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The Witch


 

Frommer Koller, toller Ton, gottloser Bock: hipper Horror

Eigentlich ist das ja ein Allerweltsfilmtitel: "The Witch". Aber der hat es in sich, und es kommt noch etwas hinzu: In sich hat er das Doppel-V der nerdig-offiziellen Schreibweise als VVitch, und hinzu kommt der Untertitel, die Byline "A New England Folktale". Sprich: Dieser Film will etwas.

Er spielt während Nordamerikas Kolonialfrühgeschichte, um 1630. Pilgrim Fathers, kleine Siedlungen an der Ostküste und so. Aus nicht näher erläuterten Gründen religiöser Dissidenz verlässt eine Familie mit fünf Kindern die Gemeinde und zieht weit fort, in eine abgelegene elende Farm am Waldrand. Das sich hinter ihrem Karren schließende Tor der Puritanersiedlung gibt gerade noch den Blick frei auf ein Stück sozialen Alltag in deren umbauten Inneren, zumal auf einige American Natives, die da zwischen den Halskrausen- und Häubchen-TrägerInnen spazieren: Die Kleingruppe, die hier nun wie so viele nach ihnen (und vor allem in so vielen Filmen) in einen Wilden Westen aufbricht, lässt auch die "Indianer" in der Zivilisation zurück; was sie an Begegnungen erwartet, ist nichtmenschlicher Art. Was sie an Erinnerungen zurücklassen, das gehört allerdings, so wird später en passant halbdeutlich, ohnehin ihrem Herkunftsland England; und ihre Herzen und Handlungen gehören ganz Gott. Ein Bild des kargen, frömmelnden Farmalltags wird hier entworfen, als Variation des (zumeist nicht kargen, sondern irgendwie obszön Glück konsumierenden) Genre-Szenarios vom Haus im Wald, in dem sich Hüttenkoller breitmacht, um in Wahn und Gewalt zu münden.

An Hellsicht - an präziser Einsicht from hell, if you will - für Machtspiele im gelebten Raum wäre hier mehr drin gewesen. Dieser US-Independent-Grusler läuft in Sachen des Sinns fürs Soziale und Historische doch bald ein wenig leer - das aber dafür auf Hochtouren. (Und auf die ist der Film dann vielleicht doch etwas zu merklich stolz.) Plot-Shifts und -Twists rund um unsere Mutmaßungen darüber, wer denn hier Kinder fortholt und alltägliche Anblicke ominös erscheinen lässt (ein Ziegenbock ist immer noch ein nützliches Haustier, auch wenn er zufällig schwarz ist, und Hasen, Hühnerleier, Äpfel, das sind doch eigentlich Teile einer Imagination, die bukolisch ist... oder barock... oder Bosch... Teufel!) -, diese Erzählmachinationen bilden den Rahmen, den die Regie des zuvor als Ausstatter tätigen Robert Eggers mit Dunkelheit (und Kerzenschein) füllt. Was sich in "The Witch" abzeichnet, bleibt oft und lange nur Andeutung, ein Hauch von Hexenhaus und von Black Sabbath (der Tätigkeit, nicht der Band).

Gediegen ist die Soundscape (mit melodischem Altenglisch voller thy und thou, mit Vaters Dubstep-tauglicher Bassstimme und manch tonloser Szene, in der Stil- und Motivverwandtschaften zu Kubricks "The Shining") ebenso wie das Ensemblespiel; alle engagieren sich mit Erfolg, Anya Taylor-Joy als ältere Tochter sticht hervor. Wer spoilt, wird auch heute noch am Scheiterhaufen verbrannt. Alles in allem ergibt dies eine in Kolorit, Setting, Personal und Zeigefreudigkeit reduzierte Anordnung, die mit Geschick an unseren Kinositzen oder Videocouchen zu rütteln versteht: Streicher kreischen, Chöre schwellen an, und abrupte Schnitte kippen uns in - ganz normale Anblicke. Und die tragen ihre Unheimlichkeit und ihre virtuose Gestaltung gleichermaßen zur Schau.

Benotung des Films: (7/10)

Drehli Robnik

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in der: www.filmgazette.de

Zu diesem Film gibtís im archiv der filmzentrale mehrere Texte

 

  

The Witch
OT: The VVitch: A New England Folktale - Brasilien, Kanada, USA, Großbritannien 2015 - 92 min. - Regie: Robert Eggers - Drehbuch: Robert Eggers - Produktion: Daniel Beckerman, Lars Knudsen, Jodi Redmond, Rodrigo Teixeira, Jay Van Hoy - Kamera: Jarin Blaschke - Schnitt: Louise Ford - Musik: Mark Korven - Verleih: Universal Pictures Germany - Besetzung: Anya Taylor-Joy, Ralph Ineson, Kate Dickie, Harvey Scrimshaw, Ellie Grainger, Lucas Dawson, Julian Richings, Batsheba Garnett, Sarah Stephens, u. a. - Kinostart (D): 19.05.2016

 

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