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Vaterlandsverräter

 

 

Annekatrin Hendels Dokumentarfilm "Vaterlandsverräter" porträtiert einen unversöhnten Schriftsteller und ehemaligen Stasi-IM.

"Ich hör' diese scheiß westdeutschen Filmfragen genau raus", sagt Paul Gratzik am Anfang, im Ruderboot, auf einem kleinen See. Annekatrin Hendel, die Regisseurin des Films, die mit ihm im Boot sitzt, ist gar keine Westdeutsche, wie Gratzik hat sie in der DDR gelebt, ihrer Stimme hört man sogar die Dialektfärbung an, seiner nicht. Trotzdem ist der Schriftsteller Gratzik, Autor der proletarischen Romane "Transportpaule" und "Kohlenkutte" sowie zahlreicher Bühnenstücke, misstrauisch. Vor allem anderen will er nicht vereinnahmt werden, von niemandem. Und den Kapitalismus mag er sowieso noch immer nicht.

Eine sonderbare Gestalt ist Gratzik heute. Zu seinem braunen Hut trägt er durchweg Hemd und Krawatte, darüber aber abgerissene Wollpullover und speckige Winterjacken. Er trinkt Bier in der Straßenbahn, Korn in der Konditorei und auch sonst dreht sich viel um Alkohol. Fast meint man, in den Rissen durch diese prekäre Existenz noch immer einen der grundlegenden Widersprüche nachvollziehen zu können, die diesen Mann prägten: nämlich den zwischen dem Intellektuellen Gratzik, der zwar eine Außenseiterfigur der DDR-Literaturszene war, aber gleichzeitig doch ein Freund Heiner Müllers und Förderer Sascha Andersons, und dem Arbeiter Gratzik, der in der Nachkriegszeit Tischler lernte und noch in den Siebzigern, als er längst literarische Erfolge feiern konnte, in der Brigade Kernbau im VEB Transformatorenwerk Dresden Trafos baute. Ein Widerspruch, der natürlich kein prinzipieller ist, sondern ein historisch gewachsener, aber eben einer, den auch der Arbeiter- und Bauernstaat DDR nicht aufzulösen imstande war.

Über diesen Aspekt der Biografie Gratziks, der zumindest für sein eigenes Selbstverständnis wichtig sein dürfte, hätte ich gerne mehr erfahren. Es ist aber durchaus verständlich, dass Hendel sich für einen anderen Widerspruch interessiert: Der fein- und eigensinnige Literat Gratzik verfasste ab den sechziger Jahren als IM "Peter" Berichte über Künstlerkollegen für die Staatssicherheit. Immer wieder wird im Film direkt aus diesen Berichten, die genau so geschwätzig und niederträchtig sind, wie man sie sich vorstellt, vorgelesen, der Verfasser selbst betreibt, mit ihnen konfrontiert, in erster Linie Sprach-, nicht Selbstkritik: Wie konnte er nur solche Sätze schreiben, was für ein fürchterliches Deutsch. Anfang der Achtziger löste er sich von der Stasi und wurde selbst zunehmend verdächtig, unter anderen schrieb dann sein eigener Schützling Anderson Berichte über ihn.

Beeindruckend ist die Rechercheleistung, die hinter dem Film steckt und auch, dass es der Regisseurin gelungen ist, so viele Menschen dazu zu bringen, mit ihr über unangenehme Passagen des eigenen Lebens zu sprechen. Hendel hat nicht nur Gratzik vor die Kamera bekommen, sondern auch zwei seiner drei Kinder, einige damalige Weggefährten, seine ehemalige Geliebte Renate Biskup, eine Opernsängerin, die bei der Aktenlektüre in Wut ausbricht und - vielleicht am erstaunlichsten - sogar seinen Stasi-Führungsoffizier Günter Wenzel. Der scheint der einzige zu sein, der mit der Vergangenheit seinen Frieden gemacht hat, wahrscheinlich vor allem, weil es ihm gelungen ist, die Gegenwart komplett zu ignorieren; er sitzt ruhig vor der Kamera und vertritt in entspannter Rede die Staatsräson der DDR, als habe sich die Welt seit den frühen Achtzigern nicht verändert. Alle Interviews sind in einer Weise gefilmt und geschnitten, die den Gesprächspartner respektiert, ohne ihm zu viel Raum für Selbstdarstellung zu geben. Eher überflüssig erscheinen neben diesen eindrücklichen Szenen die glücklicherweise im Film eher peripheren Versuche, Vergangenheit mittels Malerei und Geräuschkulisse zu evozieren.

Aufzudecken gibt es in der politischen Biografie Gratzik nicht mehr viel, ihr komplettes Scheitern liegt längst offen zutage. Wenn der Film dann trotzdem noch einmal nachfragt, das Vergangene noch einmal ausbreitet, trifft er auf einen Widerstand, der sich nicht in die Geschichtsschreibung integrieren lässt: auf den heute lebenden Menschen Gratzik selbst, einen 75-jährigen Grantler, der von 600 Euro monatlicher Rente lebt und noch letztes Jahr ein dramatisches Stück namens "Der Führergeburtstag" verfasst hat. Dass "Vaterlandsverräter" das Unversöhnte, Unzeitgemäße an Paul Gratzik nicht wegerklären will, sondern aushält und neu befragt, ist eine große Stärke des Films.

Lukas Foerster

Dieser Text ist zuerst erschienen in: www.perlentaucher.de  

Vaterlandsverräter
Deutschland 2011 - Regie: Annekatrin Hendel - Darsteller: Paul Gratzik, Matthias Hering, Ernstgeorg Hering, Ursula Karusseit, Raphaela Schröder, Günter Wenzel, Renate Biskup, Antje Mauksch, Gabriele Dietze - FSK: ohne Altersbeschränkung - Länge: 97 min. - Start: 20.10.2011

 

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