zur startseite

zum archiv

zu den essays

Wolfskinder


 

Durchs wilde Ostpreußen

Sommer 1946. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges ist Ostpreußen von der Roten Armee besetzt. Noch immer sind Menschen auf der Flucht. Da viele Männer tot oder in Kriegsgefangenschaft sind, müssen sich Mütter mit ihren Kindern auf eigene Faust durchschlagen. So wie die Mutter des 14jährigen Hans und seines jüngeren Bruders Fritz. Die kann allerdings sterbend ihren Kindern nur noch raten, sich nach Litauen durchzuschlagen, wo vielleicht ein paar freundliche Bauern sich erbarmen. "Nach Osten!", lautet ihr letzter Ratschlag, bevor Hans und Fritz zu Waisen werden. Und ihre Herkunft sollen sie nicht vergessen!

Man ahnt schnell, was den Regisseur Rick Ostermann am Stoff von "Wolfskinder" interessiert hat: ein »richtiger« Abenteuer-FILM mit Kindern vor dem Hintergrund einer atemberaubend fotografierten (Kamera: Leah Striker) wilden Landschaft. "Stunde Null" meets Terrence Malick! Erinnert sei daran, dass Eberhard Fechner sich dieser Geschichte bereits 1990 mit den Mitteln einer dokumentarischen "Oral History" angenommen hat. Ostermann macht aus den Erzählungen jetzt einen Western. Exemplarisch werden die Geschicke der "Wolfskinder", ihre wechselnde Rudelbildung und ihr alltäglicher Kampf ums Überleben geschildert. Da wird schon mal ein Pferd gestohlen und geschlachtet, da werden Frösche gegessen, da gilt es Begegnungen mit einer stets gefährlichen Soldateska zu vermeiden, die schnell zur Waffe greift. Manchmal helfen Bauern oder Fischer, aber nur, wenn sich die Kinder nützlich machen.

Es ist ein zäher, oft wortloser Überlebenskampf, zumal die Kinder nicht recht wissen, wie ihnen geschieht. Ihnen widerfährt der Schrecken des Nachkrieges ohne ein Bewusstsein für die Schuld, die aus ihrer Herkunft rührt. Ihr Weg ist ein Opfergang, gerade weil der Film sich entschieden hat, ihre Geschichte(n) ohne Zeit-Geschichte zu erzählen. Also muss der Zuschauer entscheiden, ob er die Erzählung vom Leiden von Hans und Fritz als existentiell-abstrakte Parabel oder als revisionistische Geschichtserzählung, deren Naivität beklommen macht, verstehen will. Beides scheint indes möglich - und vielleicht sollte man sich noch ein paar Wochen gedulden, bis "Phoenix" von Christian Petzold in den Kinos anläuft, um nachzufragen, worin sich die Haltung eines Regisseurs, der 1978 geboren wurde, von derjenigen eines Regisseurs unterscheidet, der 1960 geboren wurde. Ältere werden sich noch an Schulatlanten erinnern, in denen die Ostgebiete gerne als "unter polnischer Verwaltung" geführt wurden.

Benotung des Films: (5/10)

Ulrich Kriest

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in der: www.filmgazette.de

 

 

Wolfskinder
Deutschland 2013 - 91 min. - Regie: Rick Ostermann - Drehbuch: Rick Ostermann - Produktion: Rüdiger Heinze, Stefan Sporbert - Kamera: Leah Striker - Schnitt: Antje Lass - Musik: Christoph Kaiser, Julian Maas - Verleih: Port au Prince / barnsteiner-film - Besetzung: Jürgen Vogel, Levin Liam, Helena Phil, Vivien Ciskowska, Patrick Lorenczat, Willow Voges Fernandes, Til Niklas Theinert, Jördis Triebel - Kinostart (D): 28.08.2014

 

zur startseite

zum archiv

zu den essays