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Valerie

 

 

 

Weil der geliebte Partner ein halbes Jahr im Koma liegt, entschließt sich die Kosmopolitin Valerie, ihre Zelte in Los Angeles abzubrechen und nach Berlin zu ziehen. Für die Zeit ihrer Abwesenheit, so der Plan, will sie einen Videofilm drehen, der dem Komatösen nicht nur die (Warte-)Zeit verkürzen, sondern diesen gewissermaßen durch die Kraft der Liebe ins Leben zurückholen soll. Zu Beginn der Aufzeichnungen ist sich Valerie ganz sicher: „Hier endet meine Reise zu den Männern. Sie endet bei Dir. Mit Dir nehme ich Abschied von allen, die mal meine Liebhaber waren, und allen, die noch kommen wollten. Kein großer Bahnhof nötig. Du bist mein letzter Mann. Die Reise ist vorbei. Ich bin angekommen.“ Doch dann kommen die Erinnerungen, und es beginnt die Zeit der Reflexion. „Valerie“ ist der letzte Teil einer von Hubertus Meyer-Burckhardt produzierten Trilogie mit Monologfilmen, die 2002 mit „Mein letzter Film“ (fd 35 702) begann und 2005 mit „Ein ganz gewöhnlicher Jude“ (fd 37 442) fortgesetzt wurde. Der Film bietet Franke Potente eine Plattform für einen Parforce-Ritt, um knapp 90 Minuten lang gedrechselte Texte von Roger Willemsen zum Thema „Liebe“ aufzusagen, während Benedikt Neuenfels mit der Kamera experimentiert. Regie führt nicht mehr Oliver Hirschbiegel, sondern Josef Rusnak, der wie Franka Potente auch eine Zeit lang in Los Angeles gearbeitet hat. Roger Willemsen verfasste zunächst das Drehbuch zum Film, fertigte dann aber, als sich die Produktion verzögerte, aus dem zugrunde liegenden Text sein Romandebüt „Kleine Lichter“ (2005). Die Literaturkritik monierte seinerseits, dass es sich eher um einen als Roman getarnten Essay handle, eher um eine „Literatursimulation“ denn um Literatur.

Unter der stilisierten Kunstsprache, die Franke Potente direkt in die Kamera zu sprechen hat, zerbricht der Film und kippt ins Selbstparodistische. Da wacht eine Frau nachts auf und mahnt druckreif in die Kamera: „Aber Vorsicht! Besonders schmerzhaft sind tiefe Erfahrungen mit flachen Menschen. Die Oberflächlichen haben nichts, wo du alles hast.“ Ist das albern? Würde man angesichts solcher Sentenzen nicht auch dankbar ins Koma sinken? Oder: „Wenn ich Dich je besitzen wollte, dann vielleicht, weil man Dich nicht besitzen kann. Du hast ein Loch in deinem Fundament. Du entkommst.“ Ist das prätentiös? Damit die fortwährend rezitierten Kalendersprüche nicht gar so wertvoll im Raum stehen und zum Diktat rufen, muss auch die Kamera allerlei impressionistische Faxen unternehmen. So darf Franka Potente des nachts minutenlang in ihren Kühlschrank hinein parlieren oder die Kamera leicht angetrunken mit Boxhandschuhen traktieren. Schließlich gilt: „Nur, wo eine Wunde ist, ist auch ein Individuum.“ Natürlich lebt das Paar in einem überwältigenden Kreuzberger Loft, ausgestattet mit allen Insignien reicher und schicker (Kultur-)Bohemiens. Einige Tage nimmt sich Valerie Zeit, um die Geschichte dieser Liebe und vieler vorangegangener Lieben zu reflektieren, stets um eine möglichst tiefgründelnde Sentenz bemüht. Doch der Film vertraut nicht einmal seinem Konzept des Monologischen. Immer wieder wird eine zweite Kamera eingesetzt, die zeigt, wie Valerie ihr Video-Tagebuch produziert. Wodurch die ohnehin exzentrische Idee vollends der Lächerlichkeit preisgegeben wird, etwa wenn eine Kamera Franka Potente dabei beobachtet, wie sie mit der Videokamera in der Hand unbeholfen in High Heels durchs Zimmer walzert oder mit dem Staubsauger zu öder Rock-Musik eine Rock-Choreografie imitiert. Wenn ganz am Schluss eine Krankenschwester lästert, dass Valeries Liebesbotschaften nach sechs Monaten Dauerbeschallung an Körperverletzung grenzen, ertappt man sich selbst beim Nicken.

Ulrich Kriest

Dieser Text ist zuerst erschienen in: film Dienst

 

Valerie
Deutschland 2009 - Regie: Josef Rusnak - Darsteller: Franka Potente, Stephanie Stumph, Maria Hartmann, Guido Föhrweißer, Douglas Hanson, Anthony Grady, Ron Gilbert, Pasquale Cassalia, David Brezman - FSK: ab 12 - Länge: 87 min. - Start: 22.9.2011

 

 

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