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Viva la Libertà

 

Zermürbt von politischen Intrigen in der eigenen Partei und zudem im Umfragetief, beschließt Enrico Oliveri, der Chef der wichtigsten Oppositionspartei Italiens, den Job kurzerhand hinzuwerfen, sich zu seiner ehemaligen Geliebten Danielle nach Paris abzusetzen und durch diese Aktion unmissverständlich seine Bedeutung für Partei und Politik zu unterstreichen. Doch während der Politiker sich in Paris einer etwas undurchsichtigen Mischung aus Melancholie und Depression hingibt, wählen seine Parteigenossen nach kurzem Zögern einen verzweifelten Ausweg aus ihrer selbstverschuldeten Kopflosigkeit. Jemand erinnert sich an den Zwillingsbruder des Verschwundenen, Giovanni Oliveri, einen exzentrischen Philosophen, der gerade aus der Psychiatrie entlassen wurde.

Eine gute Idee? Wie man es nimmt. Giovanni jedenfalls ergreift als „Kagemusha“ die Chance, die sich ihm bietet – und schenkt dem Wahlvolk als eine Art Volkstribun des radikalen Neuanfangs reinen Wein ein. Worauf die Wähler mit Überraschung, großer Freude und Erleichterung reagieren. Endlich keine Floskeln mehr, die doch nur den unbedingten Willen zur Macht und damit die Verwechsel- und Austauschbarkeit der politischen Lager im Zeichen der Aufrechterhaltung des Status Quo camouflieren. Vorbei die Zeit der politischen Deals! In einer entscheidenden Szene des Films zitiert Giovanni das Brecht-Gedicht „An die Schwankenden“ aus dem Zyklus der Svendborger Gedichte: „Unsere Parolen sind in Unordnung. Einen Teil unserer Wörter / Hat der Feind verdreht bis zur Unkenntlichkeit.“

Doch die kleine Utopie eines Brecht-Lyrik zitierenden Politikers täuscht darüber hinweg, dass die Fragen von 2014 nicht unbedingt mit den Fragen von 1938 beantwortet werden können. Denn wovon Brecht noch ausgehen konnte, wenn er von „unserer Sache“ sprach, ist heute ohne Adressaten. Während Giovanni als „máximo lider“ mit ein paar unverbindlichen Phrasen und seinem berechenbar unberechenbaren Verhalten die politische Szene aufmischt und schließlich sogar ein Tänzchen mit der deutschen Kanzlerin wagt, taucht der einstige Cineast Enrico in Paris in die aktuelle Filmszene ein, was „Viva la Libertà!“ aber nur dazu nutzt, ein Milieu („Kultur“) gegen ein anderes Milieu („Politik“) auszuspielen, wobei sich „Kino“ und „Politik“ in ihrem Interesse an Inszenierung und Montage von Wirklichkeit(en) treffen. Ein wuchtiger Kurzauftritt Fellinis als Wutbürger avant le lettre soll für einen sentimentalen Theatercoup sorgen.

So gefällt sich Roberto Andòs märchenhafte Verfilmung seines eigenen Romans „Il trono vuoto“ in der burlesken Kritik der herrschenden Verhältnisse, wobei sie primär auf das komödiantische Talent des Hauptdarstellers Toni Servillo vertraut. Als Politsatire ist der Film aber etwas zu gemütlich und zu simpel ausgefallen, zumal er, abgesehen von ein paar Gemeinplätzen, politisch kaum Profil zeigt. So umfassend die Kritik am „System Berlusconi“ auch formuliert sein mag: als Analyse gelangt der Film nicht über Hal Ashbys Plädoyer für Naivität in „Willkommen Mr. Chance“ (fd 22 647) hinaus: Der Kaiser ist nackt! Kinder an die Macht! Wenn man, wie Andò es beschreibt, die Berlusconi-Ära als einen fortgesetzten Krieg des Fernsehens gegen das Kino sieht, dann lässt sich die Harmlosigkeit und Hilflosigkeit seines Werks auch als Hinweis auf die aktuelle Verfassung der politischen Intellektuellen Italiens deuten.

Ulrich Kriest

Dieser Text ist zuerst erschienen in: film-Dienst 5/2014 

 

Viva la Libertà
Italien 2013 - Produktionsfirma: Bibi Film/Rai Cinema - Regie: Roberto Andò - Produktion: Angelo Barbagallo - Buch: Roberto Andò, Angelo Pasquini - Vorlage: Roberto Andò - Kamera: Maurizio Calvesi - Musik: Marco Betta - Schnitt: Clelio Benevento - Darsteller: Toni Servillo (Enrico & Giovanni Ernani), Valerio Mastandrea (Andrea Bottini), Valéria Bruni-Tedeschi (Danielle), Anna Bonaiuto (Evelina Pileggi), Eric Nguyen (Mung), Judith Davis (Mara), Andrea Renzi (De Bellis), Gianrico Tedeschi (Furlan), Massimo de Francovich (Präsident), Renato Scarpa (Arrighi), Lucia Mascino (Demonstrantin), Giulia Andò (Wirtin), Stella Kent (Helene), Saskia Vester - Länge: 96 Minuten - Verleih: Arsenal - Start(D): 27.02.2014

 

 

 

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