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The Voices




Neurosen verfeinern

Marjane Satrapis "The Voices" identifiziert sich mit der Schizophrenie seines Protagonisten und ist am interessantesten, wenn seine Protagonisten versuchen zu kommunizieren.

Ein Serienkillerfilm über Schizophrenie - und zwar einer, der sich nicht auf eine kühle Beobachterposition oder auf ein sanft humanistisches Mitfühlen zurückzieht, sondern der sich sowohl mit der psychischen Störung als auch mit ihrer blutigen Ausfaltung identifiziert. Und der bei der Identifikation mit Jerry Hickfang (Ryan Reynolds), einem allein mit Hund und Katze über einer Bowlingbahn lebenden Angestellten eines Versandunternehmens, erfreulich weit geht. Der Film belässt es nicht dabei, die "Stimmen im Kopf" Jerrys auf der Tonspur zu objektivieren und den Haustieren in den Mund zu legen (die cool und unbarmherzig über die Schulter in die Kamera blickende Katze setzt sich dabei logischerweise gegen den träge vor sich hin schlabbernden Hund noch fast jedes Mal durch); er partizipiert schon in inszenatorischen Details wie den knallrosafarbenen Klebestreifen (überhaupt: ein angenehm farbiger Film), mit denen Jerry und seine Kollegen Pakete verschließen, an der Psychose seines Protagonisten. Noch besser: In zwar wenigen, dafür aber umso effektiveren Szenen lässt die Regisseurin Marjane Satrapi jeden Realismus der Darstellung sausen und schließt sich gemeinsam mit dem Protagonisten in dessen Privatwelt ein - am radikalsten ganz am Ende, in einer sozusagen rein kognitiven, und auch tatsächlich nicht unoriginellen Musicalsequenz.

Weniger originell leider: Wie der Film, wie Reynolds' Spiel, aber auch Ausstattung und Maske diesen Jerry anlegen. Korrekt frisiert, ein wenig altmodisch, gerne ins Pastellfarbene spielend gekleidet und natürlich dauergrinsend läuft Reynolds durch den Film. Absehbarerweise wird das Grinsen immer schiefer und irgendwann hält er urplötzlich ein Messer in der Hand. Das ist mal wieder der Typ "überkontrollierter Verzichter", auf den psychisch Kranke unabhängig von der konkreten Diagnose in Film und Fernsehen schon seit "Psycho" festgelegt zu sein scheinen; wobei in diesem Fall schon wegen Reynolds' Statur Michael C. Halls Fernsehserienkiller Dexter - der diesen Typus mindestens an einen logischen Endpunkt, vielleicht sogar über sich selbst hinaus geführt hat - als Vorbild wahrscheinlicher ist. Reynolds agiert freilich deutlich manierierter als Hall, legt seine Figur um einige Grade derangierter und nervöser an, übertreibt es gelegentlich auch mit dem Linkischen. Flöten geht dadurch die tief sitzende Melancholie Dexters, die weit über einzelne depressive Episoden hinaus reicht. Und erst recht bleibt jene Ahnung auf der Strecke, die "Dexter" zu einer so nachhaltig verstörenden Serie gemacht hatte: Die Ahnung davon, dass ein auf Dauer gestelltes artifizielles Verhältnis zum eigenen Selbst am Ende interessanter und vielleicht sogar lebenswerter ist, als die Fetischisierung von Authentizität. Anders ausgedrückt (und Sitcoms wie "Seinfeld" wissen das selbstverständlich schon lange): Es ist um einiges interessanter, Neurosen zu verfeinern, als sie zu bekämpfen.

Vielleicht deshalb sind Psycho-Serienkillerfilme oft interessanter, wenn sie sich auf die Seite der dann plötzlich gar nicht mehr normalen Normalität schlagen, anstatt auf die der fast zwangsläufig in Genreklischees normalisierten Devianz. Bei Satrapi geht es leider doch wieder nur um die wahre Natur, die unter der Maske lauert und schließlich hervorbrechen muss (auch wenn diesmal zur Abwechslung eine Perspektive hinter der Maske eingenommen wird). Das immerhin einigermaßen lustvoll zelebrierte Krankheitsbild der Hauptfigur verkommt zum Brandbeschleuniger einer ihrerseits lustlos durchexerzierten Dezimierungsdramaturgie.

Am stärksten ist der Film, wenn er nicht verschrobene Charaktere, sondern verschrobene kommunikative Situationen zeigt. Selbst die Gespräche Jerrys mit seiner Therapeutin sind aus einer sozialen Perspektive interessanter denn aus einer medizinischen: Sie ist offensichtlich von ihm als Mann angetan, während er umgekehrt gerade nach einer Möglichkeit sucht, einmal fern aller erotischen Interessen mit einem anderen Menschen Kontakt aufzunehmen. Besonders schön ist ein anderes Gespräch, das zunächst von wechselseitigem Unbehagen geprägt scheint, dann aber trotzdem funktioniert: Als Jerry mit seiner Kollegin Lisa (im ansonsten eher unausgeglichenen, beziehungsweise von der Regie nicht so recht unter Kontrolle gebrachten Cast ein Highlight: Anna Kendrick) ausgeht, wirken beide zunächst unsicher, wissen nicht nur nicht, was sie vom anderen erwarten können, sondern auch nicht, was sie selbst vom anderen wollen; sind deshalb, wenn alles plötzlich ganz schnell geht und sie miteinander im Bett landen, nicht nur vom anderen, sondern auch von sich selbst überrascht (der Kaffee am Morgen danach ist die schönste Szene von "The Voices"). Überhaupt findet der Film immer dann einen eigenen Tonfall, wenn er sich darauf beschränkt, das Soziotop der Firma, bei der Jerry und auch fast alle anderen Figuren der Handlung angestellt sind, zu erkunden - als eine Ansammlung von Außenseitern, die sexuell und auch anderweitig offensichtlich meist zu kurz kommen, aber die Hoffnung noch nicht aufgegeben haben. Beim gemeinsamen Karaoke-Ausflug jedenfalls singen und rappen sie sich regelrecht die Seele aus dem Leib.

Lukas Foerster

Dieser Text ist zuerst erschienen im: www.perlentaucher.de

 

 

The Voices

USA 2014 - 103 Min. - Start (D): 30.04.2015 - FSK: ab 16 Jahre - Regie: Marjane Satrapi - Drehbuch: Michael R. Perry - Produktion: Nicole Barton, Christoph Fisser, Alex Foster, Roy Lee, Marco Mehlitz, John Powers Middleton, Henning Molfenter, Thomas Nickel, Elika Portnoy, Matthew Rhodes, Douglas Saylor Jr., Cathy Schulman, Mathias Schwerbrock, Adi Shankar, Spencer Silna - Kamera: Maxime Alexandre - Schnitt: Stéphane Roche - Musik: Olivier Bernet - Darsteller: Anna Kendrick, Gemma Arterton, Ryan Reynolds, Jacki Weaver, Adi Shankar, Gulliver McGrath, Stephanie Vogt, Ella Smith, Paul Brightwell, Michael Pink, Valerie Koch, Ricardia Bramley, Aaron Kissiov, Helena Prince, Alessa Kordeck - Verleih: Ascot Elite Filmverleih

 

 

 

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