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Das Wochenende

 

 

Mittlerweile sind die Filme zum immergrünen Thema „RAF“ bzw. „Militanter Widerstand“ wieder da gelandet, wo Anfang der 1970er Jahre im Neuen deutschen Film „alles anfing“: Im zweiten oder dritten Glied der Angehörigen oder der Freunde der Täter, die ja immer auch »irgendwie Opfer« sind. Wir erinnern uns an Katharina Blum, den Biogenetiker Hoffmann in „Messer im Kopf“, die Schwester Juliane in „Die bleierne Zeit“, der Dichter Bernward Vesper in „Die Reise". Vesper begegnete uns jüngst wieder in Veiels „Wer wenn nicht wir“ – und die Ex-Terroristen wurden von ihrer Vergangenheit auf je unterschiedliche Weise eingeholt in „Schattenwelt“ von Connie Walter und „Es kommt der Tag“ von Susanne Schneider.

In letzterem Film wird eine Ex-Terroristin, die unter falscher Identität klandestin im Elsass lebt, aber längst der Gewalt entsagt hat, plötzlich mit ihrer leiblichen Tochter konfrontiert. Schatten der Vergangenheit. Kinder waren im RAF-Kontext ja immer ein Problem: mussten sie zurückgelassen werden, wie das Kind von Bernward Vesper und Gudrun Esslin, war es nicht recht. Sollten sie ins Palästinenserlager verbracht werden, wie die Töchter von Ulrike Meinhof, musste sie ein Draufgänger wie Stefan Aust in einem heroischen Akt in Sizilien retten. Oder war es Bernward Vesper, wie in „Die Reise“ zu sehen?

Hier kommt Bernhard Schlink ins Spiel, der Meister der trivialen Moralepistel („Der Vorleser“), der sich 2008 schaudernd dachte: Wie mag das wohl sein, wenn ein RAF-Kader nach vielen Jahren aus der Haft entlassen wird, vielleicht sogar vom Staat begnadigt, aber trotzdem ungebrochen. Und der trifft dann draußen auf alte Bekannte, die „auch einmal an die Revolution glaubten“, jetzt aber auf die eine oder andere Weise ihren Frieden mit der Bürgerlichkeit gemacht haben. Wer muss da wem Rechenschaft ablegen? Bei Schlink stehen dann Pappkameraden im Raum, die sich Haltungen mittels Zitat-Bausteinen um die Ohren hauen: „Du bist zur Trauer so unfähig wie die Nazis es waren!“

Quod erat demonstrandum. Nina Grosse, die Filmemacherin, die aus irgendwelchen unerfindlichen Gründen beschlossen hat, „Das Wochenende“ zu verfilmen, hat viel Zeit und Arbeit daran gesetzt, den Trübsinn der Vorlage geschmeidig zu machen, indem sie den Stoff zum Kammerspiel reduzierte, in dem »Politik« keine allzu große Rolle mehr spielen sollte (oder konnte). Damit allerdings ist „Das Wochenende“ nur ein weiteres jener Klassentreffen- oder Ex-Studenten-WG-Spiele, die von der Kontingenz biografischer Entwürfe handeln, von Verletzungen, die nie verheilt sind oder von Gefühlen, die man sich so nie eingestanden hat.

Es geht hier (natürlich!) um Verrat, ganz konkret einerseits – und im Allgemeinen ja stets sowieso. Man war schließlich mal radikal – und hat sich dann „fürs Leben“ entschieden. Nur eben nicht alle. Schließlich hat Jens ja fast die Hälfte seines Lebens »der Sache« geopfert und ist auch jetzt noch überzeugt, dass der Kapitalismus in der Krise ist. Die alten Freunde würden das vielleicht nicht unbedingt bestreiten, haben sich aber dafür entschieden, ihr Auskommen vorzugsweise mit psychologisierender Erinnerungs- und Erbauungsliteratur und Rezepten für Pasta mit handgeernteten japanischen Algen zu fristen. Dass es hier nicht um Politik gehen kann, soll oder wird, wird in einem matten „Prada-Meinhof“-Witz fixiert. Henner, der einstige Genosse, der sein Renegatentum per Buch in klingende Münze verwandelt hat, hat auf einem Flohmarkt in Berlin ein T-Shirt gefunden, dass ein Fahndungsplakat zum Mode-Accessoire macht: „Du bist jetzt Pop!“

Solcherart »entlastet«, kann man sich nun an die Familienaufstellung machen: Da ist die Schwester, die das Treffen am Wochenende organisiert hat, aus Angst, mit ihrem Bruder alleine sein zu müssen. Da ist die Ex-Geliebte, die mittlerweile in Literatur macht und mit ihrem Ehemann anreist, der als Feinkost-Unternehmer für die Toskana-Fraktion steht. Das Ehepaar bringt auch eine gemeinsame Tochter mit, die mitten in der Pubertät ein Gespür dafür hat, wie viel »radical chic« es hat, mit einem Ex-RAF-Kader zu grillen. Sie ist es denn auch, die, zurückgewiesen vom kühlen Jens, ihren Stiefbruder über das Treffen informiert. Der, ein »wilder Kerl« in bester Sturm und Drang-Tradition, reist an, um mit seinem Vater abzurechnen.

Warum? Weil ihm keine Aufmerksamkeit geschenkt wurde, weshalb es ihm legitim erscheint, vom Vater eine „Entschuldigung für dein verpfuschtes Leben“ zu fordern. Mit großer theatralischer Geste! Meine Güte! Jens antwortet zunächst noch ganz cool: „An mich wird man sich erinnern, an dich nicht!“ Anschließend jedoch wird er den Schmerz zulassen – und könnte jetzt doch noch ein Vater werden. Was aber auch egal ist, denn letztlich soll ja hier nicht das jämmerliche Selbstmitleid der Nachgeborenen entlarvt, sondern vielmehr gezeigt werden, wie nah sich Vater und Sohn charakterlich sind.

„Je länger er ihm zugehört hatte, desto mehr erinnerte seine Unerbittlichkeit ihn an Jörgs Unerbittlichkeit von damals, und er dachte daran, wie das Unheil sich fort- und fortpflanzt“, liest man bei Schlink, dem es wie schon im Falle von „Der Vorleser“ wesentlich um eine Entlastung der NS-Täter durch die über Bande gespielte Denunziation der „68er“ zu tun ist. Nina Grosse, Jahrgang 1958 und irgendwo zwischen den Fronten, scheint zu glauben, dass es sticht, wenn man dem Revolutionär vorhält, ein schlechter Vater gewesen zu sein. Den Revolutionär legitimieren möchte der Film also nicht, aber als kleines Korrektiv der Selbstgefälligkeit und „spät-römischen Dekadenz“ (Westerwelle) der alten Freunde, dafür taugt Jens schon, dem anzusehen ist, dass ihm das ganze Gewese um „laktosefreie Milch“ und unterschiedliche Sorten luftgetrockneten Schinkens ziemlich auf die Nerven geht.

Andererseits – der Film kann sich einfach nicht entscheiden – hat Jens »natürlich« eine Pistole in seinem Schallplattenspieler versteckt, um sich notfalls aus der Welt zu schaffen. Das war halt so üblich, damals, als die Rolling Stones noch halbwegs akzeptable Vinyl-Schallplatten mit Titeln wie „Love You Live“ veröffentlichten. Das ist selbstredend Kolportage, da hilft dann auch nicht mehr, das sich hier eine erlesene Schar von Schauspielern vor der Kamera von Benedikt Neuenfels versammelt hat, der hier einen gewohnt guten Job macht.

Ulrich Kriest

Dieser Text ist zuerst erschienen in: film Dienst 9/2013

Zu diesem Film gibt’s im archiv der filmzentrale mehrere Texte

 

Das Wochenende
Deutschland 2012 - 93 min.
Regie: Nina Grosse - Drehbuch: Nina Grosse - Produktion: Thomas Friedl, Nico Hofmann, Nina Maag - Kamera: Benedict Neuenfels - Schnitt: Mona Bräuer - Musik: Stefan Will - Verleih: Universum - FSK: ab 12 Jahre - Besetzung: Sebastian Koch, Sylvester Groth, Katja Riemann, Tobias Moretti, Barbara Auer, Robert Gwisdek, Elisa Schlott, David Bredin
Kinostart (D): 11.04.2013

 

 

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