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Worst Case Scenario

 


Alles andere als verkopft

Gut gelaunt und leicht und luftig: Franz Müllers Meta-Fußballkomödie "Worst Case Scenario".

Obwohl man in nicht mal zwei Stunden von Berlin aus in Polen ist, ist das nahe Nachbarland vielen Deutschen immer noch fremder als, sagen wir, Italien oder Frankreich. Weshalb eine Kölner Noisepop-Band sich mal "Urlaub in Polen" nennen und damit Distinktionsgewinne abschöpfen konnte: Urlaub in Polen, das scheint für deutsche Ohren auf verquere Weise immer noch exotisch, drastisch, weird zu sein.

In Franz Müllers wunderbarer Komödie "Worst Case Scenario" geht es nicht eigentlich um Urlaub, sondern eher um Arbeit in Polen: ein Film soll entstehen. Samuel Finzi spielt den Regisseur Georg, der während der EM 2012 eine Komödie in Polen drehen will und dafür mit der ganzen Crew sein Lager auf einem Campingplatz an der Ostseeküste aufgeschlagen hat, irgendwo bei Sopot, Gdansk, Gdynia. Es ist Sommer, aber meistens regnet es, man trägt Anorak und Halstuch, lange Hosen. Das Meer ist grau, und die kleinen Holz-Kioske, vor denen man bei Dance-Musik ein Bier trinkt, sehen sehr rustikal aus. Die große Filmkunst scheint trotzdem zum Greifen nah: "Da vorne an der Mole wurde 'Die Blechtrommel' gedreht", erklärt ein Crewmitglied ihrer Kollegin und zeigt Richtung Horizont. Georg verweist auch gerne mal auf Fellini.

Mit Georgs Film aber geht von Anfang an alles schief: "Fünf Kilometer von hier haben deutsche Soldaten im Zweiten Weltkrieg vierzig Menschen erschossen, und du willst eine Komödie drehen!", empört sich die Produzentin und macht einen dramatischen Abgang. Auch andere Egos wollen gestreichelt werden: "Ich hatte im Vorfeld höflich darauf hingewiesen, dass ich keine Laktose vertrage und deshalb diesen Scheiß-Lidl-Fraß nicht fressen kann", erklärt der stämmige Hauptdarsteller, während Hauptdarstellerin Meike (sehr, sehr lustig: Laura Tonke) in der ständigen Angst lebt, ihr könne die Show gestohlen werden - von den deutschen Laien-Darstellern, die Regisseur Georg sich auf dem Campingplatz zusammensucht, oder von den polnischen Profi-Schauspielern, die er vom Theater in Gdynia ans Set lockt: "Ich kann halt kein Polnisch! Ich würde auch gerne Polnisch können!! So ist es nicht!!!", schreit Meike.

"Worst Case Scenario" ist ein Film-im-Film-Film und damit Teil eines Genres, das als Inbegriff von Selbstreflexivität gilt. Tatsächlich verdoppelt die Story in gewisser Weise die Wirklichkeit und erzählt vom Filmemachen unter erschwerten Bedingungen: "Zunächst hatten wir eigentlich vor, in Danzig während der EM eine wilde Fußballkomödie zu drehen", erklärt Müller, doch die Produktion zerschlug sich, woraufhin usw. usf... Das Ergebnis ist "Worst Case Scenario", schnell gedreht mit wenig Geld und viel Improvisation.

Deshalb muss man das Etikett "selbstreflexiv" modifizieren, das unter Umständen Assoziationen von Schwere und Verkopftheit wecken könnte. Müllers Film ist alles andere als verkopft, sondern auf herzerwärmende Weise verspielt und verschmitzt. Das fängt bei den Credits im Vorspann an, die als bunt-verkrakelte Computerschrift ins Bild gemalt sind, setzt sich bei den improvisierten Dialogen fort und endet noch lange nicht bei der beschwingten Filmmusik, die irgendwo zwischen Swing und Easy Listening anzusiedeln wäre: entspannt plänkeln Klavier und Bläser vor sich hin, einfach und gut gelaunt und leicht und luftig.

So schaut man froh und gerne zu, wie Männer und Frauen einander wehtun, wie Deutsche und Polen gegeneinander sticheln und sich piesacken: "The problem with you Polish people is you are a people from Balcan, but you moved too far to the North", versucht die deutsche Kostümbildnerin (auch groß: Eva Löbau) ihrem polnischen Liebhaber (Starpotential: Janek Bielawski) eine Art Kompliment zu machen. "Hast du das alles jetzt übersetzt?", fragt Regisseur Georg an anderer Stelle seinen Aufnahmeleiter - "Polnisch ist eine sehr präzise Sprache, man kann komplexe Dinge mit wenigen Begriffen ausdrücken." Ähnliches gilt für "Worst Case Scenario".

Elena Meilicke

Dieser Text ist zuerst erschienen im: www.perlentaucher.de

Zu diesem Film gibtís im archiv der filmzentrale mehrere Texte

 

 

Worst Case Scenario
Deutschland 2014 - 82 Minuten - Start(D): 02.07.2015 - FSK: ohne Altersbeschränkung - Regie: Franz Müller - Drehbuch: Franz Müller - Produktion: Katharina Jakobs, Franz Müller, Moritz Müller, Markéta Polednová - Kamera: Kawe Vakil - Schnitt: Andreas Menn - Darsteller: Mirek Balonis, Justyna Bartoszewicz, Janek Bielawski, Florian Mischa Böder, Jakub Ehrlich, Samuel Finzi, Malgorzata Hrynaszkiewicz, Mariola Kurnicka, Eva Löbau, Vivian Mahler, Fabian Miebach, Jutta Riedel, Maciej Sykala, Laura Tonke, Elena Wegner - Verleih: Kawe Vakil

 

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