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Wild

 


Eingefangen, ausgewildert

In "epd film" hat Nicolette Krebitz auf die Frage "Wer oder was ist unterschätzt?" keck geantwortet: "Das Fantasygenre als Ort der ernsthaften Auseinandersetzung mit Lebensfragen." Das ist im Land der eifrigen Krimigucker und -leser schon eine steile These, die allerdings komplett überzeugt, wenn man "Wild", Krebitz' neuen, dritten Spielfilm, gesehen hat. Ein Film, der - schöner Zufall! - gleichzeitig mit der dunklen
Neuverfilmung der Geschichte vom Wolfsjungen Mogli in den Kinos startet. Fantasy, klar! Aber auch der zweite Teil von Krebitz' Satz passt: »ernsthafte Auseinandersetzung mit Lebensfragen« in Zeiten, in denen alles nur noch "U" zu sein hat oder zu sein scheint.

Ausgangspunkt von "Wild", der wie ein filmischer Traum erscheint, war ein Traum der Filmemacherin selbst, der um die sich häufenden Nachrichten von der Rückkehr der Wölfe nach Deutschland kreiste. Krebitz nahm das Bild vom unverhofften Wiedersehen gewissermaßen beim Wort und legte los mit ihrer Phantasie: "Werdet wild und tut schöne Dinge!", war einmal ein Slogan in einer Zeit, in der der Strand unter dem Pflaster imaginiert wurde. Ania (seltsame, schöne Schreibweise) lebt in einer hässlichen Hochhaushaussiedlung am Rande einer hässlichen Stadt und arbeitet in einem Büro am Computer, wenn sie dem Chef keinen Kaffee bringt. "Hey Schatz, ich wünsch dir so, dass du deinen Weg raus findest aus diesem Büro!", hat Tilman Rossmy mal gesungen. Und: "Jeden Tag sagst du dir: ich will das nicht mehr, ich gehör' nicht hier her!"

So weit ist Ania zu Beginn des Films noch nicht, dazu braucht es den Blickkontakt mit dem Wolf am Rande eines kleinen Wäldchens, am Rande der Straße, auf dem Nachhauseweg, überraschend. Sensationell, muss gleich erzählt werden. Nur wem? Dem schwer kranken Großvater, der im Krankenhaus liegt und dem das Essen dort auch nicht schmeckt. Ania beginnt ihre Drift gewissermaßen von einem Nicht-Ort, von einer Nicht-Existenz aus. So fremd und absurd dumm hat die zivile Normalität schon lange nicht mehr ausgesehen im Kino. Schon vor der Begegnung mit dem Wolf sieht man der Schauspielerin Lilith Stangenberg staunend bei ihrer Arbeit zu, versucht sich einen Reim zu machen auf diese Mischung aus Apathie und Devianz, aus Schlaffheit und Bockigkeit, aus Kindlichkeit und fast schon autistischer Selbstbestimmtheit.

"Wild" nimmt den Zuschauer mit auf einen Trip: alles scheint möglich. Dass man auf den Balkon tritt und mit den Wölfen heult, dass man dem Chef erst einen Korb gibt und ihm nach dem Sex auf den Tisch scheißt. Dass man sich im Internet informiert, wie man einen Wolf fängt. Ist der Wolf am Stadtrand seinem Habitat so entfremdet wie Ania in ihrem Leben? Sagt man dazu Rollentausch, wenn man sich mit einem Wolf die Wohnung teilt, die dann zur stinkenden Höhle wird? Wenn Ania sich Schutzkleidung anlegt, um sich dem Wolf zu nähern, sieht das Bild dazu aus, wie einer Avantgarde-Tanztheater-Inszenierung entnommen. Oder einem Björk-Video.

Man kommt aus dem Staunen gar nicht mehr raus, was hier alles gewagt wird. Von der Hauptdarstellerin, klar, aber auch von der Regisseurin, vom Kameramann Reinhold Vorschneider, von Georg Friedrich, der seinen Frust über sein Leben immer nur für Sekunden des Kontrollverlusts rauslassen kann. "Ganz die Alte werden", rät er ihr einmal. Aber der Zug, daran lässt Ania keinen Zweifel, ist abgefahren. Sie wolle gar nicht mehr so sein, wie sie einmal gewesen sei, sagt sie. Der Satz könnte aus einem cleveren Vampir- oder Werwolf-Film stammen! Wir, die wir wenig Zeit hatten, zu erkennen, wie sie einmal war, staunen über die Freiheit und Lust an der Auswilderung, die ruhig, bestimmt und konsequent der Logik des Beim-Wort-Nehmens folgt.

Man kann sich jetzt hinsetzen und überlegen, für was diese Geschichte von der Begegnung mit dem wilden Tier und der damit verbundenen Auswilderung Anias wohl stehen mag, für Mut zum Risiko, ein Ja zum feministischen Aufbruch oder ein anderes, nicht zivilisiertes Begehren, aber "Wild" bezieht seine erstaunlich lang anhaltende Wirkmacht zunächst einmal aus dem, was hier - Traum oder nicht - ganz konkret und un-metaphorisch gezeigt wird. Weil es so ganz anders ist als das, was einem sonst so gezeigt und erzählt wird.

Benotung des Films: (9/10)

Ulrich Kriest

Dieser Text ist zuerst erschienen in der www.filmgazette.de

Zu diesem Film gibtís im archiv der filmzentrale mehrere Texte

 

 

 
Wild
Deutschland 2014 - 97 min. - Regie: Nicolette Krebitz - Drehbuch: Nicolette Krebitz - Produktion: Bettina Brokemper - Kamera: Reinhold Vorschneider - Schnitt: Bettina Böhler - Musik: Terranova, James Blake - Verleih: NFP - FSK: ab 16 Jahren - Besetzung: Lilith Stangenberg, Georg Friedrich, Silke Bodenbender, Saskia Rosendahl, Kotti Yun, Laurie Young, Pit Bukowski, Benedikt Lay, Frowin Wolter, Hermann Beyer - Kinostart (D): 14.04.2016

  

 

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