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Winter's Bone

 

Truest Grit

Wie vom Blues durchdrungen wirkt dieser leise Film, der von Entbehrung und Kriminalität erzählt und die Zuschauer mit nur einem winzigen Hoffnungsschimmer entlässt. Die in den hintersten Winkeln der Gesellschaft Vergessenen mühen sich mit ihrem Leben ab, und doch sieht man keine hängenden Schultern, sondern stolze Menschen, die gleichwohl kurz davor stehen, auch das Wenige, das ihnen geblieben ist, zu verlieren.

Die siebzehnjährige Ree lebt mit ihren beiden kleinen Geschwistern und ihrer kranken, geistig abwesenden Mutter in einem Holzhaus auf einem kleinen Waldgrundstück im Süden Missouris. Der Vater, Jessup, ist seit zwei Wochen verschwunden, vermutlich um einem Gerichtstermin zu entgehen. Ihm drohen zehn Jahre Haft, weil er in Drogengeschäfte verwickelt war, wie viele Leute in der Gegend, die sich mit der Produktion und dem Vertrieb von Crystal Meth Geld dazu verdienen. Leider hat Jessup Haus und Grundstück der Familie als Sicherheit für sein Erscheinen vor Gericht verpfändet. Ree steht deshalb vor dem Nichts: Schon in wenigen Tagen soll sie mit der Familie einfach auf die Straße gesetzt werden, und kein Gesetzbuch steht ihr bei. Ein unbeschwertes, jugendliches Leben gibt es für sie ohnehin nicht: Sie hat die Mutterrolle übernommen, muss irgendwie ihre Geschwister durchbringen und ist oft genug auf die Hilfe der Nachbarn angewiesen, die ihr Essen vorbeibringen und ihr schließlich sogar anbieten, eines der Kinder bei sich aufzunehmen. Doch diesen Zerfall der Familie will Ree nicht zulassen. Ihre einzige Chance ist es, den Vater schnellstmöglich wieder zu finden und dazu zu bewegen, sich zu stellen.

Die Suche nach ihm stößt jedoch auf Widerstand und wird durch Mauern des Schweigens, durch Lügen und Ausflüchte blockiert. Obwohl Ree mit vielen ihrer Ansprechpartner über mehrere Ecken verwandt ist, begibt sie sich in große Gefahr, erhebt sie doch ihre Stimme in einem autoritären und von brutalen Männern dominierten System. Frauen, die Fragen stellen, sind da eigentlich nicht vorgesehen. „Hast du keinen Mann, der das für dich machen kann?“ heißt es einmal. So hangelt sich Ree mit nur wenig Erfolg von einer vagen Hoffnung zur nächsten, doch der Verdacht liegt schnell nah, dass sie ihren Vater nicht mehr lebend sehen wird. Verweise auf das Backwood-Horror-Subgenre, die in manchen Besprechungen von „Winter's Bone“ zu finden sind, führen trotz des Redneck-Milieus und einiger motivischer Überschneidungen auf eine falsche Fährte, denn die Bedrohungen, denen Ree sich ausgesetzt sieht, folgen einer kriminellen Logik. Das irrationale Element des Horrors fehlt hier völlig.

Regisseurin Debra Granik legt großen Wert auf „Naturalismus“ bei der Darstellung der Lebensumstände ihrer Figuren und öffnet damit Debatten über die vermeintliche „Ausstellung von Elend“ weit die Tür. Doch auch wenn sie an Originalschauplätzen, in authentischen Häusern dreht und ihren Protagonisten sogar die Kleidung von Einheimischen anzieht, täuscht dies nicht darüber hinweg, dass sie ein Genrestück erzählt: Daniel Woodrell, der Autor der (von Granik und Produzentin Anne Rosellini adaptierten) Romanvorlage, bezeichnet seinen Stoff als „Country Noir“, und diese Zuschreibung trifft den Nagel auf den Kopf. Trotz des ungewöhnlichen Settings nämlich ist die mäandernde, ganz und gar nicht geradlinig verlaufende Suche nach einem womöglich Toten durch und durch noir. Naturalismus bleibt dabei auf der Strecke, ob intendiert oder nicht, weil ein noch so „authentisch“ präsentiertes Setting bei aller akribischen Detailtreue letztlich der Zeichenhaftigkeit dieser dramatischen Struktur weichen muss. Der klare Genrebezug gerät dem Film aber zum Vorteil. Noch Debra Graniks viel gelobtes Debüt, das Junkie-Drama „Down to the Bone“ aus dem Jahr 2004, wirkte trotz seines vorgeblichen Realismus konstruiert und klischeebeladen, weil die zurückgenommene Inszenierung einige schwach motivierte Willkürlichkeiten des Drehbuchs nicht verbergen konnte. „Winter's Bone“ dagegen überzeugt bei seiner Gratwanderung zwischen Konvention und Innovation.

Wie oft im Film Noir ist der kriminalistische Aspekt von Rees Suche nach ihrem Vater letztlich von untergeordneter Bedeutung. Es ist nicht etwa eine detektivische Entdeckung, die Ree näher ans Ziel bringt, sondern die Hartnäckigkeit, mit der sie trotz aller Widerstände weitermacht. Gerade durch ihre Beharrlichkeit beeindruckt Ree ihre Gegner und weckt zum Schluss doch noch so etwas wie Hilfsbereitschaft bzw. Solidarität. Als Neo-Noir mit einer starken Frauenfigur wirkt „Winter's Bone“ manchmal wie ein verschollenes Frühwerk der Coens. Eine Stärke Graniks aber – und das unterscheidet sie natürlich von den frühen Coens – ist ihre zurückhaltende, unaufdringlich wirkende Inszenierweise, die den (zu Recht oft gelobten) Schauspielern Raum lässt, sich zu entfalten. Filmische Mittel werden punktgenau einsetzt, etwa lehrbuchmäßige, nicht explizite Großaufnahmen während eines überraschenden Gewaltausbruchs. Nachhaltig beeindruckend ist das gebrochene Ende des Films, wenn eine Figur aus dem Bildrahmen verschwindet und plötzlich klar wird, dass sie nun wohl in den Tod geht und dies der letzte Blick auf sie war. In diesen stillen, unscheinbar wirkenden Momenten entfaltet „Winter's Bone“ seine große Kraft.

Louis Vazquez

Dieser Text ist zuerst erschienen in der: www.filmgazette.de

Zu diesem Film gibt’s im archiv der filmzentrale mehrere Texte

 

 

Winter's Bone
OT: Winter's Bone
USA 2010 - 100 min.
Regie: Debra Granik - Drehbuch: Anne Rosellini, Debra Granik - Produktion: Alix Madigan, Anne Rosellini - Kamera: Michael McDonough - Schnitt: Affonso Gonçalves - Musik: Dickon Hinchliffe - Verleih: Ascot Elite - FSK: ab 12 Jahre - Besetzung: Jennifer Lawrence, John Hawkes, Kevin Breznahan, Dale Dickey, Garret Dillahunt, Sheryl Lee, Lauren Sweetser, Tate Taylor, Isaiah Stone, Ashlee Thompson, William White
Kinostart (D): 31.03.2011

 

 

 

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