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Winter's Bone

 

In einen Hinterwald im tiefsten Missouri begibt sich Debra Graniks vielfach ausgezeichneter Country-Noir-Independent-Film "Winter's Bone".

 

Im Urban Dictionary ist gewohnt pointiert dies zu erfahren über "Crank", die Droge, die in Debra Graniks mehrfach oscarnominiertem Film "Winterís Bone" zu der Zerstörung einer Gemeinschaft das ihrige beiträgt:

crank, n.: "A cheap form of meth made in trailer kitchens. often causes gritting of teeth, assholeyness, destruction, inability to pay bills, romantic relationships with ones aids infected cousin, and finally complete retardation."

Meth, also Metamphetamin, eine Aufputschdroge, die die Nervenenden kappt, den Menschen zum gereizten Tier macht, die im Dictionary-Eintrag sarkastisch auf den Punkt gebrachten Nebenwirkungen hat und die den User auf Dauer - sie ist kurz, diese Dauer - unter wahnsinnigen Schmerzen in die Debilität treibt. "Crystal Meth" ist die Droge, die in der Kult-Fernsehserie "Breaking Bad" der krebskranke Chemielehrer Walter H. White in immer größeren Dimensionen und in höchster Qualität produziert (ganz sicher kein "crank"), während bei Amateuren, die sich an der Herstellung versuchen, regelmäßig der ganze Drogenküchen-Schuppen in die Luft fliegt.

Wenn das Wort Teufelszeug für etwas seine Berechtigung hat, dann für Crank. Armut und Verzweiflung müssen schon groß sein, damit einer sich für das bisschen aufgekratzten Genuss das Hirn wegbläst. Darum ist Meth wie jede andere Droge, aber noch prononcierter, immer auch ein Symptom: für den Zustand einer Gesellschaft und ihrer deprivilegiertesten Schichten. In diesen spielt "Winter's Bone". Im amerikanischen Hinterwald, dem Ozark-Gebirgsplateau im tief in Flyoverland gelegenen Staate Missouri. Die Regisseurin mit ihrer lupenreinen Ostküstenbiografie ist hier nicht zuhause, hat sich unter die dort Lebenden für den Dreh eher wie eine Ethnologin unter Fremde begeben, die in Nebenrollen nun im Film mitspielen.

Wer hier zuhause ist, ist der Autor der Vorlage, Daniel Woodrell. Er hat sich im Lauf inzwischen schon einiger Romane beinahe etwas wie ein eigenes Genre erfunden, das er selbst als "country noir" bezeichnet. Das darf man nicht übersehen: "Winter's Bone" ist nicht nur dieser Herkunft nach ein Genrefilm. Wenn einem viele der schattigen bis finsteren Figuren vertraut sind, dann mindestens ebenso sehr aus der Noir-Kriminalliteratur und den angeschlossenen Kino-Subgenres wie aus der Wirklichkeit. Anders gesagt: So sehr einem dieser Film auf den ersten Blick als quasi-ethnologische Studie entgegenzukommen scheint, so sehr ist er doch geformt von einer in einschlägigen Fiktionen vorfigurierten sehr ausgenüchterten Perspektive auf den Menschen, die in ihm in erster Linie einen Abgrund sieht und ein immer schon nahe am Dunkeln (auch in ihm selbst) siedelndes Wesen.

In diese hinterwäldlerische Finsterwelt setzt "Winter's Bone" eine junge blonde Frau als unter diesen Umständen geradezu strahlende Heldin: Ree (Jennifer Lawrence). Sie fällt heraus aus ihrer Umgebung, sie kämpft um ihr und ihrer jüngeren Geschwister Überleben, aber auch um der zerfallenen Familie Restwürde. Der Vater, ein Meth-Koch, ist weg, nicht ohne zuvor noch das Haus als Kaution verpfändet zu haben. Ree, die vom Crank-Konsum geistig umnachtete Mutter, die halbwüchsigen Geschwister, drohen so das Dach über dem Kopf zu verlieren. Mit dem Mut der Verzweiflung macht sich Ree nun auf, das bisschen Familie und Existenz, das sie haben, zu retten. Sie lehrt Bruder und Schwester das Schießen, sie zeigt, wie man Eichhörnchen häutet und die Eingeweide aus ihnen pult. Und sie beharrt auf einem letzten Axiom moralischer Würde: "Bittet niemals um etwas, das euch eigentlich freiwillig angeboten werden müsste."

Als beinahe rechtlos zeichnet der Film die White-Trash-Ozark-Gemeinschaft. Kaum einmal wagt sich die Polizei - "the law", heißt es dann einfach - in diese Randzone vor, in der andere Regeln als die des Rechtsstaats gelten. Hier nehmen Männer das Gesetz in die eigene Hand und vertragen es außerordentlich schlecht, wenn Frauen sich in ihre Angelegenheiten zu mischen beginnen. Genau dies tut jedoch Ree. Sie sucht den Vater, tot oder lebendig, um ihn vor "the law" schleppen zu können, auf dass die Hypothek auf das Haus nicht fällig werde. Eine sehr einfache, klare Geschichte, zugeschnitten ganz auf die Heldin, ihre Selbstbefreiung, ihren rite de passage. Reich wird sie durch geduldige, zwischen Empathie und Distanz die Mitte haltende genaue Beobachtung der Inneneinrichtung dieser Welt. Das Soziale ist dabei als Mikrokosmos von innen mit dem individuellen Befreiungsnarrativ vermittelt, kaum jedoch mit dem größeren Äußeren eines Gesellschaftszustands, der eine - archaisch nur scheinende, in Wahrheit aus angebbaren Gründen sehr zeitgenössische - Welt wie diese hervorgebracht hat.

Außerordentlich trittsicher bewegt sich Granik übers Wurzelwerk der Hinterwäldler-Klischees und malt ohne denunziatorische Gesten ein Southern-Gothic-Amerika für ein Publikum aus, das daran ein im besten Fall ethnografisches Interesse hat. Im schlechteren Fall lässt sich das alles wohl auch als hervorragend gemachte Manufactum-Version einer düsteren Gegenwelt zum Amerikanisch-Urbanen mit leisem Grusel goutieren. Das Gute, was man über "Winter's Bone" sagen kann, ist, dass der Film einem solchen Genuss, weil er klug und filigran gemacht ist und selten ins bloße Klischee überzieht, keinen Vorschub leistet. Man kann aber ebenso konstatieren, dass das Beharren auf dem Geschlossenen dieser Welt für ein Projekt, das so stark von außen her kommt, keineswegs unproblematisch ist.

Ekkehard Knörer

Dieser Text ist zuerst erschienen in der: www.perlentaucher.de

Zu diesem Film gibtís im archiv der filmzentrale mehrere Texte

 

 

Winter's Bone
OT: Winter's Bone
USA 2010 - 100 min.
Regie: Debra Granik - Drehbuch: Anne Rosellini, Debra Granik - Produktion: Alix Madigan, Anne Rosellini - Kamera: Michael McDonough - Schnitt: Affonso Gonçalves - Musik: Dickon Hinchliffe - Verleih: Ascot Elite - FSK: ab 12 Jahre - Besetzung: Jennifer Lawrence, John Hawkes, Kevin Breznahan, Dale Dickey, Garret Dillahunt, Sheryl Lee, Lauren Sweetser, Tate Taylor, Isaiah Stone, Ashlee Thompson, William White
Kinostart (D): 31.03.2011

 

 

 

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