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Welcome to Karastan

 

 

Die Ausgangsidee ist nicht ohne Reiz. Früher mag der Protagonist, der Filmemacher Emil Forester, einmal als große Hoffnung des Autorenfilms gegolten haben; ein früher Kurzfilm wurde sogar mit einem „Oscar“ prämiert, zwei Arthouse-Spielfilme folgten. Doch aktuell steckt Forester knietief in einer Kreativitätskrise und ist eigentlich schon durchs Netz gefallen.

Da erreicht ihn eine Einladung aus der neu gegründeten Kaukasus-Republik Karastan: sein nicht gerade umfangreiches Œuvre soll in Gestalt einer Retrospektive das „1. Palchik International Filmfestival“ zieren. Der Filmemacher fühlt sich geehrt, obschon er nicht so recht weiß, wo das genau liegen soll: Karastan. Doch da ihn seine Frau gerade verlassen hat und neue Filmideen auch nicht über die Titel hinaus kommen, nimmt der die Einladung an. Schon die Ankunft am Flughafen ist allerdings skurril und scheint allen Klischees zu entsprechen, die über den Kaukasus kursieren. Auch jenseits des Flughafens erscheint die Welt bedrückend. Es herrschen Armut und Verfall, wenig einladende Plattenbauten und das Militär sind omnipräsent, nicht zu reden von der Geheimpolizei. Der Ehrengast bekommt überdies die undurchsichtige Dolmetscherin Chulpan zur Seite gestellt. Angesichts der fremden Kultur und ihrer unbekannten Sprache, der fremden Sitten und Gebräuche bleiben allerlei groteske Missverständnisse und Peinlichkeiten nicht aus.

Die Reise nach Karastan hält für den Filmemacher noch eine andere Überraschung parat. Der kultivierte, im Westen ausgebildete Präsident Abashiliev will das filmische Medium nutzen, um die Identität seines kleinen Staates zu stärken. Er plant die Verfilmung des im Mittelalter spielenden Nationalepos' – und Forester soll die Regie übernehmen. Er habe völlig freie Hand, keine Budget-Probleme und einen abgehalfterten US-Schauspieler als Star. Ein Traum! Und so wird aus dem gescheiterten Arthouse-Filmemacher ein Auftragskünstler im Dienste eines mit allen Wassern gewaschenen Diktators.

Hier tut sich ein interessanter Konflikt auf, weil Forester keine Ahnung hat, worauf er sich da einlässt. Doch der Film verschenkt diese Konstellation zugunsten einer oberflächlichen Satire über ein undurchsichtiges, post-sowjetisches Staatswesen, das längst aus den Fugen geraten ist. So werden die ohnehin aberwitzigen Dreharbeiten immer wieder durch Überfälle von Rebellen gestört. Abgesehen vom überforderten Regisseur scheinen die meisten der anderen Figuren längst einen Plan B für die Zeit nach Abashiliev zu haben.

Es mag sein, dass das, was Ben Hopkins hier zusammen mit seinem Co-Drehbuchautor Pawel Pawlikowski auf die Beine gestellt hat, autobiografische Züge trägt und nur grotesk ins „Borat“-hafte überzeichnet wurde. Doch die politisch-ethische Dimension des Stoffes wird zugunsten einer eher matten Satire nivelliert, die sich dann auch noch in den Untiefen einer augenzwinkernden Action-Persiflage verliert.

Ulrich Kriest

Dieser Text ist zuerst erschienen im: filmdienst 10/2015

 

Welcome to Karastan
(Lost in Karastan) - Großbritannien, Georgien, Frankreich 2014 - 96 Min. - Start: 21.05.2015 - FSK: ab 12 Jahre - Regie: Ben Hopkins - Drehbuch: Ben Hopkins, Pawel Pawlikowski - Produktion: Mike Downey, Vladimer Katcharava, Sam Taylor - Kamera: Jörg Gruber - Schnitt: Alan Levy - Musik: Andreas Lucas - Darsteller: Matthew Macfadyen, Noah Taylor, MyAnna Buring, Ali Cook, Ümit Ünal, Vedat Erincin, Richard van Weyden, María Fernández Ache, Leo Antadze, Amiran Katchibaia, Lasha Ramishvili, Dato Velijanashvili - Verleih: Piffl Medien GmbH

 

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