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Was du nicht siehst

 

 

 

Wer als Filmemacher mit verschiedenen „Realitäten“ beziehungsweise der vielleicht nur vorgeblichen Verbindlichkeit von Realität(en) spielt, braucht einige Disziplin in der Gestaltung der „mise en scène“. Ebenso ein Gespür für die Mechanismen der Topoi des Mystery-Genres, auf die man seit jeher bauen kann. Wenn man denn kann! Wolfgang Fischer gelingen in seinem Spielfilmdebüt beide Kunststücke auf eindrucksvolle Weise. Bereits die Eingangssequenz – bretonische Steilküste mit Wind und Wellen, ein junger Mann in Rückenansicht blickt aufs Meer und (Umschnitt) dann direkt in die Kamera, die seinerseits seinen Blick aufnimmt und rasch über die Steilküste hinaus fährt, um einen Blick in den Abgrund zu werfen – produziert mit einfachsten Mitteln souverän einen Sog, der neugierig macht.

Der 17-jährige Anton fährt mit seiner Mutter, deren Liebhaber und dessen Hund in ein Ferienhaus in der Bretagne. Schnell wird klar, dass der Internatszögling Anton noch schwer am Tod seines Vaters trägt – und zu dem eher blassen neuen Liebhaber der Mutter, Paul, ein sehr distanziertes, ja ablehnendes Verhältnis hat. Aber auch Paul interessiert sich nicht sonderlich für Anton. In einer sehr schönen Szene übernimmt Paul, während er auf ein geschäftliches Telefonat wartet, seine Rolle als Erziehungsberechtigter auf derart läppische Weise, dass Anton geradezu staunend daneben steht. Zum Glück klingelt dann das Telefon. Mit seiner Mutter Luzia hat Anton weniger Schwierigkeiten; ihr schwärmt er von seinen Erfolgen im Schulsport vor. So weit das „Coming-of-Age“-Drama.

Ein Zufall, das Walten des Schicksals oder die Kraft seiner Wünsche und Ängste lassen Anton dann einem ungefähr gleichaltrigen Paar begegnen: David und Katja driften stilsicher in einer „Déesse“ durch die Gegend und bewohnen das Nachbar-Ferienhaus. Der sensible Anton ist fasziniert von den Optionen, die ihm das junge Paar zu versprechen scheint. Hier der leicht diabolische und der Gewalt nicht abgeneigte David, dort die zwischen Verführung und Zurückweisung changierende Katja. Auch scheint das junge Paar, übrigens Geschwister, wie Anton irgendwann erleichtert erfährt, ein vergleichbares Schicksal – den Verlust der Eltern durch einen Unfall – erfahren zu haben. Indem Anton sich auf das junge Paar einlässt und mit den Geschwistern umherzieht, verstärkt sich die Distanz zu den beiden Erwachsenen.

Es ist eine einfache Geschichte, aber Fischer schildert sie auf packende Weise, indem er Kapital aus der eindrucksvollen Landschaft und dem ständig wechselnden Wetter der Bretagne schlägt. Unterstützt durch den kreativen Umgang der Kamera (Martin Gschlacht) und der Montage (Isabel Meier) mit dem Raum und unterstützt, vielleicht sogar zuallererst auch evoziert durch die dräuende Filmmusik von Wilhelm Stegmeier, wird aus dem eigentümlichen Sommerfilm allmählich, aber sehr konsequent ein Mystery-Thriller. Sehr früh im Film gibt es Signale und Momente, die irritierend mit der Verbindlichkeit der Erzählperspektive spielen: Mal entwickelt die Kamera ein Eigenleben, entfernt sich von den Figuren und nimmt scheinbar unwillkürlich Details in den Blick, mal wird Anton mit Dingen konfrontiert, die nur er zu realisieren scheint. Es sind solche surrealen, mitunter an Filme von David Lynch, Lars von Triers oder Nicolas Roeg erinnernden Einsprengsel wie die seltsam-bedrohliche Begegnung Antons mit einem grobschlächtigen Straßenarbeiter, das stets urplötzlich auftauchende und eben so verschwindende Geschwisterpaar oder die unvermittelten Gewaltausbrüche Davids, die dem Film seine eigenwillige Atmosphäre verleihen und das Genre des Pubertätsdramas transzendieren. Hinzu kommt, dass sich Fischer auf seine durchweg exzellenten Darsteller verlassen kann: Ludwig Trepte und Frederick Lau gehören seit einiger Zeit schon zu den interessantesten männlichen Nachwuchsdarstellern; über das eigenwillige Charisma von Alice Dwyer braucht man kein Wort zu verlieren, und auch Bibiana Beglau und Andreas Patton lösen ihre sehr unterschiedlichen Aufgaben innerhalb der Figurenkonstellationen glänzend.

Es ist ein langer Weg, den Anton in kurzer Zeit zurücklegen muss: von den kleinen Entgrenzungen des Mundraubs in der Tankstelle über den Drogentrip im lichtdurchfluteten Wald bis zum eskalierenden Finale, bei dem bewusst unklar bleibt, inwieweit sich der Konflikt zuspitzt oder eine (handelnde) Befreiung nur imaginiert wird. Über die Ökonomie des Schlusses mag man streiten, aber schon allein für die Entscheidung, einen Mystery-Thriller zu drehen, der mehr den handwerklich überzeugenden Bildern und Tönen als den Dialogen vertraut und die Herausforderungen eines ambitionierten Genrefilms annimmt (und über weite Strecken prächtig löst), gebührt Wolfgang Fischer der größte Respekt. „Was du nicht siehst“ ist ein Abenteuer, das die große Leinwand allemal verdient hat.

Ulrich Kriest

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in: film Dienst

 

Was Du nicht siehst
Deutschland / Österreich 2009 - Regie: Wolfgang Fischer - Darsteller: Ludwig Trepte, Frederick Lau, Alice Dwyer, Bibiana Beglau, Andreas Patton, Bernhard Baron Boneberg - Prädikat: wertvoll - FSK: ab 12 - Länge: 89 min. - Start: 7.7.2011

 

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