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Viel Lärm um nichts (2012)


 

In den Klauen des Stadttheaters

Joss Whedons Shakespeareadaption "Much Ado About Nothing" bleibt auf lauwarmer Halbdistanz zur literarischen Vorlage.

Ist Shakespeare zeitlos? Zumindest, scheint es, in der Hinsicht, dass seine Bühnenstücke wieder und wieder zum Beleg herhalten sollen, dass E- und U-Kultur sich doch eigentlich wunderbar miteinander vertrügen. Das funktioniert in beide Richtungen - wenn auch nicht unbedingt gleich gut. Wo die Stadttheater dieses Landes mit zahllosen punkigen "Romeo und Julia"-Versionen höchstens ihren eigenen Tod herauszögern, hat die versuchsweise Enttrivialisierung des Trivialen, auf die die meisten Shakespeareadaptionen des Unterhaltungskinos zielen, fast immer einen gewissen ästhetischen Reiz. Leider nur fast immer: In Joss Whedons "Much Ado About Nothing" ist dieser Reiz irgendwo zwischen einer allzu konzeptlastigen Planung und einer allzu slicken Ausführung weitgehend flöten gegangen.

Whedon, der schon seit der von ihm produzierten Fernsehserie "Buffy - Im Bann der Dämonen" als smartest guy im Raum der Popkultur gilt und den spätestens seit dem Kinowelterfolg "Marvel's The Avengers" erst recht nichts und niemand mehr aufhalten zu können scheint, verlegt seine weitgehend werkgetreue Adaption von "Viel Lärm um nichts" in die Gegenwart. Anders als zum Beispiel in "10 Things I Hate About You", der Teeniefilmversion von "Der Widerspenstigen Zähmung", bleibt der Originaltext als Restwiderstand gegen diese Übertragung erhalten. Die antinaturalistisch literarische Sprache setzt sich in einen Gegensatz zu den jungen, glatten Fernsehprofigesichtern der Darsteller und dem weitgehend unspezifischen California-High-Society-Dekor (Geld ist einfach da, in Massen, die letzte Frage, die sich der Film stellen würde, wäre, woher es kommt).

Dass die fluiden Konzepte von Gefühl und Identität, die sich in Shakespeares Lustspielen artikulieren, durchaus geeignet sein können, außergewöhnliche kinematografische Sensationen herzustellen, zeigte zuletzt, auf der Berlinale 2013, Matías Piñeiros "Viola", an den Whedons Film leider nur in seinen allerbesten Momenten von ganz weiter Ferne erinnert - und auch in diesen Momenten vermutlich nur, weil die Hauptdarstellerinnen des neuen "Much Ado About Nothing" eine ähnlich fragile Dynamik ausstrahlen wie die des argentinischen Films (Amy Acker kennt man aus Whedons "Angel"; Jillian Morgese jedoch, die die Rolle der Hero übernimmt, ist eine nicht unspektakuläre Neuentdeckung). Ansonsten könnte die Differenz kaum größer sein: Wo Piñeiro sich auf die Shakespeare'schen Spiele seinerseits spielerisch, im Modus des Uneigentlichen bezieht und einen zutiefst instabilen filmischen Text erzeugt, weicht Whedon von den einmal etablierten Regeln keinen Milimeter mehr ab, nimmt von Anfang bis Ende dieselbe lauwarme Halbdistanz zum historischen Text ein. Als Erkenntnis bleibt die Binsenweisheit, dass Menschen manchmal, und in der Liebe vielleicht besonders häufig, a sagen, aber b tun.

Dementsprechend gerät sein "Much Ado About Nothing" in die Klauen einer fast stadttheaterartig stählernen Routine. Die visuelle Gestaltung tut ihr Übriges: Gefilmt wurde in Schwarzweiß - freilich in einem ziemlich kraftlosen, kontrastarmen Schwarzweiß, das keinen ästhetischen Eigenwert besitzt, sondern eher ausschaut, als habe jemand aus einem "normalen" Filmbild einfach die Farbe herausgedreht. Auch ansonsten versucht Whedon das eine oder andere, um den Eindruck von "canned theater" zu vermeiden. Das gelingt ihm tendenziell dann am besten, wenn er dick aufträgt: Der Maskenball wird mit einer stylischen Schaukel-Show eingeleitet, die (falsche) Beerdigung von Hero schaut ziemlich atmosphärisch aus. Öfter allerdings wirkt das alles allzu angestrengt, zum Beispiel, wenn Whedon versucht, einen Monolog "filmischer" zu gestalten, indem er den Sprecher gleichzeitig ein Workoutprogramm absolvieren lässt; man glaubt da, im Hintergrund die Regieanweisungen mitzuhören: Treppe hoch, Treppe runter, Treppe wieder hoch, aber bitte immer weiterdeklamieren.

Lukas Foerster

Dieser Text ist zuerst erschienen im www.perlentaucher.de

 

 


Viel Lärm um nichts

(Much Ado About Nothing)

USA 2012 - 107 Minuten - Start(D): 24.07.2014 - Regie: Joss Whedon - Drehbuch: William Shakespeare, Joss Whedon - Produktion: Kai Cole, Joss Whedon - Kamera: Jay Hunter - Schnitt: Daniel S. Kaminsky, Joss Whedon - Darsteller: Amy Acker, Emma Bates, Sara Blindauer, Brett Ryan Bonowicz, Spencer Treat Clark, Alexis Denisof, Reed Diamond, Nathan Fillion, Ashley Friedlander, Clark Gregg, Anna Grimm, Elsa Guillet-Chapuis, Ashley Johnson, Nick Kocher, Fran Kranz

 

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