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Wir kaufen einen Zoo

 

 

 

Welles, Bogdanovich, Crowe

Um es vorab zu sagen: "Wir kaufen einen Zoo" ist ein einfacher Familienfilm, und als solcher durchaus anschaubar. Wer aber dieses Werk wirklich verstehen will, muß bis in die 1970er Jahre zurückgehen, zu einem Filmemacher namens Peter Bogdanovich. Als damals das New Hollywood aufkam, waren es nicht (wie in der Nouvelle Vague) die Filmkritiker und -historiker, die das Kino revolutionierten, sondern eine Horde kreativer Hippies. Und mittendrin stand Bogdanovich, ein Kurator und Nerd: Während die anderen eine neue Ära verkündeten, schrieb er Bücher über John Ford und Fritz Lang; während die anderen Drogenpartys feierten, ließ er den verarmten Orson Welles bei sich wohnen oder belästigte Howards Hawks nächtelang mit Filmfragen. Bogdanovich wollte kein »neues« Hollywood, er wollte mit Slapstick, Screwball und Western das alte Hollywood wiedererwecken. (Dass seine Regiekarriere nach dem brillanten Frühwerk "The Last Picture Show" dann ähnlich grandios scheiterte wie die seines Vorbilds Orson Welles, entbehrt nicht einer gewissen filmhistorischen Ironie.)

Was hat das nun alles mit dem neuen Film von Cameron Crowe zu tun? Im neuen Jahrtausend konnte man eine ähnliche Ära der Bilderstürmer erleben. Und in der Mitte zwischen radikalen neuen Ästheten und radikalen neuen Dramaturgien stand Crowe, der Kurator, Nerd und Filmhistoriker, der Bücher herausgab und Billy Wilder nächtelang mit Filmfragen belästigte. Zwar stand er nicht ganz alleine da, doch die schmale Generation der Neo-Klassiker stirbt um ihn herum gerade aus: Soderbergh (Nachfolger Capras und Lesters) gibt das Filmemachen zugunsten der Malerei auf; Mendes (Nachfolger Sirks) zieht sich mehr und mehr ins Theater zurück; und De Palma (Nachfolger Hitchcocks) dreht nur noch alle Jubeljahre mal. Und Cameron Crowe, der Nachfolger Billy Wilders, mit seiner Sympathie für den idealistischen kleinen Mann?

Nun, genau wie Bogdanovich drehte Crowe kleine Filme, die erst im Nachhinein den Kultstatus erhielten, den sie verdienten. Dann drehte er "Elizabethtown", der kein schlechter Film war, er hatte skurrile Momente und Figuren genug für drei Filme. Leider hatte er auch Wendungen und Längen genug für drei Filme, und das löste eine Flut von Häme aus, von der Crowe sich lange nicht erholen sollte. Sechs Jahre brauchte er bis zu seinem nächsten Spielfilm. Nur so ist zu erklären, warum "Wir kaufen einen Zoo" so unsicher wirkt, wie eine Bitte um Vergebung. Es ist das Werk eines Künstlers, der sich selbst nicht mehr vertraut.

Das beginnt damit, daß Crowe erstmals nach einer fremden Vorlage arbeitet und nicht mehr, wie sonst üblich, erst einen Soundtrack zusammenstellt und dann den Film außenrum dreht. Alle Hollywood-Stereotype, die er sonst so unterhaltsam brach, sind hier intakt. Es hätte eine kleine Geschichte mit skurrilen Figuren werden können, herausgekommen ist stattdessen eine Allegorie, die das Herz am rechten Fleck trägt, die für Crowes Hardcore-Fans aber leicht steril schmecken wird.

Natürlich gibt es noch immer diese magischen Augenblicke des Alltags, die keiner so inszenieren kann wie er: Der Moment, wenn ein Vater seine Tochter selig lächeln sieht; der ungelenke erste Kuss durch ein halboffenes Fenster hindurch Crowe bleibt einer der effektivsten Emotionsregisseure unserer Zeit. Aber häufig wirken selbst solche Augenblicke seltsam überinszeniert, als glaube Crowe, alle emotionalen Kanonen abfeuern zu müssen, um sein Publikum zu erreichen und um bloß nicht so zu enden wie Welles und Bogdanovich. Nur am Ende gönnt er sich und seinen verbliebenen Verehrern eine genuine Überraschung, wenn er den Film nicht mit einem optimistischen Bild der Zukunft beendet, sondern mit einer Rückschau auf das verlorene Paradies. In einem angestrengten, leicht artifiziellen Film, bei dem man sich ständig fragt, wie viel wirklich von Herzen kommt, wirkt diese Sentimentalität nicht nur originell, sondern auch zutiefst wahrhaftig.

Daniel Bickermann

Dieser Text ist zuerst erschienen in: der schnitt

Wir kaufen einen Zoo
We Bought a Zoo. USA 2011. R,B: Cameron Crowe. B: Aline Brosh McKenna. K: Rodrigo Prieto. S: Mark Livolsi. M: Jon Thor Birgisson. P: LBI Entertainment, Vinyl Films. D: Matt Damon, Scarlett Johansson, Thomas Haden Church, Patrick Fugit, Elle Fanning, John Michael Higgins, Colin Ford, Maggie Elizabeth Jones u.a.
124 Min. Fox ab 3.5.12

 

 

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