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Whatever Works

 

 

 

In "Whatever Works" laufen Woody Allens Boulevardtheaterfiguren mal wieder am Schnürchen durch einen Pointenparcours in einer Märchenwelt namens Manhattan.

 

In seinem letzten Film, "Vicky Cristina Barcelona", hatte Woody Allen sein mal sanft, mal rüde übers Spielfeld geschubstes Personal durch einen Off-Erzähler gezielt auf Abstand gebracht. Dieser Zug der Distanzierung brachte gerade das Abstrakte und Mechanische an Allens Komödientechnik heraus und ließ den Verdacht, es könne hier von real existierenden Menschen, Orten und Dialogen die Rede sein sollen, gar nicht erst aufkommen. In "Whatever Works" verfährt Allen anders. Der Off-Erzähler des Vorgänger-Films verdoppelte teils, was man sah (und verfremdete es durch diese Irritation auch), erzählte teils nicht im Bild zu sehende Sachen einfach weiter (und übernahm so die "klassische" Erzählerfunktion) - und unterbrach in jedem Fall das unmittelbar zu beobachtende Geschehen. Die Unterbrechungsfunktion gibt es in "Whatever Works" auch, hier übernehmen sie, wie bei Woody Allen gewohnt, kurze Musik-Intermezzi, die man, nun eher vom Dramatischen her, als Vorhang zwischen einzelnen Akten begreifen kann.

 

Einen speziellen Erzähl-Clou gibt es allerdings auch. In der ersten Einstellung des Films sehen wir Boris Yellnikof (Larry David), einen Mann schon nicht mehr ganz mittleren Alters, im Kreis männlicher Freunde auf dem Bürgersteig eines Cafes in Manhattan, mutmaßlich Greenwich Village. Er schwadroniert als exemplarisch Woody Allenscher Misanthrop über die Sinnlosigkeit der Existenz, Tod, explodierendes Universum, irdisches Jammertal etc. pp, das übliche Allerlei also, das leitmotivisch und längst vollkommen stereotyp bei Allen wiederkehrt, ohne über den Status eines von der Adoleszenz ins Greisenalter glatt durchgeschleppten pseudophilosophischen Lamentos je hinausgelangt zu sein. Das wird im Lauf des Films leider alles andere als besser - wobei man zur Entschuldigung vielleicht anmerken kann, dass die erste Fassung des Drehbuchs bereits in den siebziger Jahren entstand. Allens Schubladen sind tief und voll und er lässt nichts, sei es noch so medioker, verkommen.

 

Das Gespräch der Männer nimmt eine unerwartete Wendung. Yellnikof nämlich blickt plötzlich in die Kamera und weist seine Freunde darauf hin, dass sie alle gerade beobachtet werden, von einer popcornmampfenden Horde vor der Leinwand im Dunkeln. (Mit Zuschauern, die zum Beispiel gerade einen illegalen Stream im Netz gucken, rechnet der Mann sichtlich nicht.) Dann erhebt sich Yellnikof, der kurze Hosen trägt, geht in Richtung Kamera, löst also eigenhändig die Totale auf, stellt sich halbnah ins Zentrum des Bilds und spricht dich, mich, die Zuschauer durch die "vierte Wand" hindurch "direkt" an. Dieses Spiel mit der Illusion ist ein alter Hut auch und gerade im Werk Woody Allens (siehe nicht nur, aber vor allem "The Purple Rose of Cairo"), aber es geht dabei weniger um Punkte auf der Modernitätsskala als wiederum um die Einrichtung eines sehr speziellen Rezeptionsverhältnisses zwischen Film und Publikum. Etabliert wird zum Schein ein unmittelbarer Kontakt, ein privilegierter Zugang zur Welt auf der Leinwand - und genau das wird, von im Rohr krepierenden oder jedenfalls beim tausendundersten Mal doch etwas ermüdenden Scherzen freundlicherweise sogar noch abgesehen, "Whatever Works" zum Verhängnis.

 

Denn es steht das eine doch allemal fest: Mit irgendeiner Wirklichkeit haben die Welten, durch die sich die Figuren in Allenfilmen bewegen, rein gar nichts zu tun. Alles daran ist geronnen: zu Klischee, Märchen, Abziehbild. London, Spanien, New York: Everybody Knows It's a Fantasy World. Das Manhattan von "Whatever Works" sieht nur aufs Äußerlichste nach dem realen Manhattan aus. Die aus dem Süden nach New York geratene weibliche Hauptfigur Melodie St. Ann Celestine ist ein grober Südstaatenklotz, der zum groben Intellektuellendarstellerkeil Yellnikof einzig als Stereotyp zum anderen passt. Hier treten keine Individuen auf, sondern Marionetten, von einem Demiurgen geführt. Keine Allenfigur würde, kurz gesagt, jemals wider die dramatischen Absichten ihres Autors agieren, weil jede Figur einzig auf ihr Laufen am Schnürchen der Handlung und diese wiederum auf Pointen hin konzipiert ist.

 

Das ist gar nicht so schlimm, denn es kommt doch, wenn es gut geht, jene exzellente Form des Boulevardtheaters heraus, die Allens Spätwerk zum großen Teil ausmacht. Dazu aber gehört, dass die Allen-Welt ihren Kunstcharakter nicht leugnet und das heißt, dass sie sich möglichst auf allen Ebenen neutralisieren muss. Die Darsteller dürfen zum reinen Klischee nichts an Individualität dazutun - das gelingt Evan Rachel Wood ebenso gut wie Patricia Clarkson. Nur Larry David ("Curb Your Enthusiasm") ist von einer Larry-David-Haftigkeit dazu, die in einen Allen-Film nicht recht passt. Auch die Kameraarbeit ist für die Neutralisierung wichtig: Es kommt darauf an, dass sie sich auf totale Funktionalität reduziert. Schuss-Gegenschuss, unauffällige Komposition, Großaufnahme, Schwenk, Großaufnahme - Basisformen der Grammatik und keine Sperenzchen. Allen hat in den letzten Jahren stets mit hervorragenden Kameraleuten gearbeitet, die oft genug ganz exzellente Neutralisierungsarbeit geleistet haben. Harris Savides, bei Gus van Sant ("Elephant") und David Fincher ("Zodiac") ein grandioser Manierist, gelingt das hier nur sehr bedingt; insbesondere aus dem Loft, in dem Yellnikof wohnt, macht er ein Labyrinth, durch das die Kamera dem Helden auch mal wie einer Gus-van-Sant (bzw. Bela-Tarr)-Figur folgt. Das kommt dem distanzierten Vergnügen ebenso wie die direkte Publikumsansprache des Protagonisten im Endeffekt in die Quere.

 

Und so wird man insgesamt auf den Quatschcharakter des Ganzen allzu aufmerksam: Südstaatler werden zu sexueller Freiheit bekehrt, nicht weil irgendeine Plausibilität, sondern nur, weil der Autor auf seiner Jagd nach Pointen es will. Die Liebesgeschichte zwischen dem älteren Zyniker und der naiven Schönen ist erst grotesk und wird dann in ihrer Auflösung nicht realistischer, sondern nur ganz und gar fad. Dass man per Direktansprache genötigt wird, dem dank Larry David wirklich wenig ausstehlichen Boris Yellnikof sich nahe zu fühlen, bringt die Sympathieökonomie der Geschichte vollends durcheinander. Und so bleibt, was von einem Allenfilm eben im schlechteren Fall bleibt: eine Kulisse, die sich als Wirklichkeitsdarstellung verkennt; der xte Aufguss einer Pseudointellektuellentragikomödie; mithin: ein mauer Verhau, in den diesmal der begnadete Nicht-Schauspieler Larry David ganz besonders nicht passt.

 

Ekkehard Knörer

 

Dieser Text ist zuerst erschienen am 02.12.2009 im: www.perlentaucher.de

 

Whatever Works - Liebe sich wer kann

USA / Frankreich 2009 - Originaltitel: Whatever Works - Regie: Woody Allen - Darsteller: Larry David, Evan Rachel Wood, Patricia Clarkson, Ed Begley Jr., Conleth Hill, Michael McKean, Henry Cavill, Kristen Johnston - FSK: ab 12 - Länge: 92 min. - Start: 3.12.2009

 

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