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The Witch


 

In der Zwangssituation einer Kinovorstellung macht Robert Eggers' texturintensiver Horrorfilm "The Witch" existenzielle Erfahrungen nachvollziehbar.

Ein großes Knarren und Dräuen: Die undurchdringlich anmutenden Bäume im Wald, das Holz der Dielen der kargen Hütte, die eher Klang im tiefen Frequenzbereich statt Noten akzentuierenden Streicher der musikalischen Untermalung, die drückenden grauen Wolken des Himmels, die das Licht des Films ein klein wenig neben die Realität rücken lassen, die dunkle, aus dem tiefen Innern des Körpers kommende Stimme des christlichen Patriarchen, der dem Hexenwahn anheim fällt, sogar das langsame, die Schrauben Windung um Windung minutiös anziehende Erzähltempo. Robert Eggers' eigenwilliges Horrormelodram "The Witch" setzt (darin dem zweiten großen amerikanischen Autoren-Horrorfilm der letzten Zeit, David Robert Mitchells "It Follows", nicht unähnlich) auf die Dynamik zwischen der Latenz dessen, was immer nur skizziert, referenziert wird, und der drängenden Insistenz aufs Faktische, die aus dem Texturenreichtum der äußeren - hier auch klanglichen - Wirklichkeit spricht. Daraus schlägt "The Witch" immensen atmosphärischen und sinnlichen Gewinn.

"A New-England Folktale" lautet der Untertitel. Tatsächlich fühlt sich Eggers' Film über weite Strecken an wie die Illustration einer Anekdote aus alten Dokumenten, ein Fundstück aus historischen Archiven. In der Tat klärt eine Tafel am Ende des Films darüber auf, dass zahlreiche Dialoge - bis hin zur ältlich shakespeare-artigen Patina der gesprochenen Sprache - den Zeugenaussagen historischer Gerichtsdokumente entnommen sind. Dazu passt, dass der Film zumindest im Kino im als obsolet geltenden 4:3-Format ausgewertet wird - nicht nur der Bildschärfe des digitalen Sensors kommt dies zupass, wie der Regisseur in Interviews bekräftigt, auch die zahlreichen Bäume erhalten dadurch mehr Raum im Bild nach oben, was den insgesamt beengten, unübersichtlichen Eindruck dezent verstärkt.

Das geradezu klaustrophobisch zugespitzte Zentrum des Films bildet eine Siedlerfamilie im Massachusetts des Jahres 1630, die auf einer kargen Lichtung eines noch kargeren Waldes ihr Dasein und Überleben organisiert. Der Prolog informiert, dass sie wegen der störrischen, jeglicher Weltlichkeit entsagenden christlichen Überzeugungen des Vaters William (Ralph Ineson) aus dem gesellschaftlichen Schutz einer nahen Kolonie verstoßen wurde. Bald häufen sich die rätselhaften Ereignisse: Ein Schimmelpilz stellt die überlebenswichtige Maisernte in Frage, das jüngste Kind der Familie verschwindet. Treibt eine Hexe in den nahen Wäldern ihr Unwesen?

Die Spekulationen darüber, was in Hexenzirkeln und -nächten vorgeht, hat seit der frühen Neuzeit, als die Hexenprozesse Konjunktur entwickelten, die Fantasien und im Zuge auch die Scheiterhaufen in ganz Europa befeuert. Die finsteren und vollmundig ausgekosteten Wahnvorstellungen, wie sie am gängigsten im berüchtigten "Hexenhammer" (der, was man dazu sagen muss, schon seinerzeit, insbesondere auch bei Teilen des Klerus als Werk eines Spinners galt, das lange Zeit kaum Wirkmacht entwickelt hatte) niedergeschrieben wurden, informierten im Zuge auch die Schauerliteratur und den Horrorfilm. Mit "The Witch" verweigert sich Eggers dieser Genre-Bildtradition allerdings weitgehend. Anders etwa als Rob Zombie in "Lords of Salem" (2012), einem weiteren ambitionierten Versuch eines Hexenfilms, der eher auf Atmosphäre und Bedächtigkeit einer Charakterstudie setzt, leistet Eggers keinen Vertröstungsaufschub, um sich schlussendlich in einem orgiastischen, aus zahlreichen Bildarchiven schöpfenden Fiebertraum zu ergießen.

Eggers interessiert sich nicht für den ästhetischen Überschuss des postmodernen Hexenkinos, ihm geht es um den minutiösen Nachvollzug einer existenziellen Erfahrung, wie sie sich religiös verblendeten Puritanern, für die der Hexenglaube ohne weiteres eine lebensnahe Option darstellte, in einer Krisensituation dargeboten hätte. Der eigentliche Horror besteht denn auch nicht so sehr in einer, vom Film ohnehin nur äußerst vage skizzierten, äußeren Bedrohung, sondern gründet manifest in den Eskalationen innerer Dynamiken: Ähnlich wie George A. Romero in seinen Zombieklassikern geht es Eggers um den Schrecken, den fehlgeleitetes zwischenmenschliches Verhalten im Zuge einer profunden Ideologisierung birgt. Minutiös spitzt Eggers die Krisensituation zu - Paranoia und erratisches Verhalten schlagen um sich: Die an der Schwelle zwischen Jugend und Erwachsenendasein stehende Tochter Thomasin (Anya Taylor-Joy) steht bald unter Verdacht, mit dem Beelzebub in Verbindung zu stehen, genau wie die beiden, im übrigen ziemlich unheimlichen kleinen Zwillingsgeschwister (dass der Name "Thomas" auf das aramäische Wort für "Zwilling" zurückgeht, ist dabei eine dunkle Anspielung, die der Film als solche zum Glück bestehen lässt und gar nicht erst ausartikuliert). Im Zeitalter sich zuspitzender religiöser Fundamentalismen in Gesellschaft und Geopolitik liegt in dieser Facette auch eine zumindest vorsichtig artikulierte Gegenwartsallegorie.

Wirklich großartig an "The Witch" ist aber die Kühnheit, mit der Eggers auf maximalen, eher an die Ästhetik des Autorenkinos erinnernden Erzählweltrealismus bis an die Grenze zur Genreverweigerung geht - und gerade in dieser Anspannung seinen Reiz entwickelt. Und wie er dieser knarrenden, dräuenden Welt ein Rest-Mysterium zu erhalten versteht, in dem der von den hypnotisch-entrückten Qualitäten des Films angenehm getriggerte Verstand des Zuschauers Purzelbäume schlagen darf. Schon deshalb empfiehlt es sich, sich diesem Film in der Zwangssituation eines Kinos auszusetzen, nicht zuletzt, da die hervorragende Tonspur einen erst unter den Bedingungen einer Kinosaal-Architektur so richtig einzumanteln versteht. "The Witch" ist, vergleichbar einer guten Ambientplatte, die sich nicht damit begnügt, bloß Tapetenmusik zu sein, ein großes, sinnliches, texturenreiches Vegnügen, dessen Grundbedingung, die Einwilligung zum Ausgeliefertsein ans Werk, eine ablenkungsreiche Heimkinosituation kaum erfüllt.

Thomas Groh

 

Dieser Text ist zuerst erschienen im: www.perlentaucher.de

Zu diesem Film gibtís im archiv der filmzentrale mehrere Texte

 

  

The Witch
OT: The VVitch: A New England Folktale - Brasilien, Kanada, USA, Großbritannien 2015 - 92 min. - Regie: Robert Eggers - Drehbuch: Robert Eggers - Produktion: Daniel Beckerman, Lars Knudsen, Jodi Redmond, Rodrigo Teixeira, Jay Van Hoy - Kamera: Jarin Blaschke - Schnitt: Louise Ford - Musik: Mark Korven - Verleih: Universal Pictures Germany - Besetzung: Anya Taylor-Joy, Ralph Ineson, Kate Dickie, Harvey Scrimshaw, Ellie Grainger, Lucas Dawson, Julian Richings, Batsheba Garnett, Sarah Stephens, u. a. - Kinostart (D): 19.05.2016

 

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