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We Need to Talk About Kevin

 

Die Zeit ist aus den Fugen. Von Anfang an. Man wird in einen Strudel aus Bildern gezogen und bekommt, was man sieht, lange nicht richtig sortiert. Etwa, gleich zu Beginn, die aus Draufsicht gefilmten schlammigen Massen, Körper an Körper, Kopf an Kopf, ein Drängen und Wogen, die Menschen werfen Tomaten, die Kamera zoomt heran an suppiges Haar und suppige Schultern und darunter sieht und ahnt man die suppigen Torsi. Dann Eva, Eva Khatchadourian, hier noch ganz ohne Namen, aus der Tomatenbrühe gezogen, in der sie sich wälzte, langgestreckt jesusgleich auf Händen getragen. Ein Auflösungswunsch, ein Auflösungstraum, eine Geburt oder ein Tod als Bad in Tomaten, ein Armestrecken und Strahlen, so glücklich wie hier wird die Heldin des Films kein weiteres Mal sein.

 

Was bleibt, was diese in den kubistischen Körper des Films sonst kaum zu integrierende Szene mit diesem verbindet, sind die Tomaten, ist ihr Rot. Blut, Rot, Tomate, Tod. Ein Schwappen und Suppen zwischen Ekstase und Ekel. Dann hält das Realitätsprinzip Einzug und härter, brutaler, verletzender als es hier ist, kann kein Realitätsprinzip sein: Kevin. Der Sohn als Ausgeburt des Bösen, der Sohn, der alles zerstückt, der ein Massaker begeht, von dem nichts unaffiziert bleibt, schon gar nicht Eva, die Mutter; erst recht nicht der Film. „We Need to Talk About Kevin“.

 

Aber wie spricht man über Kevin? Lynne Ramsay ist eine große Stilistin, sie wählt ihre rhetorischen Mittel, also löst sie die Geschichte von Eva und Kevin in formvollendeter Weise in Bruchstücke auf. Auf die Tomatengeburt folgt ein traumverlorener Strom der Bilder, viel Rotes darin, auch einmal Eva im Supermarkt vor einem Regal mit Dosentomaten. Eva ist im Boden versunken und lebt dennoch weiter. Der Strom der Szenen und Bilde und Impressionen, der nach einer halben Stunde etwa zur Ruhe, zu etwas mehr Ruhe kommt, schwemmt wie die schlammige Brühe nach einem Hochwasser vieles Hochgefährliche mit sich, untergründig sehr Böses, wir müssen über Kevin sprechen, und zwar dringend. Eva ist Tilda Swinton, brünett, die Haare glatt, die ikonenhaften Züge ikonenhafter denn je, alterslos, es vergehen zwischen Einstellungen Jahre, sie sieht jung aus und alt, Tilda Swinton ist wieder Orlando, die Zeit ist aus den Fugen, im Körper von Tilda Swinton steht sie allerdings still.

 

Die Bildsprachenvirtuosin Lynne Ramsay konjugiert Zeitformen der Traumatisierung: Es ist geschehen, es ist noch nicht geschehen, es wird geschehen, es musste geschehen, es wird geschehen sein, es ist niemals ungeschehen zu machen. Von einer Tat ist zu berichten, die Eva traumatisiert haben wird. Es wird von dieser Tat so berichtet, dass der Film von Anfang an selbst traumatisiert worden ist. Die Perspektive ist die der Nachträglichkeit, also die Zeitform der Anamnese, der Therapie. Ein an Leib und Seele verletzter, ein zutiefst, wenn auch auf sehr elegante Weise verstörter Film unternimmt den Versuch, sich selbst zu heilen und muss daran scheitern und doch ist das Ende nicht ohne Hoffnung.

 

Das Böse schreit so laut, dass die Mutter die Ruhe genießt, die ihr ein Presslufthammer im Straßenverkehr bietet. Das Böse scheißt sich ein und zwar lustvoll und dann gleich noch einmal. Das Böse stinkt, das Böse hat ein Gesicht, das Böse hat einen Namen, das Böse blickt starr aus trotzigen Augen, irre gut gecastet sind die Darsteller dieses Kevin, Jasper Newell und Ezra Miller, es gefriert einem bei ihrem Anblick das Blut in den Adern. Das Böse hasst, aber hasst ohne Grund. Hass kennt viele Gesichter und manche davon sind äußerst charmant. Kevin ist so manipulativ, er spielt, was Kinder ohnehin tun, den ahnungslosen Vater und die resignierende Mutter gegeneinander aus, er will hassen und töten, er ist ein berechnendes Biest, das in seinem infamsten Moment die Mutter nicht verrät, sondern ihre nur zu verständliche Untat verschweigt, nicht aus Einsicht oder Gnade, sondern um sie damit, wann es ihm passt, zu erpressen.

 

Sprechen wir über Eva. Sie ist fast immer im Bild, sie ist das Bewusstsein, als das der Film sich entfaltet, das viele Rot, die Farbe, die schrubbenden und schmirgelnden Hände. Eva vor der Tat, mit den Nerven am Ende. Eva nach der Tat, kratzt ihr Leben wieder zusammen, es ist ihr alles genommen, den Glauben an die Menschheit hat sie vorher verloren. Wer das Böse angeschaut mit Augen, ist der Verzweiflung schon anheimgegeben. Aus der Engelsgeduld, mit der sie zuvor Kevin wieder und wieder ertrug, wird Resignation. In gewisser Weise steht auch der Film nicht auf ihrer Seite. Über sie erfahren wir so vieles nicht. Einmal im Schaufenster das Plakat: Eva Khatchadourian, die Abenteurerin.  Für uns und den Film ist sie nur: Eva, die Mutter des Bösen, Eva Ohnechance, Eva, die sich wehrt, die nicht aufgibt, die nicht wahrhaben will, was nur allzuwahr ist, Eva allein zuhaus - mit Kevin, und Kevin ist eine tödliche Krankheit, nur schlimmer.

 

„We Need to Talk About Kevin” ist nicht subtil. Alles andere als das. Sehr on the nose sind die musikalischen Kommentare, die ausdrücklich, wenn auch selbst ziemlich böse in ihrer Traditional-Harmlosigkeit, einzelne Szenen allzu literal kommentieren und konterkarieren: "You are leavin', my darling boy, / You always have been your mother's joy." Immer wieder das Rot, die Hauswand und das Fenster sind rot, vom Mob beschmutzt und beschmiert; die Frontscheibe des Autos ist rot, der Scheibenwischer spült es nach und nach nur zur Seite; die Tomaten sind rot, die diese dingsymbolische Rolle im Film ja nur ihres Rotseins wegen überhaupt spielen; der Ball ist rot, mit dem Eva mit Kevin spielt, die Stühle sind rot im Reisebüro, der Teddy ist rot auf dem Sessel im Hintergrund. Too much Rot, too much Bösartigkeit, andererseits ist das Wesen des Bösen vielleicht grade: dieses too much.

 

Das Rote, das Böse, das Zuviele und das Unsubtile, der äußerste Stilwille von Lynne Ramsay: Das ist nicht einfach da, das ersetzt eher was: Erklären und Verstehen der Mordtat. Das verweigert der Film, er ist selbst traumatisiert, er kommt nur immer wieder aufs selbe zurück, er ist so unsubtil, wie jede Tautologie unsubtil ist: Das Böse ist das Böse. Erinnern vielleicht, Wiederholen ganz sicher, aber am Durcharbeiten arbeiten wir noch: „We Need to Talk About Kevin“.

Ekkehard Knörer

Dieser Text ist zuerst erschienen in: Cargo

We Need to Talk About Kevin

Großbritannien 2011 - Regie: Lynne Ramsay - Darsteller: Tilda Swinton, John C. Reilly, Ezra Miller, Jasper Newell, Rock Duer, Ashley Gerasimovich, Siobhan Fallon Hogan, Alex Manette - FSK: ab 16 - Fassung: O.m.d.U. - Länge: 110 min. - Start: 16.8.2012

 

 

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