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Der weiße Rabe – Max Mannheimer 

 

 

 

Max Mannheimer geht auf die Menschen zu. Er will von seinen Erinnerungen erzählen und nutzt dazu (fast) jede Gelegenheit. Im Konzentrationslager Dachau spricht er fremde Menschen an; in Schulen vermittelt er seine Erlebnisse mit großer Anschaulichkeit und Intensität. Max Mannheimer, Jahrgang 1920, ist einer der letzten Überlebenden des Holocaust, und er hat lange nicht über seine Erlebnisse in Auschwitz und Dachau gesprochen. Erst nach dem Tod seiner zweiten Frau hat er seine Erlebnisse aufgeschrieben – für seine damals 17-jährige Tochter, die – wie sie hier in einem sehr intimen Moment preisgibt – diese Aufzeichnungen niemals ganz gelesen hat. Dennoch hat diese Niederschrift Mannheimers Leben verändert, denn 1985 erhielt er eine Anfrage von Barbara Distel, der Leiterin der Gedenkstätte Dachau, ob er das Manuskript nicht in der Reihe der Dachauer Hefte publizieren wolle. Seither tritt Mannheimer als Zeitzeuge öffentlich auf, allerdings nicht als Ankläger und Richter, sondern vielmehr als „Reisender in Sachen Humanität“.

 

In Gesprächen betont Mannheimer, der sechs von acht Familienmitgliedern während des Holocaust verlor, dass er, wäre er nicht Jude gewesen, nicht sicher sein könne, kein Täter geworden zu sein. Die Filmemacherin Carolin Otto hat ihn wiederholt mit der Kamera begleitet; für „Der weiße Rabe“ montierte sie Material aus drei Filmen aus unterschiedlichen Zeiten von unterschiedlichen Orten, weshalb das sichtbare Altern des Protagonisten den Film gewissermaßen legitimiert, da so etwas von der Arbeit des Zeitzeugen für die Nachwelt bewahrt wird.

 

Der Film zeigt Mannheimer als professionellen Witzeerzähler, dem das Alter gelegentlich allerdings die Pointe verhagelt. Man sieht ihn mit seiner erklärten „Lieblingstochter“ Eva, der als Einzelkind diesen Rang niemand streitig machen kann. Was Mannheimer allerdings entschieden bestreitet – und dabei lacht. Der Film dokumentiert öffentliche und private Momente des Zeitzeugen und entwirft so ein freundschaftliches Porträt, das zu keinem Zeitpunkt darüber hinwegsieht, auf welch dünnem Eis Mannheimers Existenz gründet. „Du redest es weg!“, wird ihm einmal vorgehalten. „Es“ lässt ihn auch immer einmal wieder unvermittelt in Tränen ausbrechen, denn Max Mannheimer leidet an einem guten Gedächtnis. Mag auch das Alter dem Charisma des Überlebenden mittlerweile etwas in die Parade fahren, so macht der Film doch deutlich, welche Kraft von der offensiv vertretenen Humanität Mannheimers gerade im Kontakt zu Schülern ausgeht. Durch ein sehr anschauliches, nüchternes, die Schrecken in keiner Weise bemäntelndes Erzählen hält der Zeuge „es“ auf Distanz, was gerade deshalb Eindruck macht, weil Mannheimer nichts beschönt und niemanden schont.

 

Der Film zeigt voller Empathie, welche Kraftanstrengung es bedarf, um als Überlebender seine Erfahrungen öffentlich zu machen und als Zeitzeuge zu wirken. Mögen auch einige Szenen des Films etwas übertrieben „privat“ inszeniert sein – einmal sieht man Mannheimer dabei zu, wie er seine charakteristische Frisur in Form bringt –, und wünschte man der Filmemacherin manchmal auch etwas mehr Distanz zu ihrem Gegenstand, so liegt der Wert dieser recht kunstlosen Dokumentation doch darin, dass sie das Wirken dieses bemerkenswerten Menschen für die Nachwelt festhält – für eine Zeit, die ohne Zeitzeugen des Holocaust auskommen lernen muss.

 

Ulrich Kriest

 

Dieser Text ist zuerst erschienen im: film-Dienst

 

Der weiße Rabe - Max Mannheimer

Deutschland 2009 - Regie: Carolin Otto - Darsteller: (Mitwirkende) Max Mannheimer, Edgar Mannheimer, Schwester Elija Bossler, Eva Faessler, Ernst Mannheimer, Ota Filip, Zdenek Pošusta, Nobuya Otomo - Prädikat: besonders wertvoll - Länge: 82 min. - Start: 10.12.2009

 

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