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Willkommen in Cedar Rapids

Cedar Rapids ist die zweitgrößte Stadt Iowas und die Heimat des Malers Grant Wood, eine Metropole aber höchstens für jemanden wie Tim Lippe. Tim ist Versicherungsvertreter im Provinznest Brown Valley, Wisconsin. Eine Affäre mit seiner ehemaligen Mittelschullehrerin ist für ihn gleich ein "pre-engagement", die Reise nach Iowa, auf der er seine Firma bei einer Versicherungskonferenz vertreten soll, ein echtes Abenteuer. Die Blondine, die ihn vor dem Hotel anspricht, wimmelt er ab: Nein, er habe jetzt kein Interesse an einer Party, aber danke für das Angebot.

Ed Helms ist toll als Tim Lippe, weil er seine Figur, so leicht es ihm auch fallen würde, nie ganz denunziert, sondern diesem Muttersöhnchen, das mit seiner Ersatzmutter schläft, stets noch gerade so einen Rest von Würde lässt (zuletzt in "The Hangover 2" sah das ganz anders aus). Helms ist einer dieser kruden, schiefen Starkörper, die in der amerikanischen Filmkomödie in den letzten Jahren immer häufiger auftauchen. Einen anderen bekommt er auf der Konferenz zum Zimmergenossen: Der bullige John C. Reilly war einst Charakterdarsteller, inzwischen hat er sich fast komplett aufs komische Fach verlegt. Wie immer mit vollem Körpereinsatz spielt er Dean Ziegler, den bad guy der Versicherungsbranche, vor dem Tim schon in Brown Valley gewarnt worden war. Es dauert doch eine ganze Weile, bis das Herz aus Gold, das in Ziegler natürlich schlummert, durch das rüde Ankumpeln und den Dauersexismus hindurch zum Vorschein kommt.

Und woher kennt man den dritten Zimmergenossen, den etwas gehemmt wirkenden Afroamerikaner? Richtig: "Ich bin ein großer Fan der HBO-Serie 'The Wire'." In dieser schönsten aller amerikanischen Fernsehproduktionen der letzten Jahre gab Isiah Whitlock den Senator Clay Davis, der Korruption zu einer Kunstform erhoben hatte; auch als nur scheinbar biederer Ronald Wilkes bekommt Whitlock schließlich die Möglichkeit, sein unvergleichlich swingendes Timbre nutzbringend einzusetzen. Außerdem gibt es noch: einen unappetitlichen Komplex aus Verdauungsproblemen und Liebeskummer, Sex im Indoor-Pool ("What happens in Cedar Rapid stays in Cedar Rapid") und einen Korruptionsskandal, der in seiner Banalität perfekt zum sich ein klein wenig verrucht gebenden Spießbürger-Flair der gesamten Veranstaltung passt.

Manchmal wirkt der Film etwas sehr zahm; sowohl, wenn man sich beispielsweise die Filme Reillys mit Will Ferrell in Erinnerung ruft, in denen Genrekonventionen in fast schon avantgardistischer Manier verflüssigt werden; als auch, wenn man das Milieu für einen Moment ernst nimmt und in "Willkommen in Cedar Rapids" ein Bild der zeitgenössischen amerikanischen Unternehmenskultur sehen möchte; da menschelt es doch gelegentlich etwas zu viel und an den falschen Stellen. Ein sympathischer Film ist "Cedar Rapids" dennoch. Schon, weil Regisseur Miguel Arteta Helms, Reilly und Whitlock nicht allzu eng ins Drehbuchkorsett einschnürt. Ein Film über den Hauch von Freiheit in der Provinz.

Lukas Foerster

Dieser Text ist zuerst erschienen in: www.perlentaucher.de

 

Willkommen in Cedar Rapids
USA 2011 - Originaltitel: Cedar Rapids - Regie: Miguel Arteta - Darsteller: Ed Helms, John C. Reilly, Anne Heche, Isiah Whitlock Jr., Stephen Root, Kurtwood Smith, Alia Shawkat, Thomas Lennon, Rob Corddry, Sigourney Weaver - FSK: ab 12 - Länge: 87 min. - Start: 7.7.2011

 

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