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Whiplash

 


In "Whiplash" entfaltet Damien Chazelle einen dialektischen Begriff vom Virtuosentum.

Damien Chazelles Debütfilm war "Guy and Madeline on a Park Bench", ein beschwingtes Jazzmusical in Schwarzweiß aus dem Jahr 2009, das damals so einsam wie einzigartig im amerikanischen Independentsegment herumstand. Den darauf folgenden Kurzfilm hat Chazelle nun zu Spielfilmlänge aufgeblasen. Der Titel ist derselbe: "Whiplash", nach einer Jazzkomposition von Hank Levy, der (das habe ich mir rasch bei Wikipedia zusammengeklaubt) berüchtigt war für seine unkonventionellen und schwer zu spielenden Metren.

Der bernsteinfarbene Realismus von "Whiplash" ist auf den ersten Blick sehr weit von der grauskalierten Kinofantasie entfernt, die "Guy and Madeline" war. Ein wenig nach Oscar bait sieht der Film im ersten Akt sogar aus - als kritisches Exposé des quasimilitärischen Drills am fiktionalen Shaffer Conservatory ("the best music school of the country") kann man "Whiplash" indes nur vorübergehend missverstehen. Unter dem New Yorker Lokalkolorit und dem zunächst naturalistischen Spiel der beiden Leads - J.K. Simmons als sadistischer Orchesterleiter Fletcher und Miles Teller als sein getriebener Schüler Adam - versteckt sich wieder ein Musical (ein dunkles und delirantes diesmal anstatt eines hellen und luftigen), das mit allem, was zum Genre dazugehört, zum Ausdruck beziehungsweise zum Ausbruch drängt. 

Der Drummer Adam wird von Fletcher als "squeaker", als neuer Rekrut, in dessen prestigeträchtige Studioband eingeführt. Fletcher bedrängt und demütigt Adam, vorgeblich um ihn zu Höchstleistungen anzustacheln. Ein Anteil unverhohlener Sadismus ist offenkundig auch im Spiel. "Whiplash" führt Fletchers berechnenden Psychoterror so didaktisch vor, dass ihm der Zuschauer, anders als Adam, nie auf den Leim gehen kann. Trotzdem geht ein Sog aus von diesem autoritären Ersatzvater (der echte ist ein gescheiterter Schriftsteller) - von seiner Spiegelglatze, seinem schwarzen T-Shirt und dem daraus hervorragenden Bizeps, der immer dann besonders plastisch hervortritt, wenn die Hand sich als Stopp-Signal zur Faust ballt. 

Das moralische Dilemma, das Chazelle (der auch einmal Ambitionen zum Jazz-Drummer hatte) umtreibt, nimmt in einer Schlüsselszene des Films die Form eines sokratischen Dialogs zwischen Lehrer und Schüler an. Die systematische Quälerei sei der einzige Weg, die potenziellen Charlie Parkers unter den angehenden Jazzmusikern zu aktivieren, verteidigt sich der Lehrer. Aber es müsse doch eine Grenze, "a line" geben, die dabei nicht überschritten werden sollte, gibt sein Schüler zu bedenken. Weil Fletcher in der Zwischenzeit der Selbstmord eines ehemaligen Schülers in die Schuhe geschoben wurde, ist dieser Einwand gegen seine Methoden nicht von der Hand zu weisen. Aber weil "Whiplash" nicht nur eine kritische Milieustudie ist, sondern auch ein verkapptes Musical, kann er keine Grenzlinie ziehen, und sei sie noch so gut gemeint, ohne sie hernach mit Genuss zu überschreiten.

So sehr man des Lehrers kalkulierte Grausamkeit vernunftmäßig durchschaut (der Film lässt einem keine andere Wahl), so wenig kann man sich der ultrapräzisen Taktung entziehen, die der Kontrollfanatiker seinem Schüler vorgibt, nicht erst am Dirigentenpult, sondern vermöge seines ganzen Wesens, seiner durch und durch rhythmischen Präsenz. Auch die Bildmontage ist dem Beat des Vaters untertan, und mit ihr bald sämtliche filmische Parameter, bis schließlich jeder Schritt und jede Geste in den übergreifenden Rhythmus eingehen. Der Ausgangsrealismus von "Whiplash" wird nach und nach von der Logik des Musicals unterwandert, jede kritische Einsicht in die Herrschaft des Taktes verkehrt in ihr Gegenteil: die Lust an der Unterwerfung. Der dialektische Begriff, den "Whiplash" sich vom Virtuosentum macht - zwischen totaler Kontrolle und totalem Selbstverlust -, ließ mich so schwindelig zurück, dass ganz zuletzt nicht mehr entscheidbar war, ob ich eben einem happy ending beigewohnt hatte oder der Besiegelung eines Teufelspakts. Nur eines ist sicher: meine Beine haben - unweigerlich - mitgewippt.

Nikolaus Perneczky

Dieser Text ist zuerst erschienen in: www.perlentaucher.de

 

 

Whiplash

USA 2014 - 107 Min. - Start(D): 19.02.2015 - FSK: ab 12 Jahre - Regie: Damien Chazelle - Drehbuch: Damien Chazelle - Produktion: Jason Blum, Jeanette Brill, Nicholas Britell, Phillip Dawe, Garrick Dion, Helen Estabrook, Mark David Katchur, David Lancaster, Michel Litvak, Jason Reitman, Couper Samuelson, Gary Michael Walters - Kamera: Sharone Meir - Schnitt: Tom Cross - Musik: Justin Hurwitz - Darsteller: Miles Teller, J.K. Simmons, Melissa Benoist, Paul Reiser, Austin Stowell, Jayson Blair, Kavita Patil, Kofi Siriboe, Tian Wang, Jocelyn Ayanna, Rogelio Douglas Jr., Tarik Lowe, Michael D. Cohen, Keenan Henson, Marcus Henderson

 

 

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