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Venus im Pelz

 

 

Der Stoff greift über

In Roman Polanskis Zweipersonenstück "Venus im Pelz" spielt das Theater des Sadomasochismus mit dem Sadomasochismus des Theaters.

Roman Polanski macht wieder Theater: nach Yasmina Rezas "Gott des Gemetzels" hat er jetzt ein Broadway-Stück adaptiert, "Venus im Pelz" von David Ives. Das Ergebnis ist kleiner, feiner, reduzierter. Zwei Menschen, eine Bühne, ein paar Requisiten, sonst nichts. Ein Film über die Macht der theatralen Illusion - wie man mit ganz wenig eine Geschichte erzählen kann. Der Schauplatz ist ein kleines Pariser Theater, draußen blitzt und donnert es wie in einem Schauermärchen, drinnen verzweifelt der junge Regisseur Thomas (Mathieu Amalric, dem jungen Polanski zum Verwechseln ähnlich) an der Besetzung seiner Hauptfigur. Er will Leopold von Sacher-Masochs Skandalroman "Venus im Pelz" auf die Bühne bringen, kann aber keine passende Vanda finden. Wer könnte sie spielen, jene eiskalte Venus im Pelz und mit Peitsche, der sich der junge Severin als Sklave unterwirft?

Da platzt - viel zu spät und mit verzotteltem Haar - eine nicht mehr ganz junge Frau in den leeren Theaterraum (Emmanuelle Seigner, Polanskis Ehefrau), die behauptet, Vanda zu heißen und die geeignete Schauspielerin zu sein. In ihrem Mund pappt eine Menge Kaugummi, an ihrem Körper ein Leder-Fetisch-Korsett. Lesend und deklamierend begeben Thomas und Vanda sich in die Sacher-Masoch'schen Erzählwelt, bis Fiktion und Realität ineinanderzufließen beginnen. Stück für Stück kehrt Vanda die Machtverhältnisse um und wandelt sich von der abhängigen Schauspielerin zur Frau, die die Zügel in der Hand hält: das Stück franst aus, der Stoff greift über. Das Theater des Sadomasochismus (immer inszeniert der Masochist, er erfindet Szenarien und dirigiert Figurenkonstellationen) überlagert sich mit dem Sadomasochismus des Theaters (seinen asymmetrischen Abhängigkeits- und Machtverhältnissen).

Es ist Vanda, die sich zur eigentlichen Regisseurin mausert, die hier eine Szene hinzuimprovisiert und dort mit ein paar schnellen Handgriffen die Lichtregie übernimmt. Dabei bleibt unklar, wer sie wirklich ist und woher sie kommt. Ihr Spiel kennt kein Außen, es hört nie auf. Ist Sacher-Masochs kalte Venus als Rachegöttin in die Welt zurückgekehrt, um einem eingebildeten Jungregisseur eine Lektion zu erteilen? Alles bleibt in der Schwebe. Immer schneller dreht sich das Rollenkarussell zwischen Vanda und Thomas, immer übermütiger gleiten die beiden in verschiedene Szenen und Situationen. Ein schnell übergestreiftes Jackett, eine strenge Brille - schon erscheint Vanda als Psychoanalytikerin, die dem auf der Couch liegenden Thomas seine heimlichsten Sehnsüchte auf den Kopf zusagt. Der wiederum schlüpft schließlich selbst in die Rolle von Vanda, mit Lippenstift und Stöckelschuhen.

In visueller Hinsicht ist Polanskis Theaterspaß nicht besonders verfeinert (Kameramann Pawel Edelman erzählt, Polanski und er hätten sich zur Vorbereitung Rob Marshalls Musicalverfilmung "Chicago" aus dem Jahr 2002 angesehen), trotzdem hält "Venus im Pelz" seine Zuschauer bei der Stange: Seigners und Amalrics erotisch aufgeladene Katz-und-Maus-Spielchen gehen runter wie Öl, der Film flutscht wie gutes Boulevardtheater das eben tut (das Stück läuft seit September 2013 auch im Berliner Renaissance-Theater). Da ist ein Hang zur ironischen Brechung und Profanierung, der Spaß macht: Vandas kostbarer "Pelz" ist nichts als ein ellenlanger Wollschal, außerdem staksen Vanda und Thomas bei ihren sadomasochistischen Verwerfungen durch die übriggebliebenen Kulissen eines Westernmusicals: eher Santa Fe denn Belle Epoque.

Das größte Vergnügen bereitet natürlich Vandas freche Respektlosigkeit, wie ein Kind im Kasperle-Theater freut man sich, wenn die anfangs dumm-ordinäre Schauspielerin sich als kluge und scharfe Kritikerin entpuppen darf: Sacher-Masoch, das sei keine Weltliteratur, sondern frauenfeindliche Pornografie, wettert sie an einer Stelle. Das wiederum dürfte Polanski zu der Beteuerung angeregt haben, ihn habe die "die feministische Seite" des Projekts interessiert. Ob es die wirklich gibt, sei dahingestellt - zu augenzwinkernd selbstironisch ist die Dekonstruktion sexistischer Stereotypen, zu sehr Parodie von Geschlechterkampf denn wirklicher Kampf. Vielleicht ist man an dieser Stelle nur bei der finalen Volte des verrückten Rollenspiels von "Venus im Pelz" angekommen - eben bei Polanski in der Rolle des Feministen. Mal ganz was Neues.

Elena Meilicked

Dieser Text ist zuerst erschienen im: www.perlentaucher.de

Zu diesem Film gibtís im archiv der filmzentrale mehrere Texte

 

 


Venus im Pelz
OT: La Vénus à la fourrure
Frankreich 2013 - 96 min.
Regie: Roman Polanski - Drehbuch: David Ives, Roman Polanski - Produktion: Robert Benmussa, Alain Sarde - Kamera: Pawel Edelman - Schnitt: Hervé de Luze, Margot Meynier - Musik: Alexander Desplat - Verleih: Prokino - FSK: ab 16 Jahren - Besetzung: Emmanuelle Seigner, Mathieu Amalric
Kinostart (D): 21.11.2013

 

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