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Vier Leben

 

Rauchfahnen aus schwarzen Halbkugeln in der Landschaft. Ein Mann auf der Halbkugel schlägt mit einer Schaufel auf die Oberfläche der Halbkugel, ein dumpfes Geräusch, ein Rhythmus, ein Puls, dann wird das Bild schwarz. Der Puls schlägt weiter, das Herz dieses Films hat zu schlagen begonnen und es hört zu schlagen nicht mehr auf. Viermal wieder die Schwärze, als Zäsur, als Trennung der einzelnen Kapitel und aus der Schwärze taucht, wie etwas, das immer weitergeschlagen hat, man hat es nur nicht gehört, der Puls wieder auf. Dieser Film lebt.

Mann, Ziege, Baum, Kohle. Vier Kapitel, jedes hat einen klar benennbaren Gegenstand. Dazwischen schwarz die Zäsuren, auch die kann man beim Namen nennen: Tod, Nacht, Einschluss, Ende. Ein Mann stirbt, ein Ziegenlamm geht verloren, ein Baum wird gefällt, aufgestellt, zerteilt, Holzkohle wird in aufwändiger Technik aus alten Zeiten gebrannt (bzw. pyrolysiert). All das am selben Schauplatz, ein Dorf auf dem Berg in Italien. Frammartino filmt einen alten Mann, er filmt die Natur, er filmt den alten Mann in der Natur (scheißend). Was Menschen hier tun, als täten sie es von alters her schon, filmt er. Wenn der alte Mann die Weinbergschnecken in seinen Topf sammelt, dann sieht das aus, als hätte er das in seinem Leben tausendmal schon getan. Ganz genauso die anderen Männer im letzten Kapitel beim Errichten der geschichteten Halbkugeln, in denen die Holzkohle entsteht. Eingeübte, aber präfordistische Gesten, denen das Mechanische der industrialisierten Arbeitsteilung nicht eignet. Der Film sagt aber nicht, dies sei das einfache und also richtige Leben. Er zeigt nur, mit leise schlagendem Puls.

Im ersten Kapitel kehrt eine Einstellung mehrfach wieder. Es ist etwas wie die Homebase, die Ausgangsposition, der Ort und die Stelle, an den der Film von den Ausflügen, die er (mit dem alten Mann) unternimmt, stets zurückkehrt. Der Blick geht von einer Höhe auf die Gabelung der Dorfstraße. Zwischen den verzweigenden Straßen steht ein Haus und in diesem Haus lebt der alte Mann, der am Ende des ersten Kapitels gestorben sein wird. Ein Fenster in der Wand, daraus wirft der Mann den Stein, mit dem er den Topf mit den Weinbergschnecken zu beschweren versucht hat. (Das klappt nicht, er bindet dann ein Tuch über Deckel und Topf.) Dieser Stein wird bald darauf zum Mittelpunkt einer Slapstickplansequenz von majestätischer Komik.

(Jetzt folgt ein Spoiler, Beschreibung der Slapsticksequenz, als Beweis, dass Le Quattro Volte von hinreißend raffinierter Einfachheit ist.)

Wieder der Blick von der Höhe. Ein Kleinlaster fährt heran, hält. Es steigen Männer in Römerkostümen heraus wie aus einem Asterixcomic. Bald darauf eine Prozession, nachgespielt wird der Kreuzweg Jesu, die Dorfstraße herunter, dazu gehören auch die Kleinlasterrömer. Etwas später, als alle schon durch sind, folgt, versprengt, wie das Ziegenlamm dann im zweiten Kapitel, ein Kind. Ein Hund steht im Weg, das Kind hat Angst vor ihm. Es wirft Steine, um den Hund abzulenken, nach mehreren Versuchen erst gelingt das. Die Kamera schwenkt nach rechts, dem Kind hinterher, dann wieder zurück, da steht noch immer der Hund. Der trabt zum Kleinlaster und stibitzt den Stein, der den Wagen am Davonrollen hindert, unter dem Hinterrad weg. Man sieht, wie der Laster rückwärts zu rollen beginnt, auf einen Zaun zu, hinter dem bislang wenig beachtete Ziegen herumstehen. Die Kamera schwenkt und just in dem Moment, in dem das Auto mit ziemlichem Krach durch den Zaun bricht, ist sie, dorfstraßenabwärts, der Kreuzwegprozession hinterher, genau so weit, dass man das Geschehen, den Zaundurchbruch, nicht mehr sieht. Als die Kamera dann, immer noch auf derselben, ihrer immer wiederkehrenden Ausgangsposition stehend, zurückschwenkt, sieht man die Ziegen befreit. Sie werden daraufhin eindringen in das Haus, das wir als das des alten Mannes kennen. Eine wirft den Topf mit den Schnecken vom Tisch. Ein letzter Blick auf den alten Mann, im Bett liegend, noch am Leben. Später aber, Ziegen im Bild, tragen zwei Männer einen Sarg durch die Tür die Treppe hinunter.

Dinge wie diese. Ein Lamm, ein Baum, Holzkohle. Dem Rhythmus der Menschen, der Tiere, der Natur und dem ritualisierten Tun der Menschen und dem eingeübten Tun der Tiere in der Natur gewinnt der Film seinen eigenen natürlichen Puls ab. Er ist ein Stück Dokumentarpoesie, in dem Tiere wie von selbst zu Spielfilmdarstellern werden. Ein Mann stirbt, ein Lamm geht verloren, ein Baum wird gefällt und Rauchfahnen stehen in der Luft unter blauem Himmel mit zerrupften weißen Strähnen von Wolken.

Ekkehard Knörer

Dieser Text ist zuerst erschienen in: www.cargo.de

 
Vier Leben
Italien / Deutschland / Schweiz 2010 - Originaltitel: Le quattro volte - Regie: Michelangelo Frammartino - Darsteller: Giuseppe Fuda, Bruno Timpano, Nazareno Timpano - FSK: ohne Altersbeschränkung - Länge: 88 min. - Start: 30.6.2011

 

DVD

ab 8.3.2012 auf DVD

VIER LEBEN wird von NFP marketing & distribution* in Deutschland, Österreich auf DVD veröffentlicht, im Vertrieb von EuroVideo.

VIER LEBEN erscheint auf DVD als Single Disc, DVD 9 (EAN: 4009750204818, Bestell-Nr: 204 813). Neben dem Hauptfilm enthält die DVD ein Making-of (18 Min.), die Dokumentation „La Pita – Das traditionelle Baumritual aus Kalabrien“ (25 Min.) sowie den Kinotrailer.

Technische Angaben:

Ton:  Dolby Digital 5.1

Bild:16:9 (1,85:1)

Länge:85 Min.

FSK: Hauptfilm o. Al (Übernahme beantragt)

Kinostart: 30. Juni 2011

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