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We Steal Secrets: The Story of Wiki Leaks

 

 

Alex Gibneys Dokumentarfilm "We Steal Secrets: The Story of WikiLeaks" erzählt ein Königsdrama, das zum Erkenntnistool wenig taugt.

Darauf können sich vermutlich alle einigen: Durch die Digitalisierung ist es schwieriger geworden, Informationen für sich zu behalten. Fast wie von selbst treten Geheimdokumente hinaus in die Welt, wenn sie erst einmal die relative Sicherheit der abschließbaren Aktenschränke verlassen haben und - mit einem Mausklick vervielfältigbar - auf eine Festplatte oder gar einen Server geladen werden. Komischerweise scheinen sich auch alle einig zu sein, dass diese Datenverflüssigung Vorteile mit sich bringt: So begannen die verschiedenen nachrichtendienstlichen, polizeilichen und militärischen Institutionen der USA, vor allem nach 9/11, Informationen untereinander in einem vorher unvorstellbaren Maß auszutauschen.

In Alex Gibneys Dokumentarfilm "We Steal Secrets: The Story of WikiLeaks", der die Geschichte der Internetplattform und vor allem ihre Rolle in der Affäre um den Whistelblower Bradley Manning nacherzählt, erklärt einer der Interviewten, dass das Prinzip "need to share" das Prinzip "need to know" abgelöst (richtiger wäre wohl: ergänzt) habe. Oft ermöglicht gerade der inter- und intra-institutionelle Datenfluss den Whistleblowern Zugang zu jenen Informationen, die dann zum Problem werden, wenn sie den geschlossenen Kreislauf des Behördennetzwerks verlassen. Dass es vor allem um ein Informationsgefälle geht, machen die - im Film natürlich nicht thematisierten - NSA-Enthüllungen der letzten Wochen deutlich, die einen Informationsfluss in umgekehrter Richtung zum Gegenstand haben.

Es ist in diesem Zusammenhang nicht die spannendste aller Fragen, aber dies hier ist nun einmal eine Filmkritik: Was hat das Kino all dem hinzuzufügen? Ich fürchte: nicht viel - zumindest nicht als direktes Erkenntnistool. Es ist aus Marketingsicht einem glücklichen Zufall zu verdanken, dass "We Steal Secrets" gerade jetzt in die Kinos gelangt, wo WikiLeaks, dank Edward Snowden, wieder in die Schlagzeilen gelangt ist. "Brandaktuell" ist der Film deshalb noch lange nicht. Wer die Berichterstattung der letzten Jahre auch nur oberflächlich wahrgenommen hat, wird nicht allzu viel Neues erfahren. Und viele interessante Fragen, wie zum Beispiel die nach jenen Printmedien, die WikiLeaks-Gründer Julian Assange erst hofierten und ihn anschließend fallen ließen, werden kurz angerissen, aber gehen sofort wieder unter in der atemlosen Abfolge von talking heads, albernen Computergrafiken (die nicht Lösung, sondern Teil des Repräsentationsproblems angesichts einer abstrakter werdenden Welt sind) und Sequenzen von eher unklarem narrativen Status, in denen zum Beispiel der insgesamt nicht allzu gut wegkommende Assange zu Lady Gaga tanzt.

Gelegentlich gelingt es "We Steal Secrets", die eine oder andere Aporie der Abhördebatte auf den Punkt zu bringen; der Titel zum Beispiel bezieht sich gerade nicht auf die Arbeit von WikiLeaks, sondern ist der Selbstbeschreibung eines Geheimdienstmitarbeiters entnommen. Meist jedoch erzählt Gibney eher brav ein Königsdrama nach, das nur tragische Helden kennt: Bei Assange kann man schon lange nicht mehr sagen, ob seine faktische Gefangenschaft in der ecuadorianischen Botschaft in London eine selbstgewählte, eine selbstverschuldete oder doch eine ihm von außen aufgezwungene ist. Der sich in seinem männlichen Körper fremd fühlende Manning tauschte, glaubt man dem Film, ohnehin nur eine Gefangenschaft gegen eine andere ein (dass die beiden Hauptprotagonisten im Film nicht selbst zu Wort kommen, weil sie aus unterschiedlichen Gründen nicht für Interviews zur Verfügung standen, ist ein eher theoretisch als praktisch interessanter Aspekt). Auch Adrian Lamo, der Hacker, der Manning enttarnte, taugt, erst recht, wenn man ihn völlig verunsichert über seine Gewissensentscheidung sprechen hört, nicht zum Antagonisten.

Dass der Film personenzentriert erzählt, ist nicht grundsätzlich ein Problem; schließlich sagt auch die Instant-Mythologisierung von Typen wie Assange, Manning und Snowden etwas aus über eine Welt, die sich umso mehr nach Verkörperung und Identifikation zu sehnen scheint, je weniger darstellbar ihre Tiefenstruktur wird. Das Problem ist eher, dass Gibney auch in dieser Hinsicht nicht mehr hinbekommt als eine technisch ansprechende, aber kommunikationstheoretisch nicht besonders integre Aufarbeitung all dessen, was in anderen Medien schon vorgeprägt war. Wie Gibney ein Internetchatprotokoll der Selbstoffenbarung Mannings gegenüber Lamo als zentrales dramaturgisches Element in seinen Film einbaut (weiße Buchstaben fast leinwandfüllend auf schwarzem Grund: "I...care?", dazu anschwellende Musik): Das kann man, unter Infotainmentgesichtspunkten, durchaus bewundern. Und mit Manning mitfühlen kann man sowieso, durch allen Schmalz hindurch. Aber gleichzeitig kann man auch das Gefühl bekommen, genau an dieser Stelle doch einer Indiskretion beizuwohnen: Manning wollte sich in diesem einen Chat dieser einen Person öffnen; ich bin mir nicht sicher, ob es in seinem Sinne ist, dass ein effektbewusster Dokumentarfilmer die aus innerer Verzweiflung heraus formulierten Sätze mit dem Großen und Ganzen der Geopolitik kurzschließt. Narrativiere Dich oder ich schlage Dich: So funktioniert der gesamte Film.

Bei der Stange halten kann das alles durchaus und sogar über eine Blockbusterlänge von 129 Minuten, und sei es nur mithife willkürlich eingefügter Passagen aus "Star Trek". Dennoch hat, glaube ich, jeder mittelmäßige Actionfilm, der gedankenlos begeistert mit der Visualisierung von Überwachungstechnik spielt, mehr über die Gegenwart der Informationsweltgesellschaft zu sagen als "We Steal Secrets: The Story of Wikileaks".

Lukas Foerster

 

Dieser Text ist zuerst erschienen im: www.perlentaucher.de

 


We Steal Secrets: The Story of WikiLeaks

USA 2013 - 130 Minuten - Kinostart(D):11.07.2013 - Regie: Alex Gibney - Produktion: Alexis Bloom, Marc Shmuger - Kamera: Maryse Alberti - Schnitt: Andy Grieve - Musik: Will Bates - MitwirkendeJulian Assange, Adrian Lamo

 

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