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Venezianische Freundschaft

 


Es ist ein Schicksal, das nicht selten ist in Italien und anderswo, ein Migrationsleben, von dem die Mainstream-Gesellschaft nur wenig mitbekommt. Vor allem, weil sie nur wenig mitbekommen will. Shun Li ist eine von den vielen chinesischen Frauen, die in den von kriminellen Organisationen kontrollierten Sweat Shops Textilien näht. Ihre Sehnsucht gilt dem Sohn, den die Mafia in China festhält. Und da sie widerspruchslos und fleißig arbeitet, wird sie zur Belohnung von Rom nach Chioggia, in die Lagune Venedigs, versetzt. Dort soll sie eine kleine Bar führen, die vor allem von den raubeinigen Fischern frequentiert wird. Die bleiben der nur mühsam Italienisch lernenden neuen Barista reserviert bis feindselig gegenüber. Aber richtig böse sind sie gewiss nicht. Schließlich waren auch Shun Lis Eltern Fischer.

Soweit die Geschichte, wie sie hundertmal geschieht. Der Rest aber ist ein Märchen, die Freundschafts- oder sogar Liebesgeschichte zwischen Shun Li und dem Fischer Bepi, selber nicht wirklich zuhause, wo er ist. Und diese Geschichte beginnt mit der gemeinsamen Liebe zur Poesie. So eine Beziehung trifft auf Misstrauen und Niedertracht. Aber die Liebe ist ziemlich stark.

Dieses Märchen wird in sehr schönen, meistens mit dem natürlichen Licht aufgenommenen Bildern erzählt. Der Regisseur Andrea Segre hat einerseits eine Vergangenheit als Dokumentarfilmer, und Chioggia ist andererseits sein Heimatort. Das gibt dem Märchen eine realistische Grundierung. Die Poesie ist einer eher tristen Wirklichkeit abgetrotzt. Aber dann wird sie auch in kräftiger Dosierung verabreicht. In richtig schönen Bildern, die man im richtigen Chioggia zwar finden kann, aber kaum in solcher Dichte. Warum auch soll man nicht, in den Zeiten von Krise und Heimatlosigkeit, im Kino ein wenig träumen dürfen?

»Io sono Li«, der italienische Originaltitel des Films »Venezianische Freundschaft«, lässt sich übrigens auf zwei Arten lesen, als das »Ich bin Li« der Hauptfigur und als eine Behauptung: »Ich bin da«. Und vom Da-Sein an einem Ort, davon kann das Kino immer noch erzählen. Wenn es sich ein bisschen Zeit und Liebe nimmt.

Georg Seeßlen

Dieser Text ist zuerst erschienen in: strandgut

 

 

Venezianische Freundschaft

(Io sono Li) - Italien, Frankreich 2011 -  97 Minuten - Kinostart(D): 5.12.2013 - FSK: ab 6 Jahren - Regie: Andrea Segre - Drehbuch: Andrea Segre, Marco Pettenello - Produktion: Francesco Bonsembiante, Francesca Feder - Kamera: Luca Bigazzi- Schnitt: Sara Zavarise - Darsteller: Tao Zhao, Rade Serbedzija, Marco Paolini, Roberto Citran, Giuseppe Battiston

 

 

 

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