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¡Vivan las Antipodas!

 

 

 

Aufgehoben sein im Allgemeinen

So lakonisch wie ein Gespräch über das Wetter filmt Viktor Kossakovsky Landschaften. Gleich acht davon werden in "¡Vivan las Antipodas!" gezeigt.

"Im nächsten Leben will ich Wasser sein", sagt ein russisches Mädchen in der einsamen Landschaft am sibirischen Baikalsee. Ein seltsamer Gedanke, der aber gut in Viktor Kossakovskys Dokumentarfilm "¡Vivan Las Antipodas" passt, denn dieser sucht im Wasser nach festen Grundlagen. Inspiriert von Lewis Carrolls "Alice im Wunderland" hat er acht Punkte auf dieser Erde ausgesucht, die einander antipodisch gegenüberliegen. Das ist gar nicht so leicht, denn es gibt ja viel mehr Wasser als Landflächen auf diesem Planeten, deswegen liegen die meisten Antipoden im Meer, und von denen, die erreichbar sind, befinden sich nicht wenige in dünn besiedelten Gebieten. Zum Beispiel eben am Baikalsee oder in Patagonien, in Neuseeland oder in Botswana. Das Maß an Willkür, das Kossakovskys Programm enthält, ist durch eine alte dokumentarische Prämisse gerechtfertigt: Ein Film kann gleich vor der Haustür beginnen (das hat er mit "Tishe", 2002, auch schon gemacht), oder aber in der größten erdenklichen Ferne. Das hat er nun mit "¡Vivan las Antipodas!" gemacht, und dabei ist ein höchst eigenwilliges, faszinierendes Werk entstanden, das die stark konventionalisierte Form der Naturdokumentation erneuert und mit der Lakonik verbindet, mit der Menschen über das Wetter, also das Unabwendbare, reden: "Ganz schön kalt." "Ja, wirklich kalt heute."

Zwei Männer, die im argentinischen Entre Ríos an einer Behelfsbrücke gelegentlich Maut erheben, zählen zu den Protagonisten, ebenso eine Mutter am Baikalsee, deren Tochter für eine Weile aus der Schule in das abgelegene Häuschen in der kargen Landschaft zurückgekehrt ist. Mehr ist kaum zu erfahren, denn Kossakovsky geht es nicht um Figuren, deswegen sind auch die Dialoge allenfalls Fetzen eines Gesprächs über das Aufgehen im Allgemeinen, das in dem Wunsch einer Wiedergeburt "als Wasser" einen Höhepunkt erreicht. Denn dahinter steckt, wie immer bewusst begriffen, der Wunsch, alles zu werden. Und etwas von diesem Wunsch beseelt ist wohl auch Kossakovsky, der in Hawaii eingehend in die lebendige Lava starrt, in China den Menschen zusieht, die auf ihren abenteuerlich bepackten Zweirädern ihren Geschäften entgegenfahren, oder einfach minutenlang einen Vogelflug verfolgt.

Viele dieser Szenen sind mit Musik unterlegt, wodurch sie etwas Theatralisches bekommen, allerdings in einem ganz bestimmten Sinn: Es ist ein wenig, als hätte jemand Christoph Marthaler mit einer Verfilmung der Welt beauftragt. Viktor Kossakovsky handelt in eigenem Auftrag, und gerade das Vermessene an "¡Vivan las Antipodas" macht viel von dem Reiz aus. Die Musik wirkt auch gar nicht so, als wäre sie hinzugefügt worden, im Gegenteil. Man könnte den Eindruck gewinnen, Kossakovkys Kamera wäre so etwas wie eine Plattennadel, ein Abtastgerät, das Bilder und Töne in originären Verbindungen hervorbringt. Der gemächliche Salto (wenn es denn so etwas gibt) ist die rhetorische Figur von "¡Vivan las Antipodas". Den Gedanken, dass wir am (für uns) anderen Ende der Erde erst einmal auf dem Kopf stehen würden, nimmt Kossakovsky ganz wörtlich.

Er fabriziert so ganz wundersame Effekte von Desorientierung, einen leichten Schwindel, der beiläufig auf die schwer kommensurablen Tatsachen verweist: dass wir hier auf einer relativ kleinen Kugel durch das Weltall fliegen. Damit hat es sich aber auch schon mit den Implikationen, das Erhabene, auf das so viele Naturdokumentationen direkt lossteuern (aber auch Terrence Malicks "The Tree of Life", an den man hier wohl auch denken muss), liegt bei Kossakovsky immer höchstens gerade um die Ecke (oder den nächsten Achsensprung).

In "¡Vivan las Antipodas" ist etwas verwirklicht von dem, was am Medium Kino immer uneingelöst blieb, weil schon bald Dramaturgien und Konstruktionen wichtiger wurden als die Erforschung des Erdenrunds mit der Kamera. Was zum Beispiel die Imax-Filme kaum zu ertragen scheinen, nämlich auch nur ein paar Momente bloßen Hörens und Sehens, dafür findet Kossakovsky mit seiner willkürlichen Prämisse von den "Antipathien" (so nennt Alice bei Carroll die Antipoden) eine sehr angemessene Form. Er zeigt eine Welt, die grundsätzlich aus dem Lot ist, weil das Lot eine Anthropozentrik ist, über die er in "¡Vivan las Antipodas" weit hinausgeht. Das "in extremis" des Lebens an abgelegenen Orten bricht sich im "in intimis" eines natürlichen Zusammenhangs, der nichts von Ökosentimentalität hat, sondern von der Aufhebung in ein größeres Ganzes.

Bert Rebhandl

Dieser Text ist zuerst erschienen in der: taz  

¡Vivan las Antipodas!
Deutschland / Argentinien / Niederlande / Chile 2011 - Regie: Victor Kossakovsky - Darsteller: Dokumentation - FSK: ohne Altersbeschränkung - Länge: 108 min. - Start: 23.2.2012 (1. Woche)

  

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