zur startseite

zum archiv

zu den essays

Unknown Identity

 

Spricht chorisch Vitruvisches: Jaume Collet-Serras "Unknown Identity".

Was kann man Höheres und Schöneres erreichen im Blockbuster-Kino als eine Szene, in der es der Plot des Films möglich macht, dass Liam Neeson und Aidan Quinn chorisch einen Satz mit irgendwas über Vitruv sprechen, aus heiterem Himmel, und selbst nicht begreifen, warum sie tun, was sie da tun? Oder Bruno Ganz als stolzen Ex-Stasimann und nunmehr in Friedrichshain residierenden Privatdetektiv in den Armen eines von Frank Langella gespielten Oberbosses der Killer nach genossenem Trank aus dem Schierlingsbecher in aller Ganovenehre dahinscheiden zu lassen? Oder bei einem Anschlag auf einen Scheich, der in Sachen Weltrettung oder dergleichen unterwegs ist, die oberen Stockwerke des Hotel Adlon in die Luft zu jagen? (Szenenapplaus.) Und January Jones (Betty Draper!) in der Neuen Nationalgalerie gemeinsam mit Stipe Erceg (sie nannten ihn "er war viel im Bild und sprach kein einziges Wort") durch Spalier stehende riesige Porträtfotografien zu fädeln zum Zweck eines Judaskusses, den sie dann wieder Liam Neeson gibt?

Die Plausibilisierung (bzw. "Plausibilisierung") unwahrscheinlichster Aktionen, Sachverhalte, Menschen-, Raum- und Gegenstandsbehandlungen ist der höchste und edelste Daseinszweck einer speziellen Sorte Film, die man zwar nicht beim Nennwert nehmen, dafür aber mit größtem Vergnügen genießen kann. "Unknown" ist einer von ihnen - eine mit viel Liebe und genau der richtigen Wahl- und Skrupellosigkeit zusammengebastelte Zentrifugalanordnung, in der die Fetzen und Zeichen in einer Weise durcheinanderfliegen, dass nicht nur dem Kenner Berlins, das hier nach Frankensteinart in die Repräsentation übergeht, Hören und Sehen vergeht. Warum die Oberbaumbrücke auf dem kürzesten Weg vom Pariser Platz Richtung Tegel liegt, wissen die Götter. In der anderen Ökonomie dieses Films freilich, der Berlin vor allem - und schlagt mich tot, aber es gelingt von Mies bis Henselmann beeindruckend gut - als stadtarchitektonischen Schauwert versteht, leuchtet es vollkommen ein. Lang stehen die neuen Blockrandscheußlichkeitsbauten in der Friedrichstraße kurz vorm Dussmann noch nicht, aber schon macht "Unknown" das Beste draus: Rückwärts rast auf einer Verfolgungsjagd ein bestens choreografiertes Autotanzpaar durch den pseudoklassizistischen Säulengang, der im richtigen Leben den Fußgängern dient. Noch toller ist eine andere Verfolgungssequenz unter Beteiligung der Straßenbahn, bei der Jaume Collet-Sera in jedem einzelnen Schnitt und im Rhythmus der Action ein Gefühl für sein Medium an den Tag legt, an dem es, um nur einen zu nennen, Andres Veiel von vorne bis hinten gebricht. Bei keinem anderen Film dieser Berlinale habe ich Szenenapplaus des Kritikerpublikums erlebt. Hier kam er spontan, reichlich und war hoch verdient. Dass "Unknown Identity" politische Themen noch dazu auf smartere Weise behandelt als Veiel es tut, kommt für letzteren erschwerend hinzu.

Wirklich interessant ist aber ein anderer Vergleich. "Unknown Identity" ist neben vielem anderen nämlich ein Film der totalen Gegenökonomie zu Thomas Arslans letztjährigem Thriller "Im Schatten". Da stimmte geografisch und nach den Regeln der ästhetischen Correctness alles, hier stimmt in der einen wie anderen Hinsicht gar nichts. Da war alles strenges Gleiten, äußerste Sparsamkeit der Zeichen, Wendungen, Stadtansichten, Figurenausstattung, hier ist alles freies Flottieren, Verschwendung, Exzess. Dass man das eine lieben kann, ohne das andere lassen zu müssen, gehört dann freilich zu den Dingen, die all jenen nicht begreifbar zu machen sind, die in Wahrheit etwas anderes lieben: den ganzen öden, gut gemeinten, blöde breiernen Rest in der Mitte.

Auf seiner basalsten Ebene, der des alles ermöglichenden, aber selbst recht egalen Plots (kurz gesagt: hier ist der Plot reines Medium, aus dem der Film Formen und Konstellationen gewinnt) ist "Unkwnown Identity" ein durch von Philip-K-Dick sowie Hitchcock inspirierte Identitätswechselkonstellationen mäandernder Thriller. Seine Drehbuchintelligenz - und, by golly, auch die Dialoge sind besser als das Informatonsverarbeitungsgestolper bei Veiel - erweist sich von Anfang an: Schritt für Schritt stellt der Film, während andere seiner Art den Zuschauer des eigenen Fortgangs wegen für dumm zu verkaufen versuchen, immer haargenau die Fragen, die man sich als Betrachter der wahrlich unerklärlichen Dinge, die sich hier tun, immerzu auch stellt. Das Hauptproblem, kurz gefasst: Liam Neeson hat einen Unfall und muss hinterher sehen, dass es ihn selbst als Aidan Quinn ein zweites Mal gibt. Schlimmer noch: Seine Frau (January Jones, zu kleine Rolle) hält den anderen für den Echten, mit dem Neeson dann in Anwesenheit Sebastian Kochs, wie erwähnt, chorisch Vetruvisches spricht.

Die Auflösung ist kompliziert, leider bleibt Bruno Ganz (in diesem heißgeschleuderten Klischeeszenario so gut und passend wie seit Jahrzehnten nicht) auf der Strecke. Diane Kruger ist als illegale Taxifahrerin mit serbokroatischem Akzent mehrfach zur Stelle und chauffiert erst Liam Neeson in die Spree und dann Frank Langella und Stipe Erceg (sie nannten ihn "er stirbt dann auch wortlos") in den Abgrund. Unbedingt erwähnenswert ist noch, dass dem Film Schuss für Schuss Politik injiziert wird, und zwar so, dass des Guten zuviel ganz richtig dosiert ist. Hintergrundmotivisch rumort die Rettung der Agrarprobleme der Welt durch eine botanische Gen-Sensation, die noch dazu patentfrei (Monsanto go home!) allen Ländern der Erde zur Verfügung gestellt werden soll. Zuständig dafür ist ein muselmanischer Kopftuch-Junge, der Geld hat wie Heu und Feinde wie Stipe Erceg. Nimm das, Thilo Sarrazin!

Kurz und gut: So viel Spaß gemacht wie "Unknown Identity" hat bei der ganzen Berlinale kein anderer Film. Er war sicherlich aus den falschen Gründen (Studio-Babelsberg-Produktion) im Wettbewerb und ärgerlicherweise war er es außer Konkurrenz. Aber wenigstens war er da und ergab das perfekte Satyrspiel zur Farce, die über weiteste Strecken der Wettbewerb war.

Ekkehard Knörer

 

Dieser Text ist zuerst erschienen im: www.perlentaucher.de

 

Unknown Identity
USA / Deutschland / Großbritannien / Frankreich 2011 - Originaltitel: Unknown - Regie: Jaume Collet-Serra - Darsteller: Liam Neeson, Diane Kruger, January Jones, Aidan Quinn, Frank Langella, Bruno Ganz, Karl Markovics - FSK: ab 12 - Länge: 113 min. - Start: 3.3.2011

 

 

zur startseite

zum archiv

zu den essays