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Die Wolken von Sils Maria

 
Ganz Zeit ohne Ziel

Kristen Stewart und Juliette Binoche bleiben in Olivier Assayas' meisterlichem "Clouds of Sils Maria" in ständiger Bewegung.

Valentine (Kristen Stewart) steht in einem Eisenbahnwaggon, im Gang neben den Passagierabteilen. Sie lehnt sich an die Kabinentür, stützt sich mit einer Hand am Fenster ab, mit der anderen hält sie ein Handy ans Ohr. Der Film steigt mitten im Gespräch ein, Valentine spricht über Termine in Jakarta, Lima, New York, dann klopft ein anderer Kontakt an, ein Anwalt aus Paris, es geht um einen Gerichtstermin. An drei Orten gleichzeitig zu sein, von der daraus resultierenden Bewegung durchgeschüttelt werden und dabei trotzdem (eine körperliche) Haltung bewahren: Darum geht es in "Clouds of Sils Maria", dem neuen Film von Olivier Assayas.

Assayas seinerseits navigiert in seiner Karriere zwischen den verschiedensten Genres, Tonlagen, teilweise auch Produktionszusammenhängen; seit er in den 1990ern zu einem der prägenden Autorenfilmern seiner Generation wurde, hat er unter anderem einen ziemlich wahnwitzigen Gentechnik-Cyberthriller gedreht ("Demonlover"), ein Historienfilmepos über einen verzichtlerischen Porzellanfabrikanten ("Les destines sentimentales", vermutlich sein Meisterwerk), zwischendurch Dokumentarisches über Musik ("Noise") und Tanz ("Eldorado"), zuletzt einen autobiografischen Jungmännerfilm ("Die wilde Zeit"). Zusammengehalten wird das Werk weniger von durchgängigen Themen oder auch nur von einem durchgängigen Stil, als vom Eindruck ständiger Bewegung. Bewegung, oder vielleicht eher Beweglichkeit scheint die Maxime seines Kinos zu sein: Nie irgendwo ankommen, nie erwartbar werden, mit jedem neuen Film wieder das Publikum und vielleicht auch sich selbst überraschen.

Und wenn, gerade aus dieser Perspektive, der etwas allzu vergangenheitsselige, ausstattungsfetischistische "Die wilde Zeit" eine kleine Enttäuschung war, ist "Clouds of Sils Maria" das exakte Gegenteil und der vielleicht assayasischste Assayasfilm so far: Diesmal ist die Bewegung nicht einmal für die Dauer eines Films zum (wie auch immer fragilen, provisorischen) Stillstand gekommen. Der Zug, in dem Valentine, die sich bald als Assistentin der Schauspielerin Maria Enders (Juliette Binoche) entpuppt, Telefonate führt, kommt zwar irgendwann an. Aber der Film kommt damit nicht zur Ruhe, weder in Zürich, wo Valentine und ihre Chefin von eifrig Kulturschaffenden (u.a. Hanns Zischler) umzingelt sind, auch später nicht im Engadin, in jenem Sils Maria, von dem schon Nietzsche wusste, dass seine lieblich-idyllische Anmutung trügerisch ist:

"Hier saß ich, wartend, wartend, - doch auf Nichts,
Jenseits von Gut und Böse, bald des Lichts
Genießend, bald des Schattens, ganz nur Spiel,
Ganz See, ganz Mittag, ganz Zeit ohne Ziel.
Da, plötzlich, Freundin! wurde Eins zu Zwei -
- Und Zarathustra ging an mir vorbei Ö"

Nach Sils ziehen sich Valentine und Maria für Proben zurück, oder eigentlich: für eine Wiederaufführung. Der alternde Star ist fürs Remake eines Bühnenstücks engagiert worden, das ihr selbst vor Jahrzehnten zum Durchbruch verholfen hatte: "Maloja Snake", ein offensichtlich recht spekulatives Lesben-Eifersuchtsding. Nur soll sie nicht mehr, wie einst, die junge Verführerin spielen, sondern die ältere Verführte. Ihre damalige Rolle übernimmt testweise, während ausgiebiger Bergspaziergänge, die Assistentin. Wie Valentines erste Szene im Zug ist der ganze Film ein Balanceakt (durchaus auch in einem metafiktionalen Sinne: wenn man bösen Willens ist, kracht die ganze eher hemdsärmelig als wasserdicht konstruierte, freudig Unwahrscheinlichkeiten akkumulierende Handlung sofort in sich zusammen). Binoches Figur - die Starpersonae der Darstellerinnen haben durchweg Teil an dem komplexen Spiel, das der Film aufführt - steht unter besonders heftigem Druck, balanciert zwischen ihrer autorenfilmerisch-alteuropäischen Vergangenheit und der popkulturell-amerikanischen Gegenwart. Letztere wiederum manifestiert sich später im Film in Gestalt von Chloë Grace Moretz und erweist sich dabei ihrerseits als janusköpfig: Moretz' Starlet Jo-Ann Ellis gibt zwar in Fernsehtalkshows den exhibitionistischen Trash-Promi, erweist sich im majestätsch über den Seen thronenden Silser Hotel Waldhaus jedoch als kulturbeflissener Hipster. Systematisch destabilisiert Assayas auch den Bilderfluss des Films selbst, lässt einen (historischen) Stummfilm über das "Wolkenphänomen von Maloja" ebenso in ihn eindringen wie eine Szene aus einem (fiktiven) Superheldenfilm.

Warum der ganze Aufwand? Für zwei Frauen, vor allem. Die teils performativ anmutenden Gesprächsszenen von Stewart und Binoche sind das Herzstück des Films. Sie ziehen ihren Reiz daraus, dass die einzuübenden Bühnendialoge und die alltägliche Kommunikation zwischen einer Schauspielerin und ihrer Assistentin immer wieder ineinander überzugehen scheinen; ohne freilich jemals komplett ununterscheidbar zu werden - denn eine bloße Flucht in die Ambivalenz wäre, merkt man schnell, doch wieder nur eine Stillstellung. Bei Assayas geht es jedoch gerade darum, Spannungen auszuhalten. Beziehungsweise: sie auf Körper zu projizieren, die dann gar nicht anders können, als sich zu der Spannung, unter die sie gesetzt werden, zu verhalten.

Im Körper der Schauspieler und (hier vor allem) Schauspielerinnen erfährt das Kino eine - zumindest in gewisser Hinsicht - absolute Konkretion; hier muss die Beweglichkeit zu einer körperlichen Form finden. Vielleicht ist deshalb die lustvolle Arbeit mit Schauspielerkörpern (nicht: mit Schauspiel als Technik) eine weitere Konstante in Assayas' Werk. In "Clouds of Sils Maria" scheint man direkt zu spüren, wieviel Spaß es Assayas gemacht hat, seine Darstellerinnen nicht nur immer wieder neu aufeinander zu hetzen (Stewart liegt, eine Zeitschrift in der Hand, auf dem Sofa, blickt schelmisch auf und beginnt die Ältere zu triezen; Binoche lacht beim gemeinsamen Abendessen spitz und tendenzagressiv auf, wenn die Jüngere von Moretz schwärmt), sondern auch, sie immer wieder neu anzuziehen. Binoche schneidet er sogar einmal die Haare, Stewart steckt er nicht nur in sonderbar grungy-glamouröse Retro-Klamotten, er bemalt sie auch noch mit Tattoos, die naiv improvisiert wirken, wie während einer langweiligen Schulstunde mit Kugelschreiber aufgetragen.

Lukas Foerster

Dieser Text ist zuerst erschienen in der www.perlentaucher.de

Zu diesem Film gibtís im archiv der filmzentrale mehrere Texte

 

 

Die Wolken von Sils Maria
OT: Sils Maria - Frankreich / Schweiz / Deutschland 2014 - 124 min. - Regie: Olivier Assayas - Drehbuch: Olivier Assayas - Produktion: Charles Gillibert - Kamera: Yorick Le Saux - Schnitt: Marion Monnier - Verleih: NFP - FSK: ab 6 Jahren - Besetzung: Chloë Grace Moretz, Kristen Stewart, Juliette Binoche, Brady Corbet, Johnny Flynn, Hanns Zischler, Claire Tran, Lars Eidinger, Steffen Mennekes, Angela Winkler, Jerry Kwarteng, Alister Mazzotti, Frank M. Ahearn, Gilles Tschudi, Aljoscha Stadelmann - Kinostart (D): 18.12.2014

 

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