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Winter's Bone

 

Armut wird im amerikanischen Kino immer noch als vornehmlich urbanes Phänomen behandelt. Und damit als Integrationsproblem, an dem sich der langsame Zerfall der amerikanischen Großstädte abzeichnet. Nur wenige Filme haben in den letzten Jahren ein differenzierteres Bild gezeigt – ein Bild von jenem anderen Amerika, das immer dann bemüht wird, wenn die Medien mal wieder nach einer Erklärung für die gravierende Diskrepanz im Wählerverhalten zwischen den Küstenstädten und dem sogenannten »Heartland« suchen. David Gordon Greens “George Washington” war vor einigen Jahren so eine Ausnahme. Oder kürzlich Kelly Reichardts “Wendy and Lucy”. Die Demoskopie des Hollywood-Kinos erfasst die Lebensumstände der Mehrheit aller Amerikaner höchstens marginal. Wenn dann mal ein Film wie Debra Graniks „Winter’s Bone“ in die Kinos kommt, versteht man plötzlich wieder ein bisschen besser, warum es in diesem Land Menschen gibt, die sich nicht für Barack Obamas Gesundheitsreform oder das Haushaltsdefizit interessieren. Weil ihr Leben mit dem, was in den Nachrichten behandelt wird, nur sehr wenig zu tun hat.

„Winter’s Bone“ erzählt so eine Geschichte vom Rande der Gesellschaft. Das  Mädchen Ree sucht ihren Vater. Nicht weil er ihr fehlt oder sie sich um ihn sorgt. Ree hat ihren Vater nicht nötig. Das junge Mädchen kümmert sich allein um ihre kranke Mutter und ihre zwei jüngeren Geschwister. Der Vater ist ein Drogendealer, wie fast alle Charaktere in „Winter’s Bone“, und er hat sich ganz offensichtlich mit den falschen Leuten anglegt. Und auch die Polizei fahndet nach ihm. Er hat seine Bewährungsauflagen verletzt und als Kaution das Haus seiner Familie aufgegeben. Nun ist er verschwunden und Ree muss ihren Vater finden, bevor die Behörden ihrer Familie das Haus wegnehmen. Das Mädchen begibt sich mit dem Mut der Verzweiflung auf die Suche, bittet Nachbarn um Hilfe, insistiert, kämpft. Jennifer Lawrence legt in der Rolle Rees eine beeindruckende Performance hin: trotzig, manchmal zornig. Der Mann ihrer Cousine will ihr seinen Wagen nicht leihen. Der Bruder ihres Vaters, Teardrop, droht ihr Prügel an, sollte sie mit der Fragerei nicht aufhören. Und der lokale Patriarch Thump Milton, der sich mit seiner Sippschaft in den entlegenen Wäldern verschanzt hat, reagiert auf ihre Hilfegesuche mit Schweigen.

„Winter’s Bone“ zeigt eine nicht nur für die Verhältnisse des amerikanischen Kinos fremdartige Welt. Die Bilder sind grau, als wäre jedes Leben aus den Wäldern getilgt. Schwer zu sagen, zu welcher Jahreszeit Graniks Film überhaupt spielt. Die Menschen leben verstreut in den Bergen; man kennt sich, geht sich aber aus dem Weg. Autowracks und rostige Ölfässer stehen an den Wegrändern herum, die Häuser verfallen. Jede Einstellung erzählt ihre eigene Geschichte über Armut in Amerika. Granik schildert diese Community an einem vermeintlichen Außenposten der westlichen Zivilisation mit einer unerschütterlichen Selbstverständlichkeit. Ree bringt ihren Geschwistern den Umgang mit Schusswaffen bei; zum Überleben, wie sie ihrer Cousine erklärt. Ihrem Bruder Sonny erklärt sie, dass es da draußen eine Menge Dinge gibt, vor denen er seine Angst ablegen muss. Oder der Bewährungshelfer, der scheinbar schon mit jedem Mitglied aus Rees Familie zu tun hatte. Drogen gehören zum Alltag der Menschen; auch Ree werden immer wieder ein Zug oder eine Line angeboten. Ihre Verweigerung macht sie auch in dieser Hinsicht zur Außenseiterin in einer von Amerika vergessenen Klasse. Umso erschütternder schließlich die Erkenntnis, dass „Winter’s Bone“ eben nicht am Rande der Zivilisation spielt. Sondern im geografischen Zentrum einer der reichsten Industrienationen der Welt.

Jeder ist in „Winter’s Bone“ in irgendeiner Form mit dem anderen verwandt, auch wenn die familiären Bande nur so weit reichen, wie sie einem nützlich sind. Doch es ist eine verschworene Gemeinschaft. Hier redet niemand, weder mit dem örtlichen Sheriff noch miteinander. Es muss auch gar nichts ausgesprochen werden - auch nicht, dass Rees verschwundener Vater heimlich die Billigdroge Crystal Meth produzierte. „Jeder weiß das,“ erklärt ihr ein anderes Mädchen, „das musst du nicht extra erwähnen.“ Denn auch, was nicht unmittelbar gesagt wird, ist unmissverständlich. „Ich habe dich einmal mit Worten gewarnt, die Klappe zu halten,“ fährt Teardrop seine Frau an, als die ihn überreden will, dem Mädchen zu helfen. Die Botschaft kommt an. „Winter’s Bone“ ist in dieser Hinsicht eindeutig, ohne große Worte.

Granik geht fast anthropologisch vor. Ihren Respekt vor den Lebensverhältnissen in den Ozark-Mountains (der Film wurde vor Ort gedreht) zollt sie durch sorgfältige Beobachtungen. Einmal platzt Ree auf der Suche nach dem Vater in eine Geburtstagsfeier. Die Familie ist im Wohnzimmer versammelt, gemeinsam spielt man ein regionales Folk-Traditional. Der Film ruht für einen Moment auf dem klaren Gesang der alten Frau, der so gar nicht zu der verlebten Geburtstagsrunde passen will. Im Vorbeigehen streift die Kamera dann das Foto eines jungen Mannes in Militäruniform. Solche Details tauchen in „Winter’s Bone“ vereinzelt auf. Granik wählt sie sehr bedacht, weil sie auf eine soziale Realität außerhalb verweisen, die das Leben der Menschen noch berührt. Auch Ree will in der Armee anwerben, weil sie darin die einzige Chance sieht, ihre Familie zu ernähren. Militärdienst oder Drogenkochen, das sind mehr oder weniger die Optionen, die den Menschen in „Winter’s Bone“ bleiben.

Garnik reduziert diesen eingeschränkten Handlungsspielraum allerdings nicht auf eine moralische oder sozialkritische Position. Gerade ihre weiblichen Figuren beeindrucken durch einen knallharten Pragmatismus. Die Männer mögen die Geschäfte führen, aber es sind die Frauen, die im Hintergrund die Geschicke leiten. Mit der häuslichen Gewalt haben sie sich notgedrungen abgefunden, gefallen lassen sie sich dennoch nichts. Das soziale Gefüge des Films wird zusammengehalten von solch stillen Übereinkünften.

Ree ist eine jüngere Wiedergängerin dieser unverwüstlichen Bergmütter. Über das Schicksal ihres Vaters macht sie sich keine Illusionen, ihr geht es nur um das Wohlergehen ihrer Familie. Doch so brutal, wie Granik das Leben der Menschen in „Winter’s Bone“ auch schildert, so konsequent zieht sich auch das Motiv der Familie als verbindliche und verbindende Instanz durch den Film. „Du bist der letzte Mensch, der noch so etwas wie Familie für mich darstellt,“ gesteht Rees Onkel ihr, als er das Mädchen vor den Männern Thump Miltons beschützt. Familie, das ist Bürde und Rückhalt zugleich. „Ich wäre verloren ohne das Gewicht von euch beiden auf meinen Schultern,“ erklärt Ree einmal ihren Geschwistern.

Andreas Busche

Dieser Text ist zuerst erschienen in der: www.fluter.de

Zu diesem Film gibt’s im archiv der filmzentrale mehrere Texte

 

 

Winter's Bone
OT: Winter's Bone
USA 2010 - 100 min.
Regie: Debra Granik - Drehbuch: Anne Rosellini, Debra Granik - Produktion: Alix Madigan, Anne Rosellini - Kamera: Michael McDonough - Schnitt: Affonso Gonçalves - Musik: Dickon Hinchliffe - Verleih: Ascot Elite - FSK: ab 12 Jahre - Besetzung: Jennifer Lawrence, John Hawkes, Kevin Breznahan, Dale Dickey, Garret Dillahunt, Sheryl Lee, Lauren Sweetser, Tate Taylor, Isaiah Stone, Ashlee Thompson, William White
Kinostart (D): 31.03.2011

 

 

 

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