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Whisky mit Wodka

 

 

A Whiter Shade of Pale

 

Andreas Dresen inszeniert mit seiner Schauspieler-Hommage "Whisky mit Wodka" ein zartbitteres Endlichkeitsrondo am Ostseestrand.

 

Der eine trinkt, der andere nicht. Der eine ist ein landesweit bekannter Filmstar, der andere ein weithin unbekannter Mann des Theaters. Weil aber der Star Otto Kullberg (Henry Hübchen) mit seinen Alkoholproblemen die Produktion eines Films gefährdet, wird der andere - Arno Runge (Markus Hering) - engagiert: als das, was im Theater die zweite Besetzung heißt; einer, der einspringt, wenn der eigentliche Darsteller ausfällt. Im Film aber funktioniert das nur als Nägel mit Köpfen: Autorenfilmer Martin Telleck (Sylvester Groth) lässt alle Szenen seines jüngsten Werks "Tango zu dritt" doppelt drehen, einmal mit Star, einmal mit Nobody. Für den Fall eines Falles.

 

In diese Konstellation ist das Drama der Konkurrenz bereits eingebaut: Der andere wäre gerne da, wo der eine schon ist. Der eine reißt sich am Riemen, um es dem anderen zu zeigen und aus Angst vor dem Bedeutungsverlust. In dieser kleinen Konkurrenztragikomödie liegt das Zentrum von Andreas Dresens "Whisky mit Wodka". Darum herum aber versammelt das Drehbuch von Wolfgang Kohlhaase ein Film-im-Film-Ensemble, das mehr oder weniger jedes Klischee, das über SchauspielerInnen im Umlauf ist, ausagiert. Es wird sich geliebt, es wird miteinander gevögelt, es wird der Nächstbeste und der Ruhm begehrt, es gibt Narzissmus und Selbstmitleid, die traurige Einsamkeit und die auch nicht fröhlichere Zwangs-Zweisamkeit in der Wohnwagenwelt.

 

Alle, die es in "Whisky mit Wodka" miteinander treiben, auch das Buch, auch der Film selbst, wissen im Grunde, dass sie nichts anderes als eine Second-Hand-Komödie zur Aufführung bringen. Darum ist genau das recht eigentlich auch der Gegenstand: Wie es sich anfühlt, zweiter zu sein, oder dritter zu sein; oder ausgeschlossen zu werden, wo andere eingeschlossen sind (oder dem neidvergifteten Auge jedenfalls scheinen); was es heißt, über die Jugend hinaus zu sein, die größte Zeit hinter sich zu wissen, desillusioniert nachzuspielen, was einen, als man es erstmals tat, noch erregt hat. Dazu gehört, zuerst eher als zuletzt, auch der Sex.

 

Nicht nur ist das Hotelzimmer, das Kullberg und seine Ex-Geliebte Bettina Moll (Corinna Harfouch) mieten, um dort noch einmal miteinander zu schlafen, schrecklich schäbig. Das kümmerte sie ja nicht, wären sie vor Leidenschaft blind. Die beiden aber erkennen, und nur zu genau, im lieblosen Ramsch-Mobiliar die Möblierung des eigenen Gefühlshaushalts wieder, im erst zu grellen und dann zu fahlen Licht dieser Absteige. Die Szene ist nur zu typisch: Vom Fahlen und Schäbigen angekränkelt ist in "Whisky mit Wodka" alle Welt. Sogar die Blütenträume des randständigen Filmpersonals sind schon halb welk, wenn Andreas Dresen sie in die Szenerie seines mit mildem Spott beobachteten Konkurrenzdramas stellt. (Einer nur wird in dem Film tatsächlich sterben, ein ganz seltsamer Schnabeltassen-Exkurs; bizarre Hommage, todkrank liegt er im Bett, an den großen DDR-Theaterregisseur Fritz Marquardt.)

 

Müde sind sie, aber noch lange nicht tot, enttäuscht, aber noch nicht restlos verbittert, halb abserviert, aber eben noch nicht ganz: seltsam melancholischer Abgehalftertentanz in Binz an der Ostsee. Die halbe Kraft, mit der hier noch auf Punching-Bälle eingeschlagen wird, befällt aber, und das kann keine Absicht sein, auch den Film. Im Drehbuch wird verlässlich immer ein Satz zu viel gesagt, damit alle verstehen, was gemeint ist. Regisseur Dresen, für Experimente sonst offen, sucht hier einen mittleren Grund auch in der Form; aus der Film-im-Film-Konstellation schlägt er keinen einzigen Funken. Auch die sonst so reaktionsschnellen und zu Subtilitäten eher nicht neigenden Darsteller, vor allem Harfouch, Groth und Hübchen, agieren, wie auf eine Melancholie-Droge gesetzt: sie spielen präzis auf den Punkt, aber unscharf am Rand. Sie verzichten dabei nicht einfach auf jede Übersteigerung, vielmehr merkt man ihnen das von Dresen offenkundig ausgesprochene Overacting-Verbot in jedem Moment an. (Wie unendlich furios ist da im Vergleich sogar der aktuelle Almodóvar.)

 

In Machart und Ton, in der Auswahl der Musik und sogar der weißen Vor- und Abspann-Schrifttpye auf schwarzem Grund, ist recht schnell klar: Woody Allen ist hier das Vorbild. Die Komödie als Deckbild für die Tragödie, ein Rondo der Eitelkeiten in gehobenen Schichten, nur halt auf Rügen. Leider aber fehlt es ganz an Allens Bösartigkeit, an seinem Witz, seinem Tempo, seiner Lust am Absurden. Es ist, als würde eine Allen-Geschichte in Zeitlupe gespielt. So kommen die Klischees zwar ganz zu sich selbst, die Tiefe der so hergestellten Einsichten jedoch bleibt reine Behauptung. Was bei Allen schwarz ist - die Komik und die Abgründe, in die sie blickt - ist hier eher a whiter shade of pale. Rügen ist nicht Manhattan. "Whisky mit Wodka": Hellgrau scheint die Sonne am Ostseestrand.

 

Ekkehard Knörer

 

Dieser Text ist zuerst erschienen am 2.9.2009 in: www.perlentaucher.de

 

 

Whisky mit Wodka

Deutschland 2009 - Regie: Andreas Dresen - Darsteller: Henry Hübchen, Corinna Harfouch, Sylvester Groth, Markus Hering, Valery Tscheplanowa, Peter Kurth, Karina Plachetka, Matthias Walter, Kai Börner, Thomas Putensen - FSK: ab 12 - Länge: 104 min. - Start: 3.9.2009

 

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