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Wer ist Hanna?

 

 


Pfeilschüsse in Hirschherzen

 

Als elfenhafte Kampfmaschine gelangt Joe Wrights "Hanna" aus dem europäischen Norden nach Berlin und tritt im Plänterwald an zur letzten Schlacht gegen Cate Blanchett.

In Eis, Schnee und Kinetik wächst Hanna auf. Eis und Schnee, denn sie verstecken sich im nördlichen Finnland. Die Kinetik wegen Joe Wright. Der Brite erwies sich schon in seinen bisherigen Filmen als eines vor allem: ein Virtuose, der sich im Kleinen aufs Timing der Bild- und Einstellungsfolgen bestens versteht. Hier zeigt er gleich zu Beginn, was er kann. Die Kamera fliegt, Hanna zur Seite, durchs Gelände, durch den Wald erst, dann ins Offene. Hanna jagt einen Hirschen, sie schießt einen Pfeil ab, seitwärtsfahrend folgen wir ihr, ins Bewegtbild hineingezogen, das uns selbst wie in Bewegung versetzt. Dann aber folgen wir, mit ihm und seinem Fliehen und Langsamerwerden für den Moment aus großer Nähe uns zu identifizieren genötigt, im Umschnitt gleichfalls seitwärtsfahrend dem Tier. In Großaufnahme ist es dann röchelnd zur Seite gekippt, Kopfungetüm mit Geweih auf Schnee, vor Himmelhintergrund, Hirsch blickt dich sterbend noch an: ein aufregendes Bild. (Diese Szene erfährt später, am ganz anderen Ort, in Berlin, ihre Kontrafaktur. Und noch eine, ganz am Ende, im finsteren Plänterwald.)

Jagd ist das Stichwort. Hanna (Saoirse Ronan, hellblondes Haar, bleiche Haut, ihr Äußeres wie noch nicht fertig gereift) ist mitten in der Adoleszenz und tief im äußersten Finnland und wird dortselbst vom eigenen Vater (Eric Bana, zunächst mit Bart) gedrillt und trainiert und erweist sich als Kämpferin von geradezu übermenschlicher Flinkheit und Kraft. Lauschig und warm am Feuer ist es zur Nacht in der Hütte, kalt pfeift der Wind im grellen Licht draußen am Tag. Mit Wissen, das sie zu nichts, das sie kennt, in Beziehung zu setzen in der Lage sein kann, wird Hanna gefüttert. Wissen über Leipzig zum Beispiel reproduziert sie (aus Gründen, die sich später erschließen) und klingt wie ein Lexikontext. Handfester und im eigenen Leben verwurzelt sind: Pfeilschüsse in Hirschherzen, Handkantenverteidigungsschläge gegen den von hinten sich nahenden Vater. Wright inszeniert das an Hongkong geschult, Schnitte wie Schläge, macht Tempo, schneidet in die Dunkelheit Licht, setzt Effekte und übertreibt es doch nicht.

Dann ist es soweit. Hanna legt ein Schalterchen um, ein rotes Licht blinkt und sie wird dadurch, wie sie will, selbst zur Gejagten. Sie lässt sich fassen, um in der Höhle der Löwin sich selbst als Jägerin zu erweisen und dann beim nächsten Purzelbaum im Rollenverständnis wieder zur Verfolgten mit Familienanschluss zu werden (und nebenbei kommt es zum ersten Kuss ganz knapp und sehr symptomatisch vorläufig nicht). Eine Frau wie Eis, ein inneres nördliches Finnland mitten in der Zivilisation, ist die, die sie jagt, ist die, von der sie gejagt wird, CIA-Agentin Marissa, zwei Frauen, die sich ineinander verbeißen in einem finsteren Märchen: Saoirse Ronan, Cate Blanchett. Marissa hat einst Hannas Mutter getötet ("Woran ist deine Mutter gestorben?" - "Drei Kugeln."), ihr entkamen der Vater und seine kleine Tochter ins Refugium aus Eis, Schnee, eingebimsten Rachegelüsten und gekonnter Kinetik.

Schnitt, Gegenwart, Berlin, U-Bahn-Zwischengeschoss. Die Steadicam lauert rolltreppenabwärts nach oben, Hannas Vater setzt sich zwischen Säulen und zur verlässlich pulstreibenden Musik der Chemical Brothers und im lässig gegeneinander choreografierten Spiel mit der kaum brusthoch schweifenden Kamera gegen ein feindliches Heer ihm ans Leder wollender Dunkelmänner zur Wehr und der sonst gern die Welt in Schnittfragmente zerlegende Joe Wright nutzt diesmal das Setpiece, um zu zeigen, dass er Action auch in Gestalt einer Plansequenz kann. In einem letzten Ausatmen dieser Hochdrucksequenz entlässt die Kamera den siegreichen Protagonisten gelöst joggend in Richtung Ausgang und Licht nach hinten im Bild.

Daran schließt, sehr seduktiv im ganz andren Register, eine Close-Up-Hanna- im-Gegenlicht-Fahrt zu Kindermusik. Das eine steht gegen das andere und beides macht gerade im Gegeneinanderstehen besten Effekt. In Binnenverhältnissen einzelner Einstellungen und Sequenzen macht das Wright-Kino ebenso Druck wie es über die Einzelmomente hinausgehende Kontrastwirkungen moduliert. Auf die eine und die andere Weise erzeugt "Wer ist Hanna?" dabei mit seinen Oberflächenreizen Affekt: in statischer Aufladung durch Kontraste, in Entladungen in Actionsequenzen, in Näherungen an den Stillstand, der dann an keiner Stelle je völlig eintritt. Im Drehbuch ist übrigens einiges an Zwischenmenschlichem und Erklärungspsychologie. Joe Wrights Regie treibt das nicht restlos aus, aber er nutzt es als bloßen Ausgangs- und Absprungpunkt für sein bewegliches, gekonnt be- und entschleunigendes Kino der diesmal mit Fleiß ins Märchenhafte immer wieder zart hinübergleitenden Art.

Ekkehard Knörer

Dieser Text ist zuerst erschienen in: www.perlentaucher.de

 

 

Wer ist Hanna?
USA / Großbritannien / Deutschland 2011 - Originaltitel: Hanna - Regie: Joe Wright - Darsteller: Saoirse Ronan, Eric Bana, Tom Hollander, Olivia Williams, Jason Flemyng, Jessica Barden, Cate Blanchett, Michelle Dockery - FSK: ab 16 - Länge: 111 min. - Start: 26.5.2011

 

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