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Where's the Beer and When Do We Get Paid

 

 

 


Ein internationaler Heimatfilm über Sex, Drugs, Rock’n Roll und keine Rente

Jimmy Carl Black war der Indianer der Gruppe. Sein Schlagzeugspiel war zweckdienlich, uneitel, und manchmal klang es wirklich nach Kriegstrommeln und zu viel Feuerwasser. Frank Zappa war der Antreiber (und der Ausbeuter) der Mothers of Invention, Jimmy Carl Black war ihr Fundament, der Boden, auf den die Musiker immer zurückkehren konnten, auch wenn sich alles drehte. Er gehörte allerdings nicht zu den Schlagzeugern, auf die alle hören sollen. Er gehörte zu den Schlagzeugern, die auf die anderen Musiker hören. Er hatte, behaupte ich, das Zappaeske in der Musik besser verstanden als Zappa selber. Aber nicht nur das machte Jimmy Carl Black zu einem sehr eigenen Schlagzeuger. Er war einer, der seine Instrumente eher streichelte als schlug.

Die Mothers of Invention waren keine Band. Sie waren eine Gruppe von Musikern, denen Zappa versprochen hatte, „rich and famous“ zu werden. Famous waren manche von den Müttern geworden, mehr oder weniger, oder wenigstens eine Legende; reich keiner. Außer Zappa natürlich.

Jimmy Carl Black hat es nach Bayern verschlagen. Nach Höpfling. Grenzland zu Österreich. Eine tolle Gegend mit einem hübschen Blick auf die Berge. Wenn man tolle Gegenden mit hübschem Blick auf die Berge mag. Die Regisseurinnen mögen sie, offensichtlich. Sie möchten aber auch zeigen, dass Heimat ziemlich öde sein kann. Vielleicht würde Jimmy Carl Black lieber vor dem Haus sitzen und die Zeit vergehen lassen, aber er hat keine Rente. So muss er weiter spielen. Ob sein Herz noch in seinen Schlagzeugschlägen steckt? Wie so vieles wird es in diesem Film über einen grumpy old man nicht klar. Am Anfang verlässt er sein Haus, um mit dem Zug zu seinen Auftritten zu fahren. Warum zur Hölle muss das ausgerechnet von einem Johnny Cash-Song begleitet werden? Der Film „Where’s the Beer and When Do We Get Paid“ nimmt den Musiker Jimmy Carl Black nicht ernst, das ist der erste unverzeihliche Fehler.

Er spielt mit Eugene Chadbourne. Der ebenfalls ein begnadeter uneitler, humorvoller Musiker ist, einer der jetzt Bluegrass-Banjo spielt, und im nächsten Moment einen Free Jazz-Ausfall hinlegt. „Dr. Chad“, weil er auch ein Musik-Nerd ist. Mir persönlich hätte ein Film gefallen, der diese beiden Kerle beim Herumreisen und Musikmachen gezeigt hätte, durchaus unterbrochen von Gesprächen über Sinn und Unsinn, Walter Brennan deutsch zu synchronisieren. Und über Bier und die Schwierigkeit, vernünftig bezahlt zu werden für die Musik.

Aber vielleicht sollte es ja auch gar kein Film über Musik werden, und auch keiner über Jimmy Carl Black. Sondern über das Stranden in Bayern. Heimat. „Ein internationaler Heimatfilm über Sex, Drugs, Rock’n’Roll und keine Rente“, so heißt der Untertitel. Er führt auch nicht weiter. Es hätte auch ein Film über Trachtler-Musiker werden können, von denen einige Frank Zappa kennen und andere nicht. Oder über eine sonderbare Liebesgeschichte. Oder über Leute, denen bei Rock-Musik nur „Junkies“ einfällt.

Jüngere deutsche Filmemacher, derzeit, scheinen von Begriff und Gefühl „Heimat“ fasziniert. Wieder mal. Sie umkreisen sie. Sie schleichen sich an. Oder sie schmeißen sich ran. Ihre Geschichten zerbrechen daran. Manchmal ist es interessant, den Geschichten beim Zerbrechen zuzusehen. Manchmal auch nicht so sehr.

Jimmy Carl Black mag Deutschland nicht besonders, und Bayern schon gar nicht.  Ist einfach nicht sein Land. Auch wenn es schön ist. Fühlt sich wie in einem späten John Ford-Western. Fremd. Die einzigen deutschen Worte, die wir von ihm hören, ist „doitsch“, Lederhose, tot und Krebs. Aber auch seine Reise in die USA bringt ihn nirgendwo anders hin als ins Fremde. Da haben sich nicht nur die Preise für Drumsticks verändert.

Jimmy Carl Black quält sich, das ist mehr als offensichtlich. Eigentlich weiß man von Anfang an, dass er nicht mehr lange zu leben hat. Das macht den Blick sehr unangenehm. Vor allem, weil die beiden Filmemacherinnen sich nicht entscheiden können, ihren Film Jimmy Carl Black zu schenken. Sie kokettieren eher mit ihrer Lästigkeit. Und doch, als die beiden sich einschwingen, Black und Chadbourne, Banjo und Schlagzeug, da ist ein wunderschönes Lächeln auf dem Gesicht von Jimmy Carl Black. Musiker drücken sich am besten durch Musik aus, was ist daran so schwer zu verstehen?

Seltsame Dinge müssen in diesem Film geschehen. Irgendwelche Wanderer werden nach ihren musikalischen Vorlieben gefragt, oder ob sie Frank Zappa kennen. Andere Musiker, die schon Schwierigkeiten haben, sich zu erinnern, wie Don Preston und Bunk Gardner, müssen Vergangenheit darstellen, die Mitglieder einer bayerischen Rentnerband, die zu Nebelwerfern „Apache“ spielt (das wäre doch eine ganz andere Geschichte) halten nichts von Zappas Vulgarität, der Bahnhof von Höpfing, der wirklich ein wenig aussieht wie in einem melancholischen Western, Signifikanten der Fremdheit, die zu Signifikaten umgedeutet sind.

Vielleicht ist dies gar kein so schlechter Film über Heimat und wie sie verfehlt wird. Ein guter Film für Jimmy Carl Black ist es nicht.

Georg Seeßlen

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in: www.getidan.de

Zu diesem Film gibt’s im archiv der filmzentrale mehrere Texte

 


Where's the Beer and When Do We Get Paid

Deutschland 2012. R, B, K, Sch: Sigrun Köhler, Wiltrud Baier. P: Selina Titz, Martin Kuhnert. Pg: Böller & Brot/Indi Film. V: Böller & Brot. L: 86 Min. Da: Jimmy Carl Black, Don Preston, Bunk Gardener, Roy Estrada, Eugene Chadbourne, Arthur Brown.

Start(D): 29. 8. 2013  

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