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Weltrevolution - Drahdiwaberl

 
 
Auf Youtube kann man einen Fernsehbeitrag sehen, in dem der einstige Krawall-Rapper Sido den aktuellen Krawall-Kolumnisten der „Kronenzeitung“, Michael Jeannée, in seiner Funktion als Juror der Sendung „Die große Chance“
schurigelt, dass es ein wahres Vergnügen war. Noch interessanter wird die Sache durch das willfährige Verhalten der anderen Juroren, die sich offenkundig von der Macht der „Kronenzeitung“ beeindruckt zeigten. Man muss sich solche Szenen unverhohlener Amigo-Wirtschaft vor Augen halten, um zu verstehen, gegen welche Mauern der Aktionskünstler Stefan Weber seit 1969 mit seinem offenen Bandprojekt „Drahdiwaberl“ ankämpft. „Drahdiwaberl“ ist eine Art Schock-Rock-Kabarett, eine Mischung aus Frank Zappas „Mothers of Invention“ und „The Tubes“, bei der das visuelle Moment des Tabubruchs den musikalischen Ehrgeiz deutlich übertrifft. Weber wollte nach eigenen Angaben die wildeste, obszönste und anarchistischste Rock-Band der Welt gründen; die wildeste Rock-Band Österreichs ist ihm immerhin gelungen.

Wenn bei „Drahdiwaberl“ auf der Bühne die Körpersäfte fließen, wenn antiautoritäre und antiklerikale Mätzchen gemacht und Politiker und sonstige „Autoritäten“ ins Lächerliche gezogen werden, dann erlebt man eine wüste Rock-Show aus dem Geiste des Wiener Aktionismus, die – in Österreich zumal – recht befreiend wirkt. „Drahdiwaberl“ ist gewissermaßen das ungewaschene Alter Ego von André Heller und Rainhard Fendrich, wenngleich stets auch etwas unappetitlich, pubertär und altbacken. Bei „Drahdiwaberl“ darf man die Sau rauslassen; alles außer Subtilität scheint hier erlaubt, ja, erwünscht, und wer das reichlich vorhandene Live-Material studiert, wird Reminiszenzen an G.G. Allin, Laibach und Rammstein sehen oder hören. Saalverbot inklusive. Wobei nie ganz klar wird, wie wichtig für Weber und „Drahdiwaberl“ die Rock-Welt überhaupt ist. Hier scheint ein Alt-68er unter die versprengten Punks der Pogo-Partei gefallen, die im Gegenzug zu den abgeschmacktesten Gitarrensoli feiern. Musikalisch ist „Drahdiwaberl“ komplett aus der Zeit gefallen! Aber für österreichische Befindlichkeiten, für die unendliche Abfolge von Polit-Skandalen und kaum verdeckten Korruptionsfällen besaß „Drahdiwaberl“ hingegen immer ein erstaunliches Sensorium.

Dieses offizielle Österreich ist die Bande, aus der „Drahdiwaberl“ seine Dynamik bezieht. Dabei hat sich die Band den Versuchen, sie folkloristisch einzugemeinden, recht erfolgreich entzogen. Als der Zufall in Gestalt einer Zusammenarbeit mit Lukas „Kottan“ Resetarits der Band einen veritablen Hit bescherte, kam das einer Krise gleich. Als dann auch noch das erst 1981 (!) erschienene Debütalbum „Psychoterror“ „Gold“ erhielt, zeigte Weber auf offener Bühne, was er von dieser Auszeichnung hielt. Das ist im Film ebenso zu sehen wie ein Weber-Wahlspot, bei dem dieser die Abschaffung aller Politiker fordert und gleich mit gutem Beispiel voran geht, indem er sich den Lauf eines Revolvers in den Mund schiebt. Zu sehen ist auch „Drahdiwaberls“ berühmtester Sohn namens Hans Hölzl, der unter seinem Künstlernamen eine Weltkarriere startete. Obwohl angeblich vor vielen Jahren bei einem Autounfall in der Karibik ums Leben gekommen, schaut auch Falco regelmäßig auf der „Drahdiwaberl“-Website vorbei und hinterlässt freundliche Grüße.

Seit vielen Jahren gibt „Drahdiwaberl“ regelmäßig Abschiedskonzerte – und macht dann doch immer weiter. Auch dies ein ironischer Reflex der Rituale der Popkultur und zugleich eine Einschätzung der eigenen Bedeutung für Österreich. Immer wieder liest man, dass die Selbstentgrenzungsprofis von „Drahdiwaberl“ jenseits der Bühne absolut liebenswerte Persönlichkeiten seien. In Klaus Hundsbichlers Dokumentation gibt es dieses Jenseits nicht. Hier zieht der „lonesome cowboy“ Stefan Weber, mittlerweile auch gesundheitlich angeschlagen, am Schluss mit seiner Lebensgefährtin, dem Hund Hilde, in den Sonnenuntergang und doziert gar nicht ironisch über Che Guevara und den Aufstand der Hühner. Hilde ist unaufmerksam, was Weber, der nebenher bis zu seiner Pensionierung auch noch ein verbeamteter Werklehrer war, irgendwie an die Menschen erinnert. Ganz schön traurig. Eine konventionelle Musikdokumentation zu „Drahdiwaberl“ war ohnehin nicht zu erwarten; „Weltrevolution“ entspringt dem gleichen Geist wie sein Gegenstand. Leider sind Rebellion und fortschreitendes Altern keine sonderlich glückliche Kombination – und alles andere als „sexy“. Da kann man sich noch so engagiert die Kleider vom Leib reißen und auf die Bühne strullen.

Ulrich Kriest

Dieser Text ist zuerst erschienen in: film Dienst

Weltrevolution - Drahdiwaberl
Österreich 2008 - Originaltitel: Weltrevolution - Regie: Klaus Hundsbichler - Mitwirkende: Stefan Weber, Drahdiwaberl - Länge: 91 min. - Start: 13.10.2011

 

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