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Verblendung (2011)

 

 

Das Mädchen mit den Schwefelhölzern

David Finchers "The Girl With the Dragon Tattoo" ist vor allem die zweite Verfilmung eines besonders zynischen Bestsellers. Hinter der sich möglicherweise ein formradikaler Autorenfilm verbirgt.

Panta rhei, alles fließt bei David Fincher, und das gilt - "Verblendung" erbringt den Beweis - auch noch dort, wo die Dinge sich längst verfestigt haben zu den drögen, immergleichen Klischees, die der Plotmaschine von Stieg Larssons gleichnamiger Bestsellervorlage als Triebmittel dienen. Die Geschichte wäre wirklich nicht der Rede wert, käme sie einem nur nicht so unangenehm vertraut vor. Von Altnazis und Inzest und Misogynie will sie handeln, sowie vom Missverhältnis zwischen der properen Fassade des heutigen Schweden und all dem Dunklen, das - im Ernst - dahinter nistet. Wenn überhaupt irgend einmal die Erzeugnisse der Kulturindustrie ihr Millionenpublikum verhöhnt haben, dann in der genau berechneten Zusammenführung und Indienstnahme dieser pseudo-kontroversen Topoi zum Zweck ihrer nachmaligen "Enthüllung", wie der dramaturgische Vektor in seiner ganzen Nacktheit angegeben werden kann. So dumm ist das Buch tatsächlich. So dumm sind auch die beiden Filmversionen, Niels Arden Oplevs vom schwedischen Fernsehen koproduzierter anämischer Möchtegernblockbuster von 2009 genauso wie Finchers amerikanische Wiederaufnahme, die sich zu allem Überdruss in Verlauf wie Bildgebung stark am Vorgänger zu orientieren scheint. Oder hat Fincher die Erstverfilmung gar nicht gesehen und ist unabhängig von ihr zu einem ähnlich anmutenden Ergebnis gelangt? Es wäre nicht verwunderlich: Lässt ein derart in Schematismen aufgehobener Plot überhaupt andere Bilder zu als diese?

Trotzdem: Alles fließt bei Fincher, auch diesmal, gerade diesmal. Fast kann man den Eindruck gewinnen, Fincher interessiere sich überhaupt nicht für den letztklassigen Stoff, sondern einzig fürs handwerklich perfektible Exerzitium, für die Schwünge und Rundungen seiner auktorialen Handschrift. In seinen weniger überzeugenden Momenten ist das Designkino, das über eine genaue Abstimmung von Farben, Formen und Texturen eine Nische zwischen Volvo, Philippe Starck und Nine Inch Nails zu besetzen sucht; visuelles Derivat des lauen Plots, das trügerische Oberflächen evozieren soll. In den besten Momenten von "Verblendung" jedoch geht dieser ganze Tand auf in schier endlosen, (fast) nie kulminierenden Parallelmontagen, die mit so altmodischen Regularien wie jener der Ermittlung, des Suspense, oder auch nur des markierten Szenenübergangs aufräumen und an ihre Stelle einen steten Fluss elliptisch verfügter Mikrobewegungen setzen. Diese Parallelmontage, die "The Girl with the Dragon Tattoo" auch als Ganzes ist, und als die man den Film einzig empfehlen sollte, ist reine Magie, wenngleich auf verlorenem Posten. Auch die an den Rändern verschatteten - und in einer eindrücklichen Szene: weißlich diffundierenden - Bildräume (Kameramann: Jeff Cronenweth, courtesy of RED) hat man so noch nicht gesehen. Es bereitet Schwierigkeiten, die Begrenzungen des Bilds auszumachen, der Bildrand frustriert noch den gezielten Versuch, ihn zu fixieren, dingfest zu machen. Nur hier wird das Verrätselte und Vieldeutige, das die Erzählung so angestrengt behauptet, wirklich schlagend.

Warum hält sich Fincher überhaupt mit diesem banalen Stoff auf, an dem er allem Anschein nach noch nicht einmal besonders interessiert ist? Sollte "Verblendung" sich zuletzt als eine Art formradikaler Autorenfilm herausstellen, der, in Anlehnung an die Lektürepraxis mancher Auteurs, nach dem Ideal eines reinen Films strebt, den es aus der narrativen Umklammerung zu lösen gilt? Die Klammer ist bei Fincher wohlweislich noch da, aber sie ist von einer solchen Belanglosigkeit, dass sie sich gleichsam selbst erübrigt. Dass der Versuch, "Verblendung" ernst zu nehmen, vielleicht sogar zu mögen, auf eine so gespreizte Interpretation angewiesen ist, spricht nicht gerade für den Film.

Schlussbemerkung zum "crotch shot" (Spoiler!): Aus schwedischen Medien verlauten Beschwerden, wonach die Figur der Lisbeth Salander (Rooney Mara) in Finchers Version irgendwie fragiler oder jedenfalls weniger riot-grrrl-mäßig unterwegs sei als sich das gehöre. Tatsächlich hat Fincher den narrativen Unterstrom des rape revenge auf ähnliche Weise feministisch radikalisiert, wie Quentin Tarantino es in seinem meisterlichen "Death Proof" vormachte. Die Apotheose ist bei Fincher noch großartiger: Den Flammentod des frauenmordenden Bösewichts zeigt er uns in einem Close-Up durch Lisbeths Schritt hindurch, dessen Konturen vor der Feuersbrunst im Bildhintergrund aureolisch aufleuchten.

Nikolaus Perneczky

Dieser Text ist zuerst erschienen im:www.perlentaucher.de

Zu diesem Film gibtís im archiv der filmzentrale mehrere Texte

Verblendung
OT: The Girl with the Dragon Tattoo
USA 2011 - 158 min.
Regie: David Fincher - Drehbuch: Steven Zaillian - Produktion: Scott Rudin, Ceán Chaffin, Søren Stærmose, Ole Søndberg - Kamera: Jeff Cronenweth - Schnitt: Kirk Baxter, Angus Wall - Musik: Trent Reznor, Atticus Ross - Verleih: Sony - FSK: ab 16 Jahre - Besetzung: Daniel Craig, Rooney Mara, Christopher Plummer, Stellan Skarsgård, Steven Berkoff, Robin Wright, Yorick van Wageningen
Kinostart (D): 12.01.2012

 

 

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