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West is West

 

 

Zurück zu den Wurzeln?

Die britisch-pakistanische Familie Khan aus Salford ist uns bekannt; aus dem Film »East is East« aus dem Jahr 1999, vielleicht aber auch, irgendwie, aus dem wirklichen Leben. Denn typischer können ja die Probleme in einer kulturellen Patchworkfamilie, dieses Lebens in und zwischen zwei Kulturen, gar nicht sein. Jedenfalls, was die untere Mittelschicht und die siebziger Jahre angeht.

Der Vater, George, stammt aus Pakistan und ist Muslim, die Mutter Ella Engländerin irischer Abstammung. Die sieben Kinder, sechs Söhne und eine Tochter, würden gerne leben wie alle anderen englischen Kinder auch, aber einerseits hält George die Gebräuche und Werte seines Landes und seiner Religion aufrecht, manchmal mit Ignoranz oder gar Gewalt. Und anderseits setzt die englische Mainstream-Gesellschaft der Emanzipation von Migranten so ihre Grenzen. So entspann sich ein mal komischer, mal dramatischer Kampf um die Selbstbestimmung; arrangierte Ehen werden boykottiert und führen dann zum Eklat: Die Kinder stehen schließlich gegen den gewalttätigen Vater zusammen; er verlässt die Familie, und doch besteht die Aussicht darauf, dass er sich ändert.

Damals war »East is East« in seinem leichten, direkten Ton eine Befreiung; man konnte, sah man, über Menschen in Konflikten erzählen, man musste nicht Menschen zur Darstellung von Konflikten missbrauchen. »East Is East« war einer der Filme, die mit Menschen in den Migrationszwickmühlen, nicht über sie gemacht wurden.

Der Film, inszeniert von Damien O’Donnell, entstand nach einem autobiographischen Stück von Ayub Khan-Din, der auch das Drehbuch zum Sequel schrieb; die Regie übernahm nun Andy De Emmony, und auch er stellt sich handwerklich kompetent und uneitel ganz in den Dienst des Stoffes. Bei der Premiere in England erklärte Khan-Din übrigens, dass bereits ein dritter Teil in Vorbereitung sei. Die Geschichte der Khans ist ja tatsächlich noch lange nicht zu Ende erzählt. Ob aber der leichte und versöhnliche Ton dabei beibehalten kann, der im Jahr 2011 schon nicht mehr ganz so überzeugend erscheint wie er es 1999 war – man mag es bezweifeln.

»West Is West« jedenfalls kehrt noch einmal in eine Zeit zurück, in der das Leben der Migranten und ihrer Familien schwer genug war, Gewalt und Ablehnung der späteren Jahre aber noch nicht vorstellbar. Vier Jahre sind vergangen. Ein bisschen heruntergekommen ist das Viertel, in dem die Khans leben; der Beat und die Hippies versprechen mehr Freiheit, als sie halten können. George hat seinen inneren Konflikt gebändigt, aber nicht gelöst. Sein jüngster Sohn, der 15jährige Sajid, will vom pakistanischen Erbe in seiner Familie möglichst nichts wissen. Dass er von seinen Mitschülern angegriffen und gedemütigt wird, dass ihm sein Lehrer aus Kolonialzeiten ein abstruses Bild seiner Heimat vor Augen führt, ändert nichts daran, dass er sich als Engländer fühlt. Er weiß nicht einmal, wo Pakistan auf der Weltkarte liegt, und so soll er seine Wissenslücken füllen – mit »Kim« von Rudyard Kipling. Rajid wird schließlich beim Klauen erwischt, eine von vielen kleinen Revolten; der Konflikt bricht wieder mit aller Heftigkeit aus. George will ihm durch eine Reise nach Pakistan beibringen, »wer er ist«. Und nun folgt der Erziehungs-Trip in die, nun ja, Heimat, in der Sajid zunächst vollkommen fremd ist, und zugleich ist es eine Reise in Georges (Jahangirs) Vergangenheit, seine verdrängte Schuld gegenüber seiner ersten Frau und ihren Kindern, die er vergeblich mit regelmäßigen Geldsendungen zu betäuben versuchte. Eine dritte Geschichte entwickelt sich um Maneer, den Sohn, der keine Frau findet, weil die Familien glauben, er könne sich ähnlich verhalten wie sein Vater und seine Familie im Stich lassen, um nach Europa zu gehen. Während Jahangir beschließt, ein Haus zu bauen (auch wenn er dafür sein Konto in England plündern muss), Sajid einen Freund und einen weisen Lehrer findet und nebenbei eine Frau für Maneer, der nach Nana Mouskouri verrückt ist, erreicht auch die nun ihrerseits im Stich gelassene Ella das Dorf. Unnütz zu sagen, dass die Klugheit der Frauen, eine kleine Naturkatastrophe (ein Sandsturm, um genau zu sein) und die richtigen Worte zur richtigen Zeit dann nach heftigem Streit für die große Versöhnung sorgen. Hey, wir sind schließlich in einem Culture Clash/Dramedy/Feelgood Movie, da geht man großzügig mit der Wirklichkeit und der Wahrscheinlichkeit um.

Natürlich gibt es in »West Is West« viele Standard-Situationen, die man aus Culture-Clash-Komödien mittlerweile nun eben so kennt. Aber der Film besticht nicht allein durch seine biographisch grundierte Genauigkeit und Liebe zu den Charakteren (das heißt: man kommt aus der Falle zwischen dem Unerträglichen und dem Heißgeliebten nicht heraus); was ihn vor allzu harscher Kritik bewahrt, ist auch die Offenheit mit der er sich dazu bekennt, nicht nur Drama und Komödie, sondern tief im Inneren auch Märchen zu sein.

Irgendwann werden wir träumen von den Zeiten, in denen Geschichten wie diese noch geholfen haben. Und dann ist es gut, dass sie jemand erzählt hat.

Georg Seeßlen

Dieser Text ist zuerst erschienen in: Strandgut

West is West
Großbritannien 2010 - Regie: Andy De Emmony - Darsteller: Om Puri, Linda Bassett, Aqib Khan, Emil Marwa, Jimi Mistry, Lesley Nicol, Ila Arun, Vijay Raaz, Nadim Sawalha, Raj Bhansali, Zita Sattar, Robert Pugh, Thomas Russell - FSK: ab 6 - Länge: 102 min. - Start: 14.6.2012

 

 

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