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Das verborgene Gesicht

 

 

Erotik des Sehens

Andrés Baiz' Spiegel-Horrorfilm "Das verborgene Gesicht" enthält eine doppelte Metapher aufs Kino.

Die zentrale Szene des Films, nach einem knappen Drittel der Laufzeit: Eine Umarmung im Badezimmer, Fabiana (Martina García) wirft ihre Arme um ihren Freund Adrián (Quim Gutiérrez), einen erfolgreichen spanischen Dirigenten, der nach Kolumbien gekommen ist, um ein Sinfonieorchester in Bogota zu leiten. Ihr unsicheres Lächeln kann man zu diesem Zeitpunkt noch nicht entschlüsseln, anschließend richtet sie ihre Augen starr zur Seite: Fabiana blickt in einen Spiegel, die Kamera folgt ihrem Blick, stürzt sich in ihre Reflektion und findet an deren Stelle ein anderes, das "verborgene Gesicht".

Wer Angst vor Spoilern hat, hört am besten sofort auf zu lesen.

Denn über "Das verborgene Gesicht" lässt sich kaum sinnvoll schreiben, wenn man dem Film nicht auf die andere Seite des Spiegels folgt. Hin zu einer zweiten Frau, Belén (Clara Lago), die man vorher nur einmal kurz gesehen hat, medial vermittelt über eine Videoaufzeichnung: Belén ist Adriáns Ex, die er aus Spanien nach Südamerika mitgebracht hatte; und ganz am Anfang des Films hatte sie mit ihm per Videobotschaft Schluss gemacht. Eine Neue - Fabiana, eine Kolumbianerin, die nichts dagegen hätte, mit ihrem neuen Freund nach Europa zu ziehen - ist schnell gefunden und hilft dem Stardirigenten bald über den Verlust hinweg, dass Belén nach ihrem Auszug aus dem gemeinsamen Haus spurlos verschwunden ist, sorgt höchstens für kleine Irritationen.

Die kruden Drehbuchmanöver, die Belén auf die andere Seite des Spiegels verfrachten, sind nicht der Rede wert - interessant ist höchstens, dass ein deutscher Exilant mit zwielichtiger Vergangenheit eine Rolle spielt. Die Situation, die sich daraus ergibt und die der Film nacheinander aus zwei Perspektiven aufbereitet, ist umso griffiger: Während Adrián und Fabiana ihre Beziehung beginnen, werden sie von Belén beobachtet, die in einem geheimen Teil des weitläufigen Hauses Adriáns, in einem von außen unsichtbaren und schalldicht versiegelten Verschlag, eingesperrt ist. Zwei Fenster (und eine Mikrofonanlage) lassen Belén am Leben ihres Ex und ihrer Nachfolgerin teilhaben - von der anderen Seite her stellen sich die Fenster als eben jene Spiegel dar, die alle neugierigen Blicke zurück auf den Betrachter werfen und die nicht umsonst in Psychoanalyse wie Filmtheorie eine derart wichtige Rolle spielen.

Der Horrorfilm verlegt sich, da der Blick gesperrt ist, auf andere sensuelle Register. Mit lauten Schreien in den Abfluss, Hämmern gegen Heizungsrohre und Manipulationen der Wasserversorgung versucht Belén auf sich aufmerksam zu machen; Adrián merkt nichts, Fabiana erlebt die Todesangst ihrer verhinderten romantischen Kontrahentin als unheimlichen Geistereffekt. Doch man muss sich nichts vormachen: den generischen Ablenkungsmanövern zum Trotz ist "Das verborgene Gesicht" ein Film über das Sehen, genauer gesagt über eine (masochistische?) Erotik des Sehens. Praktischerweise befinden sich die beiden Schleusen, die den lichtdurchfluteten, geradezu unverschämt adrett kulturbürgerlich eingerichteten offiziellen Teil des Hauses mit seinem (freilich auch auf eine ein wenig adrette Art) staubig-düsteren Anderen verbindet, im Schlafzimmer und Badezimmer des ersteren. Belén beobachtet Adrián und Fabiana nicht beim Abendessen, sondern beim Sex, in der Dusche, in der Badewanne. Eine zentrale Attraktion des Films sind denn auch Martina Garcías kleine Brüste; wobei man fairerweise hinzufügen sollte, dass Quim Gutiérrez, der männliche Hauptdarsteller, auch nicht schlecht aussieht.

Es ist ein mindestens amüsanter Schachzug, dass der Regisseur Andrés Baiz die dem Film von Anfang an eingeschriebene voyeuristische Struktur im Gefolge des Eintauchens in den Badezimmerspiegel reflexiv wendet - und dann doch nicht bei einer Haneke'schen Medien- und Gesellschaftskritik, sondern in einem Melodram landet; in einem Melodram, das nicht von der sadistischen Macht, sondern von der grundsätzlichen Ohnmacht eines Blicks ausgeht, der nicht erwidert werden kann. Abstrakter kann man den Film als eine doppelte Metapher aufs Kino lesen. Fabiana und Belén verkörpern zwei grundlegende Aspekte der Kinorezeption, die beide mit der Entmächtigung des blickenden Subjekts zu tun haben: Die erste ist die naive, geblendete Zuschauerin des Spezialeffekte-Kinos, die nur langsam beginnt, den Illusionsapparat zu hinterfragen; die zweite durchschaut den Apparat, aber sie bleibt ihm, als eine Sehende, die selbst nicht angesehen werden kann, ebenfalls und sogar noch hilfloser ausgeliefert.

Obwohl das "Haunted House"-Thema eine reichhaltige literarische und filmhistorische Traditionslinie aufruft, funktioniert das alles eher als Ideenfilm denn als Genrefilm: Angsteinflößend ist wenig an "Das verborgene Gesicht" (und blutrünstig schon gleich gar nicht), aber die erotische Konstellation, die der Film eröffnet - die eine Frau, die in den Spiegel hinein-, die andere, die aus ihm hinausblickt -, die lässt einen nicht so gleich wieder los.

Lukas Foerster

Dieser Text ist zuerst erschienen im: www.perlentaucher.de

 

Das verborgene Gesicht
Kolumbien / Spanien 2011 - Originaltitel: La Cara Oculta - Regie: Andrés Baiz - Darsteller: Quim Gutiérrez, Martina García, Clara Lago, Alexandra Stewart, Marcela Mar, Humberto Dorado, Juan Alfonso Baptista - FSK: ab 12 - Länge: 95 min. - Start: 13.9.2012

 

 

 

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