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The Wolf of Wall Street

 

 

Kapitalismus noir

Martin Scorsese kann gar keine schlechten Filme machen. Aber ein paar von seinen letzten Arbeiten schienen ein bisschen wie Fingerübungen, so, als wollte er sich und uns beweisen, dass er dies (eine nostalgische Fantasy-Film-Kinder-Geschichte) oder jenes (einen Mindfuck-Thriller) eben auch kann. Mit »The Wolf of Wall Street« aber ist er wieder in seinem Element: böse, vulgär, heftig und präzis.

Der Film entstand noch dem autobiographischen Bericht jenes Jordan Belfort aus Queens, New York, der der richtige Mann am richtigen Ort zur richtigen Zeit war, um den amerikanischen Traum, die Broker-Version des Jahres 1988, neu zu erfüllen. Er und seine Kumpel füllen sich mit dem Aktiengeschäft die Taschen, bei dem sie ohne Gnade die größte Schwäche ihrer Zeitgenossen ausnutzen: die Gier. Die »Stratton Oakmont Brokerage« wird zu einem Modellfall der Jahre vor dem Platzen der Blase. Die Leute dort »machen« wirklich Geld, und zwar direkt aus der Dummheit der Menschen. Und sie werfen es auch mit vollen Händen wieder hinaus, für Drogen, für Prostituierte, für die Spielsachen der Reichen, die Villen, Yachten und Flugzeuge, mit denen man sich gegenseitig und den Rest der Welt beeindruckt. Doch mit diesem System verhält es sich wie mit dem Glücksspiel-Imperium in Scorseses Film »Casino«: Es hätte perfekt sein können, aber Ö

Leute wie Jordan Belfort, in denen kriminelle Energie sich mit einem ebenso vulgären wie pseudo-religiösen Charisma verbinden, infizieren sich schließlich an den Schwächen ihrer Opfer. Sie können nicht aufhören. Sie wollen immer mehr. Jordan Belfort schafft es nicht, den angebotenen Ausweg zu wählen. Denn er ist nicht nur berauscht von Drogen und Geld, sondern auch von sich selber. Und dann gibt es immer auch noch die Geschichten von Liebe, Ehe und Familie, die im Rausch der Drogen, des Geldes und des Erfolges für die wahren Niederlagen sorgen. 1998 wird er wegen Geldwäsche und Anlagebetruges zu einer mehrjährigen Gefängnisstrafe verurteilt. Ist so jemand wie Jordan Belfort damit bezwungen? Nicht doch. Er wird zum Autor von zwei Bestsellern, und verdient heute als »Motivationstrainer« und Unternehmensberater gutes Geld. Vielleicht nicht mehr ganz so viel wie früher, aber dafür sicher. Besser kann man nicht vorleben, was die Krise bewirkt hat. Nicht mehr als das neuerliche Aufpumpen des Systems zur nächsten Blase.

Das Drehbuch schrieb nach Belforts Buch Terence Winter, dem wir mit »Die Sopranos« und »Boardwalk Empire« serielle Einblicke ins Innere der Gangsterherrschaft verdanken, mit einem erstaunlichen Blick nicht nur für die Systeme, sondern auch die Charaktere, und das hat Scorsese noch einmal mit seinen typischen Brechungen und Spiegelungen versehen. Oft spricht Leonardo di Caprio direkt in die Kamera, zu uns, als wollte er zugleich sein System erklären und uns beweisen, dass trotzdem jeder darauf hereinfällt. Dazwischen gibt es Werbespots seiner Firma und eine Kamera, die selber zum Teil des Geschehens wird. So erklärt Scorsese auch auf der formalen Ebene seines Films, wie ein kollektiver Geldrausch entsteht, obwohl jederzeit klar ist, was dabei geopfert wird, und wie schrecklich das Erwachen sein muss. Wenigstens für die Opfer.

Niemand schafft es so wie Scorsese, an Figuren Anteil zu erzeugen, die man zugleich als reichlich miese und nicht einmal besonders »abgründige« Charaktere kennenlernt. Und niemand schafft es so, eine ungeheure dramatische Spannung zu erzeugen und zugleich ein soziales Lehrstück zu liefern. Scorsese fällt auf den Gordon Gecko-Mythos der Wall Street, diese Beschwörung von dämonischer Faszination, nicht herein. Seine Broker-Gangster sind vulgäre Schreihälse (das Erste, was Jordan bei seiner Ankunft in den Hochhaus-Labyrinthen auffällt, ist diese Sprache des obszönen Reichtums, in der die nihilistische Lust und die atavistische Aggression sich zu Sätzen formulieren, von denen nur wenige ohne mehrfache Verwendung von »fuck« auskommen), skrupellose Betrüger und hemmungslose Angeber, die beim Verprassen ihrer Profite nicht einmal Geschmack beweisen. Und meistens können sie es selber nicht fassen, wie leicht es ihnen gemacht wird.

Diesem neuen Citizen Kane, der im Gegensatz zu den meisten seiner Opfer aus den Feuern der Finanzkrise als Phönix wieder aufersteht, weil Amerika keinem Menschen widerstehen kann, der wie er die Kunst versteht, einen Kugelschreiber oder ein faules Papier zu verkaufen, verleiht Leonardo di Caprio die vollkommen angemessene Erscheinung. Er ist ein amerikanischer Archetyp, einer, der begriffen hat, dass Kapitalismus eine Form des Glaubens, eine Religion ist, und der sein Talent zur dramatischen Predigt des bedingungslosen Geldmachens einsetzt. Und der selbst nach seinem tiefen Fall ein Hohepriester dieser Geldreligion ist. Di Caprio setzt dazu keine Maske auf, er macht sich vielmehr ganz und gar durchsichtig. In den Techniken der Verführung und in den Momenten der Erbärmlichkeit. Im fünften gemeinsamen Film haben er und Scorsese ihr Meisterwerk abgeliefert. Eine Komödie des Entsetzens. Das »GoodFellas« des Finanzbusiness. Der Beweis dafür, dass das amerikanische Kino noch zornig sein kann. And fucking intense.

Georg Seeßlen

Dieser Text ist zuerst erschienen in: www.strandgut.de

Zu diesem Film gibtís im archiv der filmzentrale mehrere Texte

 

 

The Wolf of Wall Street
USA 2013 - 180 min. - Regie: Martin Scorsese - Drehbuch: Jordan Belfort, Terence Winter - Produktion: Riza Aziz, Leonardo DiCaprio, Joey McFarland, Martin Scorsese, Emma Tillinger Koskoff - Kamera: Rodrigo Prieto - Schnitt: Thelma Schoonmaker - Musik: Howard Shore - Verleih: Universal - Besetzung: Leonardo DiCaprio, Matthew McConaughey, Jonah Hill, Jon Bernthal, Jon Favreau, Kyle Chandler, Ethan Suplee, Rob Reiner, Spike Jonze, Shea Whigham, Jean Dujardin, Joanna Lumley, Margot Robbie, Christine Ebersole, Jake Hoffman - Kinostart (D): 16.01.2014

 

 

 

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