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Die Wohnung

 

 

Goethe? Vergiss es!

Arnon Goldfingers Dokumentarfilm "Die Wohnung" rekonstruiert die Biografie seiner deutsch-jüdischen Großeltern und führt dabei Gespräche, in denen hinter jedem Wort Abgründe lauern.

Mit 98 Jahren stirbt Gerda Tuchler in Tel Aviv. Die Wohnung, in der sie mit ihrem Ehemann Kurt 70 Jahre lang lebte, soll geräumt werden. Zuerst werden die zu weiten Teilen deutschsprachigen Bücher begutachtet und größtenteils entsorgt ("Goethe? Vergiss es!"; Balzac hat auch keinen Wiederverkaufswert). Als müsste man zunächst eine Art von Erinnerung entfernen, um auf eine andere zugreifen zu können. In einer tieferen Schicht dieses biografischen Archivs stoßen die Hinterbliebenen auf einen Artikel aus dem Angriff, der Berliner Gauzeitung der NSDAP, einem der schlimmsten Propagandablätter: "Ein Nazi fährt nach Palästina". Ausgehend von diesem Fund rekonstruiert der Enkel Arnon Goldfinger eine Familienchronik.

Im Zentrum der ziemlich unglaublichen Geschichte, die "Die Wohnung", vor allem über eine Serie von Interviews, ausbreitet (und die man teilweise auch über diesen Zeitungsartikel Goldfingers erschließen kann), stehen zwei befreundete Familien: Die deutsch-jüdischen, assimilierten Tuchlers und die deutschen Nationalsozialisten von Mildenstein. Leopold von Mildenstein, ein führender Ideologe der NS-Bewegung, der unter anderem als Wegbereiter Eichmanns galt (und nach dem Krieg mithilfe eines "bereinigten" Lebenslaufs Karriere als Pressesprecher von Coca-Cola Germany machte), war jener Nazi, der 1934 nach Palästina fuhr und eine, zwar von antisemitischen Klischees gesättigte, aber in einigen Aspekten wohlwollende Artikelserie über die zionistischen Bestrebungen der Zeit verfasste. Von Mildensteins Freund Kurt Tuchler und auch dessen Frau Gerda waren Teil der Reisegruppe.

Einige (rechte wie linke) Verschwörungstheoretiker haben die Artikelserie zum Anlass genommen für widerwärtige Versuche, Nationalsozialismus und Zionismus als Bundesgenossen zu beschreiben (auf Links verzichte ich hier, zur Not hilft Google). Goldfinger dagegen interessiert sich für die Menschen, die zur Geschichte, vor allem aber zu seinem eigenen Affekt quer zu stehen scheinen: Der eigentliche Skandal besteht für ihn darin, dass die Freundschaft zwischen den rechtzeitig emigrierten Tuchlers - eine Urgroßmutter allerdings starb im KZ - und den von Mildensteins sich auch nach dem zweiten Weltkrieg und der Shoah fortsetzte; in der Wohnung der Großmutter finden sich nur einige spärliche Hinweise, aber ein Besuch bei Edda von Mildenstein, der Tochter Leopolds, die nach jahrzehntelangem Aufenthalt in England das väterliche Anwesen in Wuppertal übernommen hat, lässt keinen Zweifel: eine umfangreiche Korrespondenz, gemeinsame Urlaubsfotos aus Österreich, eine Halskette als Geschenk für die Tochter.

Gerda und Kurt Tuchler verheimlichten ihren Kindern und Enkeln nicht die jährlichen Deutschlandreisen, wohl aber die Identität ihrer Gastgeber. Die Dynamik des Films wird bestimmt von einer Serie von Begegnungen, in denen sich die Widerstände gegen den Blick auf die Vergangenheit langsam zu lösen beginnen: Arnon Goldfinger spricht mit Edda von Mildenstein über deren Vater und stößt auf eine komplexe Gemengelage aus Nichtwissen und Verdrängung; er spricht mit seiner eigenen Mutter über deren Verhältnis zur Großmutter und den Unwillen beider Frauen, sich allzu genau mit der Familiengeschichte zu befassen. Und schließlich überredet er seine Mutter zu einem weiteren, gemeinsamen Besuch bei Edda von Mildenstein.

Dieser zweite Besuch ist zweifellos der interessanteste Abschnitt des Films: Die beiden Nachkommen der Tuchlers stehen gemeinsam mit der sehr zuvorkommenden, aber immer nervöser werdenden Tochter Leopold von Mildensteins in demselben Garten, in dem vermutlich auch die damaligen von Mildensteins einst ihre Gäste aus Israel empfangen hatten, und sie führen Gespräche, in denen hinter jedem Wort Abgründe lauern und die selbst aus der sicheren Distanz des Kinosaals nur schwer zu ertragen sind. Ein befreundeter Amateurhistoriker ist auch mit dabei, der hat (anders als Goldfinger) keine Beweise für die fortgesetzte Tätigkeit Leopold von Mildensteins im Staatsdienst nach 1937 gefunden: "Ich würde sagen: unbescholten. In dieser Richtung alles in Ordnung". Dann folgt ein Schnitt auf ein typisches, idyllisches Kleinstadtpanorama am Rande Wuppertals; im Hintergrund weht eine Deutschlandfahne.

Lukas Foerster

Dieser Text ist zuerst erschienen im:www.perlentaucher.de

Zu diesem Film gibtís im archiv der filmzentrale mehrere Texte

 


Die Wohnung
Deutschland / Israel 2011 - Originaltitel: Ha'dira - Regie: Arnon Goldfinger - Darsteller: Dokumentation - Prädikat: besonders wertvoll - FSK: ohne Altersbeschränkung (Video) - Länge: 97 min. - Start: 14.6.2012

 

 

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