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Wendy & Lucy

 

 

 

Das Meisterwerk dieser Woche "Wendy & Lucy" läuft unter weitgehendem Ausschluss der Öffentlichkeit an. Kelly Reichardt erzählt darin solidarisch von einer prekären Existenz. [ab 23.04.2010 auf DVD bei filmgalerie 145]

 

In dieser Woche läuft ein Film an, der alles besitzt, was einem amphibischen Nichts wie der "Päpstin" fehlt. Nur dass sich seine Produktionskosten auf nicht einmal ein Prozent jenes Werks belaufen, mit dem er in den Kinos der Republik nun natürlich nicht im Ernst konkurriert. Kelly Reichardts "Wendy & Lucy" ist, ganz zu Recht, von den zuständigen kritischen Stellen als einer der schönsten Filme des vergangenen Jahrs längst gefeiert. Nun nimmt sich der ans Berliner fsk-Kino angeschlossene Peripher-Verleih das Herz, das man braucht, um ein kleines Meisterwerk wie dieses unter die paar Leute zu bringen, die von seiner Existenz je erfahren werden.

 

"Wendy & Lucy" ist ein Film von großer und anrührender Einfachheit, einer Einfachheit, die um die große Kunst, die in ihr steckt - als Kunst des Verzichts auf alles, was falsch ist - kein Aufhebens macht. Er erzählt von Wendy (Michelle Williams), einer jungen Frau, die ohne festen Wohnsitz und ohne Handy unterwegs ist in Richtung Alaska. Dort will sie in einer Fischkonservenfabrik Arbeit finden, der Weg ist noch weit. Sie hat ein Auto, in dem sie schläft, sie hat als einzige Begleiterin die Hündin Lucy, die sie liebt. Das Auto und Lucy kosten aber auch Geld, das sie nicht hat. In einem Ort im Bundesstaat Oregon gerät die prekäre Existenzform am Rand der Gesellschaft in eine Krise.

 

Das Auto springt nicht mehr an. Das Hundefutter geht aus. Wendy sucht einen Supermarkt auf und klaut Futter für Lucy. Sie wird erwischt, ein junger und in erster Linie selbstgerechter Angestellter des Ladens sieht sich als Vertreter von Recht und Gesetz und übergibt Wendy der Polizei. Sie lässt notgedrungen Lucy zurück, verbringt Stunden auf dem Revier. Ihre Identität wird festgestellt, Fingerabdrücke werden genommen, die Strafe bezahlt sie vom wenigen Restgeld gleich an der Kasse. Als sie Lucy da abholen will, wo sie sie zurücklassen musste, ist diese verschwunden.

 

Von einer Gesellschaft, in der es zu so was leicht kommt, erzählt ohne große Anklagegesten Kelly Reichardt. Sie verbleibt dabei auf der Ebene der Konkretion. Das war schon die Stärke des Vorgängerfilms "Old Joy" und erweist sich so als des eigenen Tuns sehr bewusste Methode. Der Zustand, in den Wendy gerät, ist, als eine von vielen Geschichten, die man aus ihr erzählen kann, der Zustand der amerikanischen Gegenwart. Schnell ist, wer nicht alles mitmachen will, durch die weiten Maschen der Netze gerutscht, die denen am Rand Hilfe zu leisten eigentlich da sind. In diesem Zustand sieht sich das Individuum zurückgeworfen: auf sich selbst, auf eine treue Hundeseele und auf Mitmenschen guten Herzens. Einen solchen gibt es durchaus, es ist der Wächter eines Parkplatzes, von dem er, weil es der Job fordert, Wendy zu Beginn des Films vertreibt.

 

Die amerikanischen Mythen - vom Aufstieg, von der Freiheit des Unterwegsseins - haben ihre schmutzige Rückseite. "I'm passing through", sagt Wendy, die in dieser amerikanischen Allterwelts-Kleinstadt feststeckt, wieder und wieder. Es ist genau dieser Ausdruck, der schon in Monte Hellmans Road-Movie des Absurden "Two-Lane Blacktop" aus dem Jahr 1971 die zentrale Ortsangabe war. Als Diagnose eines amerikanischen Traums, der von der Freiheit des einzelnen berichtet, auf verlorenem Posten unterwegs und damit in Wahrheit von jeder Partizipation an der Gesellschaft ausgeschlossen zu sein. Immerzu fahren die Züge durchs Land, kein Geräusch hört man im Lauf des Films so häufig wie das im Amerika zwischen den Küsten tatsächlich allgegenwärtige Zugsignal. Es mag mal der Sound des Aufbruchs gewesen sein und des Fortkommens. Hier wird's zum Leitmotiv der Verlorenheit. Wie die Hobos in der Depression der Dreißiger Jahre macht sich am Ende Wendy im Frachtzug davon.

 

Kelly Reichhardt protokolliert einen Beispielfall und gibt ihm Tiefe und Individualität. Wunderbar ist Michelle Williams, die die Willenskraft ihrer Figur, aber auch ihre Verzweiflung in kleinen Gesten offenbart. Gesten sind das, denen man anmerkt, dass an sie keine Energie verschwendet werden darf, weil man die für den Kampf an anderer Stelle noch braucht. Reichardt fängt in ihren Bildern die Verlorene auf. Sie erklärt ihrer Protagonistin ohne Anbiederung, ohne falsche Töne und Gesten und mit großer Beobachtungsgabe unmissverständlich ihre Solidarität. Mehr tut sie nicht. Ein kleiner Film, aber er enthält eine Welt.

 

Ekkehard Knörer

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in: www.perlentaucher.de

Zu diesem Film gibtís im archiv der filmzentrale mehrere Texte

 

Wendy & Lucy

USA 2008 - Originaltitel: Wendy and Lucy - Regie: Kelly Reichardt - Darsteller: Michelle Williams, Will Oldham, Will Patton, Larry Fessenden, Walter Dalton, John Robinson, Michelle Worthey, John Breen - FSK: ab 6 - Fassung: O.m.d.U. - Länge: 80 min. - Start: 22.10.2009

 

DVD  

Veröffentlichung am 23.04.2010 bei filmgalerie 451

Extras:: Interview  mit Kelly Reichardt (Cannes 2008, ca. 16 min, Englisch), Kurzgeschichten TRAIN CHOIR (Vorlage zu WENDY AND LUCY) und OLD JOY von Jon Raymond, Trailer
Untertitel: Deutsch
Sprache: Englische Originalfassung
Bildformat: 16:9
Tonformat: Dolby Digital 2.0
Ländercode: Region 2
System: PAL Farbe
FSK: Ab 6 Jahren

 

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