Tatsächlich ist „Worst Case Scenario“, eine Komödie über eine Filmcrew, der der Film zwischen den Fingern zerbröselt, selbst der Plan B eines gescheiterten Projektes, das Franz Müller („Kein Science Fiction“, „Die Liebe der Kinder“) offenbar recht spontan vor Ort improvisierend aus dem Boden gestampft hat. Eine schöne Film-im-Film-Doppelbödigkeit, aus der sich reichlich Kapital schlagen lässt.

Regisseur Gregor gibt den Maniac, wäre bereit, für den Film seine Mutter zu töten, muss aber jetzt erst einmal improvisieren. Wie war nochmal die Idee? Wer macht die Kamera? Wer übernimmt die Ausstattung? Vielleicht Olga, von der er sich gerade erst getrennt hat, weil er keine Familie gründen wollte. Und die ihm jetzt mitteilt, dass sie schwanger ist. Beziehungsprobleme am Set, das hat Gregor gerade noch gefehlt. Aber dann springen die ersten Crew-Mitglieder ab, können sich Selbstausbeutung nicht leisten. Andere Schauspieler reisen gar nicht erst an, weil Produzentin Ingrid die Flüge gecancelt hat. Also ist Improvisation angesagt. Vielleicht mit Laiendarstellern arbeiten, um so den Flair des Fußballfestes einzufangen? Können Fußballfans alle nicht lesen?

Franz Müller spart nicht mit Seitenhieben auf die Branche. Die Hauptdarstellerin, der alles egal ist, Hauptsache, sie spielt, kann bei den Laien mit etwas Glamour punkten, ist aber sonst keine große Hilfe. Zudem braucht ihr Nervenkostüm ständig Zuwendung. Auch die Polen im Team erweisen sich gegenüber dem etwas konzeptlosen Filmemacher aus Deutschland schnell als bockig. Darf man hier vielleicht mal an Wajda oder Zanussi erinnern? Im allgemeinen Chaos verliebt sich Olga in einen jungen Setrunner, was dem Film die Gelegenheit bietet, sich mal ein wenig im polnischen Alltag umzuschauen.

Währenddessen versucht Gregor sein Glück mit polnischen Theaterschauspielern, die kein Deutsch sprechen. Egal, man kann ja im Verlauf der Post-Produktion vielleicht nachsynchronisieren! Doch auch diese Zusammenarbeit ist bereits nach einer grotesk verlaufenden Probe bereits Geschichte. „Worst Case Scenario“ teilt großzügig nach allen Seiten aus und zeigt teilweise mit schmerzhaftem Witz, dass die prekären Arbeitsbedingungen sich nicht einfach idealistisch weg improvisieren lassen. Jeder viel versprechende Einfall gebiert drei Folgeprobleme. Vielleicht doch lieber eine Dokumentation drehen? Geradezu erleichtert reist die Hauptdarstellerin zu einem anstehenden Casting: War nett mit euch. Viel Glück! Küsschen!  

„Worst Case Scenario“ lebt davon, dass man Samuel Finzi, Eva Löbau, Laura Tonke und all den anderen gerne dabei zuschaut, wie sie dem Affen Zucker geben. Eine großartige Szene folgt auf die nächste, bis man schließlich zu ahnen beginnt, dass das ganze Filmprojekt vielleicht nur darauf angelegt war, der Beziehungskrise zu entkommen. Falls ja, dann hat sich Gregor zu früh gefreut, denn der Film endet schließlich im Morgengrauen am Ostseestrand. Erschöpft. Aber die Idee mit dem nachträglichen Dubbing der Stimmen, die wurde nicht fallengelassen. Zum Glück!

Ulrich Kriest

Dieser Text ist zuerst erschienen im:fimdienst

Zu diesem Film gibt’s im archiv der filmzentrale mehrere Texte

 

 

Worst Case Scenario
Deutschland 2014 - 82 Minuten - Start(D): 02.07.2015 - FSK: ohne Altersbeschränkung - Regie: Franz Müller - Drehbuch: Franz Müller - Produktion: Katharina Jakobs, Franz Müller, Moritz Müller, Markéta Polednová - Kamera: Kawe Vakil - Schnitt: Andreas Menn - Darsteller: Mirek Balonis, Justyna Bartoszewicz, Janek Bielawski, Florian Mischa Böder, Jakub Ehrlich, Samuel Finzi, Malgorzata Hrynaszkiewicz, Mariola Kurnicka, Eva Löbau, Vivian Mahler, Fabian Miebach, Jutta Riedel, Maciej Sykala, Laura Tonke, Elena Wegner - Verleih: Kawe Vakil

 

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