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Unstoppable -Außer Kontrolle

 

 

 

 

Doppelte Mopplung

 

Macht höllisch Tempo: "Unstoppable", Tony Scotts Film über einen führerlos Richtung flammendes Inferno rasenden Zug.

"Coaster", das lernt man in Tony Scotts Eisenbahnfilm "Unstoppable", heißt im Bahnarbeiter-Jargon ein Zug, der, wo Gefälle ist, sich in Bewegung setzt und ungebremst führerlos, sehr langsam meist, durch die Gegend rollt. Das sollte nicht vorkommen, versetzt aber, wenn es vorkommt, die zuständigen Stellen auch nicht in Panik. Was gleichfalls nicht vorkommen sollte und wirklich nur durch eindrucksvolle Verkettung einer Reihe höchst unglücklicher Zufälle vorkommen kann: ein Zug, der führerlos ungebremst, aber mit durchgedrücktem Gashebel durch die Gegend rast. Ein solchermaßen aus der Kontrolle des Menschen losgerissener Zug mit gewaltiger Tonnage an teils hoch entzündbarer Fracht brettert nun aber durch Pennsylvania - unstoppable, unaufhaltsam - und sorgt bei der Bahnaufsicht genauso wie beim bösen börsennotierten Transportunternehmen für helles Entsetzen. (Sturzzug versetzt Aktie in Sturzflug.)

Wer nämlich immer noch denkt, soll er doch brettern, der Zug, Gleise gibt es genug, weiß nichts von der scharfen Kurve in der fiktiven Großstadt Stanton, aus der es die Bahn, gelangt sie erst einmal dahin, in ihrer rasenden Fahrt mit Sicherheit trägt, mitten hinein in vom Gott der Spannungsdramaturgie dorthin zu allem Überfluss noch platzierte Öltanks. Unweigerlich wäre Flammendes Inferno die Folge. Etwas klobig sind die Stellschrauben, mit denen das Drehbuch die Spannung nicht nur in diesem einen zentralen Punkt anzieht. Vorher schon lässt es die Kinderlein kommen, in einem Zug nämlich, der sich frontal dem roten rasenden Monster nähert. Hier und dann später auch da herrscht die knappe Not erhoffter Verfehlung. Rettung verspricht dagegen die bremsende Berührung des fliehenden Zuges von hinten: ein, wie man im Bahnarbeiter-Jargon eher nicht sagt, coitus interrumpens, da glühen die Gleise und fliegen die Funken.

Seltsam verfehlen hier einander allerdings ein Regisseur und sein Sujet. Auf den ersten Blick passt das doch: Tony Scott ist der Extrem- und Metakinetiker unter den Hollywood-Blockbuster-Meistern, einer, der kein Bild in Frieden stehen lassen kann, sondern alles am liebsten gleich aus tausend Richtungen zeigt, das Bild selbst mit Filtern traktiert, die Kamera, den Schnitt, Geschichte hoch und höher beschleunigt, ein Mann, der mit filmischen Mitteln auf die außerfilmische Wirklichkeit losgeht wie ein manischer Messerstecher auf seine Opfer. (Das klingt jetzt möglicherweise ein bisschen negativ: Oft macht es in Wahrheit riesigen Spaß, das anzusehen. Und wenn alles passt, setzt es auch mal - "Man on Fire", "Deja-Vu" - ein Meisterwerk.) Auf den zweiten Blick aber ist die filmische Hochbeschleunigung eines hochbeschleunigten Zugs eine doppelte Mopplung, die eher gegenteilige Effekte erzeugt. Von der graden Linie, die das Ausgangs-High-Concept doch vorgibt, weicht Scott mit seinen Versuchen, immer noch mehr Spannung und Tempo aus dem Zug rauszuholen, ablenkend ab und produziert durch Energieüberproduktion viel Reibungsverlust.

Sehr erschwerend kommt mancher Einfall des Drehbuchs hinzu. Leichen und Helden gilt es zu produzieren: Denzel Washington (Witwer, seines Alters wegen schon so gut wie zwangspensioniert) und Chris Pine (zwangsgetrennt von Frau und Kindern) kommen fürs letztere Register gerufen; dran glauben muss nur eine Nebenfigur. Die Privatdialoge als ständige Unterbrechungen der Spannungsfahrt könnten und sollten die beiden sich sparen, sie tun's aber nicht. Die billige Kapitalismuskritik führt nirgends hin als zum geistig sehr schlichten Klischee. Das Fernsehen liefert, realistisch genug, immerzu zusätzliche Bilder, was sich aber weder zu großen Einsichten ins Funktionieren des Mediums noch, ganz im Gegenteil, zu einem Beitrag zum Thrill rundet. Andererseits, muss man bei aller Krittelei zugeben, ist ein Konzept wie das dieses Films dann doch unkaputtbar. Der Action-Aficionado bekommt seinen Kick. Man fiebert summa summarum gut mit.

Ekkehard Knörer

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in: www.perlentaucher.de

 

 

Unstoppable - Außer Kontrolle
USA 2010 - Originaltitel: Unstoppable - Regie: Tony Scott - Darsteller: Denzel Washington, Chris Pine, Rosario Dawson, Jessy Schram, Kevin Dunn, Kevin Chapman, Victor Gojcaj, Jeff Wincott, Elizabeth Mathis - FSK: ab 12 - Länge: 98 min. - Start: 11.11.2010

 

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