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Veronica Mars

 

 

Mag sein, dass Ross Thomas' Kinoadaption seiner Fernsehserie "Veronica Mars" nur etwas für Fans ist. Die aber werden am Film umso mehr Freude haben.

"People say I'm a marshmallow" - aber innen weich und rundum zuckersüß ist Veronica Mars (Kristen Bell) gerade nicht; aufgewachsen ist sie, wie die Eingeweihten wissen, im kalifornischen Neptune, einem Domizil der Reichen, Schönen und Korrupten. Sie selbst wollte stets Abstand nehmen vom morschen Glamour, zum Einen aus einem äußeren Antrieb heraus, weil sie als Tochter eines alleinerziehenden Privatdetektivs eh nie wirklich dazugehören kann, zum anderen aus einem inneren Antrieb heraus, weil sie sich einen scharfen Blick auf ihre Umgebung angewöhnt hat; und diesen Blick in eine Voice-Over-Stimme übersetzt, die schon die Fernsehserie "Veronica Mars" dominiert hat, und die eins zu eins in die nun vorliegende Kinofassung übernommen wurde. Dieser Voice Over macht einen nicht geringen Teil des Reizes von Serie wie Kinofilm aus, weil er die fiktionale Welt, durch die sich Veronica Mars bewegt, aus einer ausgesprochen sympathischen Perspektive erschließt: Neugierig ist Veronica und durchaus auch ein bisschen besserwisserisch. Aber ihr gesundes Selbstbewusstsein verhärtet sich nie zur narzisstischen Coolness, was man schon daran merkt, dass die Metaphern des Voice Overs oft schief bleiben, die Sprachspiele gelegentlich ins Nirgendwo führen, die adoleszente Unsicherheit nie ganz zugedeckt wird.

Das mit dem Abstandnehmen klappte schon früher nie so recht. In ihrer Schulzeit deckte Veronica Mars regelmäßig Verschwörungen auf, die tief hineinreichten in die Sozialstruktur von Neptune. "Veronica Mars", die Serie, war eine eigenwillige Mischung aus High-School-Soap und Neo-Noir-Detektiverzählung. Besser gesagt: eine Verschränkung von beidem; das Eine war vom Anderen nie zu trennen, der neue Boyfriend entpuppte sich regelmäßig als Hauptverdächtiger im aktuellen Mordfall, und eine der ersten Ermittlungen Veronicas betraf - schon das zeigt, dass mit höherem Einsatz gespielt wurde als in den meisten anderen Teenie-Serien - ihre eigene Vergewaltigung. Zu Beginn der Filmhandlung ist das alles dreckige Vergangenheit, in der sauberen Marshmallow-Gegenwart hat die erwachsen gewordene Veronica Jura studiert und plant eine Karriere als Firmenanwältin. Sie würde dann nicht zuletzt genau jene Unternehmen verteidigen, deren korrupten Anteilseignern sie einst das Leben schwer gemacht hatte. Dass es doch anders kommen wird, ahnt man schon, bevor ein Mordfall alte Erinnerungen lebendig werden lässt und Veronica wieder in ihre Heimatstadt lockt.

Was folgt, ist ein Film, der sich kein bisschen von seiner Serienvorlage emanzipiert. Doch das war auch nie der Plan. Letzten März, ganze sechs Jahre nach der (frühzeitigen) Absetzung der Serie, aktivierten Rob Thomas und Kristen Bell die Fans per kickstarter-Kampagne, mit deren Hilfe zwar keine weitere Staffel, aber immerhin eine Fortsetzung in Filmform ermöglicht wurde: zwei Millionen waren urpräunglich als Ziel angegeben, am Ende wurden unglaubliche 5,7 Millionen Dollar eingesammelt. Nicht alle freilich wollten sich damals mitfreuen, manch einer sah gar die Idee des Crowdfunding an sich verraten: Schließlich wurde die crowd nicht aktiviert, um am Hungertuch nagenden Indiemusikern zum großen Durchbruch zu verhelfen oder um die einzigartige Vision eines Amateurfilmgenies zu verwirklichen; stattdessen floss das Geld der Kleininvestoren mitten in den Mainstream zurück. Produziert wurde die Filmversion von "Veronica Mars" von Warner Brothers, aus deren Sicht diese Form des Crowdfunding eine geniale Alternative zu klassischeren Finanzierungsmodellen darstellen dürfte: Die hardcore-Fans strecken das Produktionsbüdget schon vor Produktionsbeginn (weitgehend) vor - alle anderen zahlen hinterher trotzdem Eintritt.

Aber ist das wirklich ein Problem? Doch höchstens für diejenigen, die ernsthaft geglaubt hatten, Crowdfunding würde die Kulturschaffenden aus den Klauen des big business befreien, oder noch besser den Kapitalismus gleich ganz abschaffen. Diese Hoffnung lässt sich problemlos in 140 Zeichen enttäuschen. Eher könnte das Crowdfunding eine Rolle spielen bei einer Strukturänderung im Mediensystem, die schon lange im Gange, aber noch lange nicht abgeschlossen ist: Die klassischen Massenmedien verlieren an Bedeutung, zugunsten flexiblerer Senderformate, die sich nicht mehr am großen Ganzen oder wenigstens der "Mitte" der Gesellschaft orientieren, sondern an (intern nicht allzu stabilen) Teilöffentlichkeiten. "Veronica Mars", die Serie, wurde ursprünglich auf CW ausgestrahlt, dem kleinsten der fünf großen "Network"-Sendern in den USA.

Die Networks haben bis heute in der Theorie den Anspruch, zum und für das ganze(n) Amerika zu sprechen; in der Tat verlieren sie Jahr für Jahr mehr Zuschauer, an Kabelsender, ans Pay-TV, natürlich auch ans Internet. "Veronica Mars" nun war eine Serie, die unter Network-Bedingungen nie richtig funktioniert hatte, weil sie nicht geeignet war, ein Massenpublikum vor dem Fernseher zu vereinigen. Diejenigen, die sich trotzdem auf sie einließen, verfielen dem Charme der Hobbydetektivin umso mehr: Eine eingeschworene Fangemeinde, nicht groß genug, um die Werbekunden eines Network-Senders zufriedenzustellen, aber fanatisch genug, um die Fortführung der Erzählung notfalls auf eigene Kosten zu gewährleisten.

Was auch heißt: Es ging dem Filmprojekt nicht um einen eigenständigen ästhetischen Entwurf, sondern um eine Fortschreibung des einst zu früh Abgebrochenen. Konsequenterweise fühlt sich das Ergebnis auch kaum wie ein echter Kinofilm an. Sieht man von einigen eher gimmickartigen Zugeständnissen ans neue Medium ab (Cinemascope statt 16:9, ein paar stylische Gegenlichtaufnahmen zu Beginn, später die eine oder andere über Fernsehniveau dynamisierte Actionsequenz), ginge die neue "Veronica Mars"-Inkarnation problemlos als eine höchstens ein bisschen überproduzierte Doppel- bis Triplefolge der Ausgangsserie durch. Aus Fansicht - und die übernehme ich hier einfach einmal - heißt das: alles richtig gemacht! (Gleichzeitig muss man hinzufügen: Alle anderen werden sich eher nicht mitgemeint fühlen vom Film - und sollten vielleicht lieber mit der allerersten Fernsehepisode einsteigen: "This is my school. If you go here, your parents are either millionaires or your parents work for millionaires. Neptune, California, a town without a middle class...")

Die Fans wollen natürlich zu allererst wissen, was aus all den alten Bekannten geworden ist. Veronicas Vater, der ewige Underdog Keith Mars, hat sich kaum verändert, ihre alte Flamme, der auch im neuen Film wieder wunderschön tumb-melancholischen Logan Echolls (wieder toll: Jason Dohring) höchstens oberflächlich, schon deutlicher der verwegene biker Weevil, selbstverständlich überhaupt nicht der Oberproll und heimlichen Star der Serie Dick Casablancas (noch toller: Ryan Hansen); Krysten Ritter hat als zickige Gia Goodman eine Schlüsselrolle, die wenigen Neuankömmlinge im Cast (Martin Starr, James Franco als James Franco) fügen sich perfekt ein. Klug ist schon die erzählerische Konstruktion, die Rückkehr nach Jahren der Abwesenheit, die dafür sorgt, dass die Wiedersehensfreude Veronicas mit der des Zuschauers in Eins fällt, weitgehend elegant gelingt es dem gleich selbst die Regie übernehmenden Rob Thomas außerdem, dieses Serienklassentreffen in einen neuen Kriminalfall zu übersetzen.

Der dreht sich um den Mord an einem Starlet, die Spuren führen zurück zu einem verhängnisvollen Segelausflug, es ist wieder einmal an der Detektivin wider Willen, die schmutzigen Geheimnisse ans Tageslicht zu befördern. Wobei es in "Veronica Mars" gerade nicht ums reinen Tisch Machen geht. Hinter jeder Verschwörung lauert eine weitere Verschwörung, und letzte Wahrheiten, oder auch nur gesichertes Weltwissen, sind ganz grundsätzlich nicht zu haben. Im Großen bleibt das Übel, weil es systemisch ist; im Kleinen kann man es sich halbwegs vom Hals halten. Der Spaß, den man dabei hat, bleibt provisorisch, genau wie das Glück, das man dabei findet, beides reicht stets nur von Serienfolge zu Serienfolge. Und jetzt eben auch einmal ins Kino hinein.

Lukas Foerster

Dieser Text ist zuerst erschienen im: www.perlentaucher.de

 

  

Veronica Mars
USA 2014 - 107 Minuten - Kinostart(D): 13.03.2014 - FSK: ab 12 Jahre - Regie: Rob Thomas - Drehbuch: Rob Thomas, Diane Ruggiero - Produktion: Ivan Askwith, Kristen Bell, Dan Etheridge, Jenny Hinkey, Joel Silver, Danielle Stokdyk, Rob Thomas - Kamera: Ben Kutchins - Schnitt: Daniel Gabbe - Musik: Josh Kramon - Darsteller: Kristen Bell, Jason Dohring, Krysten Ritter, Ryan Hansen, Francis Capra, Percy Daggs III, Chris Lowell, Tina Majorino, Enrico Colantoni, Sam Huntington, Ken Marino, Amanda Noret, Daran Norris, Max Greenfield, Jerry O'Connell - Verleih: Warner Bros.

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